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Jahrgang 4 Nr. 26 vom 26.06.2009
 

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Religion und Kultur

von Walter Reichel

Den Anstoß für die folgenden Überlegungen gaben einige Beobachtungen, die ich während des gerade laufenden Internationalen Musikfestivals in Istanbul machen konnte. Das Programm des in diesem Jahr zum 37. Mal wiederkehrenden Festivals enthält zahlreiche Angebote aus der europäischen und internationalen Musikszene, und zwar sowohl was die aufgeführten Stücke, als auch was die Interpreten betrifft, so dass für fast jeden Musikgeschmack etwas dabei sein sollte.

Wenn man in den Pausen den Blick von den Musikern vorn auf der Bühne weg- und zum Publikum hinwendet, dann kann man eine interessante Beobachtung machen: Zwar wird, und das wohl zu Recht, seit einigen Jahren immer wieder darauf hingewiesen, dass die türkische Gesellschaft mehr und mehr „islamischer“ wird. Blickt man aber in die Konzertsäle des Istanbuler Musikfestivals, dann bemerkt man davon nichts. Man hat den Eindruck, dass hier die traditionelle, mehr oder weniger am Kemalismus orientierte Elite immer noch unter sich ist.

Eine solche Behauptung muss sich natürlich sofort mit dem berechtigten Einwand auseinandersetzen, dass man nicht in das Herz des Menschen hineinsehen, also gar nicht wissen könne, wer unter den Besuchern Muslim ist und wer nicht. Deshalb präzisiere ich meine Beobachtung dahingehend, dass sie sich zunächst auf Frauen bezieht, die das islamische Kopftuch („türban“) tragen. Von diesen, sich selbst expliziert als Muslimas verstehenden Frauen sieht man tatsächlich bei derartigen Konzerten, aber auch bei anderen ähnlichen Veranstaltungen kaum jemanden. Nimmt man nun diese deutlich erkennbare Gruppe von muslimischen Gläubigen als Indikator für eine allgemeinere Tendenz, dann kann man die begründete Vermutung wagen, dass ganz offensichtlich die Besetzung (um nicht zu sagen: Eroberung) des öffentlichen Raumes durch den Islam vor den Tempeln der europäischen bzw. internationalen Hochkultur halt gemacht hat.

Über die Ursachen dieses Phänomens gehen die Meinungen auseinander. Manche Kritiker werfen dem Islam eine grundsätzliche Kulturfeindlichkeit vor, mindestens aber eine Unfähigkeit, andere Kulturen zu akzeptieren, und verweisen dazu auf das islamische Bilderverbot und auf die Zerstörung der Buddha-Statuen im afghanischen Bamiyan durch die Taliban im März 2001.

Aber solche und ähnliche Beispiele greifen zu kurz und können außerdem unschwer durch andere ergänzt werden, aus denen sich genau entgegensetzte Schlüsse ziehen lassen. Dazu wird vor allem auf die Entwicklung des Islam in seinen ersten Jahrhunderten verwiesen, die sich durch eine in der Tat erstaunliche Aufnahmebereitschaft fremden Gedankenguts und dessen Integration in die eigene kulturelle Tradition auszeichnete, was wiederum eine wesentliche Voraussetzung für die Bewahrung und Weitergabe antiken Wissens an das mittelalterliche Europa bildete.

Zudem kann man ähnliche Tendenzen auch in anderen Religionen beobachten. Bilderstürme hat es im 8. Jahrhundert auch in der byzantinischen Kirche vor allem hier in Istanbul gegeben und im 16. Jahrhundert dann noch einmal in der Anfangsphase des Protestantismus. Und die bis heute weit verbreitete, aus dem protestantischen Milieu des Amerika des 19. Jahrhunderts stammende Illustrationen zu Matthäus 7,13-14 „Der breite und der schmale Weg“ weist bezeichnender Weise unter den von Christen unbedingt zu meidenden Orten auch ein Theater auf.

Deshalb trägt dieser Beitrag nicht die Überschrift „Islam und Kultur“, sondern „Religion und Kultur“, weil die eingangs erwähnten Beobachtungen beim Istanbuler Musikfestival nicht einfach nur mit einer bestimmten Religion verbunden werden können, sondern wahrscheinlich in einem allgemeineren Zusammenhang gesehen werden müssen.

Es ist eine unter Religionssoziologen weit verbreitete und akzeptierte Ansicht, dass die Hauptfunktion von Religion in dem besteht, was man „Bearbeitung von Kontingenz“ genannt hat. Diese Ansicht beruht auf der im Grunde einfachen, aber folgenreichen Erfahrung, dass alles, was uns widerfährt, immer auch ganz anders hätte geschehen können, und dass wir das, was wir tun, immer auch ganz anders hätten tun können. Oder mit den Worten des Soziologen Niklas Luhmann: „Kontingent ist etwas, was weder notwendig ist noch unmöglich ist; was also so, wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch anders möglich ist.“ Diese prinzipiell nicht behebbare Kontingenz unseres Lebens verleiht diesem eine fundamentale Ungewissheit und Unsicherheit. Da aber menschliches Handeln und überhaupt jeder menschliche Lebensentwurf eines Mindestmaßes an Verlässlichkeit bedarf - zum Beispiel in der Frage, was richtig und was falsch ist – müssen die Kontingenz unseres Lebens und die damit einhergehenden Ungewissheiten auf ein erträgliches, überschaubares und dadurch lebbares Maß reduziert werden. Eine solche Reduktion von Kontingenz erzeugt jene Sicherheit, die wiederum die Voraussetzung von „Vertrauen“ ist, nämlich von Vertrauen in die gesellschaftlich konstruierten Strukturen und Werte, aber auch in die Sinnhaftigkeit der mir in meinem Leben begegnenden Widerfahrnisse, also dessen, was man Schicksal nennt. Kurz: Es geht um Vertrauen in das Sein.

Wer eine auch nur marginale Kenntnis von Religion hat, der weiß, dass Vertrauen eine zentrale religiöse Theorie ist. Und in der Tat sind es (oder besser: waren es zumindest bisher) primär die Religionen, die die hier besprochene Reduktion von Kontingenz zum Beispiel dadurch geleistet haben, dass sie die Kontingenz dieser Welt und die Ungewissheiten des menschlichen Lebens an einen persönlichen, göttlichen Willen binden, dessen Wohlwollen man sich vergewissern kann und dem man vertrauen kann. Wenngleich die Spannweite der hier möglichen Operationen sehr groß ist und vom einfachen Opfer bis hin zu den hochelaborierten Gedankengebilden etwa der protestantischen Rechtfertigungslehre reicht, so geht es aber im Endeffekt immer um das Gleiche, nämlich um die Rückbindung des eigenen Schicksals an einen göttlichen Willen, der dieses Schicksal aus der Sphäre der Zufälligkeit in die Sphäre der Notwendigkeit hebt.

Wenn man diesem religionssoziologischen Ansatz weiter folgt, dann kann man gut verstehen, dass die Bearbeitung von Kontingenz nur dann funktioniert, wenn die Instrumente, mit denen diese Bearbeitung vollzogen wird, auf Dauer gestellt und nicht jeden Tag erneut hinterfragt werden. Jede Religion hat deshalb einen konservativen Zug und tendiert dahin, alles, was das einmal aufgebaute Vertrauen in das Sein wieder in Frage zu stellen geeignet ist, zu vermeiden, also sich nicht Situationen auszusetzen, die geeignet sind, den einmal eingeschlagenen Weg wieder in Frage zu stellen. Damit einher geht die Tendenz, unter sich zu bleiben und eine Gemeinde Gleichgesinnter zu bilden. Dies wiederum ist der Ausgangspunkt zur Herausbildung unterschiedlicher religiöser Milieus mit ihren spezifischen Verhaltensweisen, ethischen Regeln, sprachlichen Codes usw. Zumindest in den drei großen monotheistischen Religionen wird diese Entwicklung einer jeweils besonderen Identität durch den ständigen, gleichsam institutionalisierten Bezug auf geoffenbarte heilige Schriften legitimiert, denen so eine identitätsstiftende Funktion zukommt. Durch alle diese Operationen wird das Chaos der Ungewissheiten des menschlichen Lebens durch einen Kosmos von religiösen Gewissheiten ersetzt.

Mindestens den Verwaltern der religiösen Gewissheiten ist aber – bewusst oder unbewusst – immer gegenwärtig geblieben, dass diese Gewissheiten selbst kontingent sind, d.h. auch für sie gilt, dass sie so, wie sie sind, sein können, aber auch ganz anders möglich wären. Theologisch wird dieser Sachverhalt im Begriff der „Offenbarung“ reflektiert, der nichts anders als pure Kontingenz bedeutet.

Dies ist sozusagen das verborgene „dunkle Geheimnis“ jeder Religion, dass das von ihr angebotene Konzept der Kontingenzbewältigung selbst kontingent ist. Und es wird viel getan, um es nicht ans Licht kommen zu lassen. Darum zum Beispiel die Tendenz nach Reinheit der Lehre, der Institutionen und des persönlichen Lebens. Darum die umfangreichen Regelwerke. Und darum die mehr oder weniger intensive Abschottung gegenüber all den Bereichen, die geeignet sind, Alternativen zu der vertretenen Religion und ihrer spezifischen Art der Kontingenzbewältigung anzubieten. Ziel all dieser Anstrengungen ist es, auch nur ansatzweise das Aufkommen des Gedankens zu vermeiden, der Ketzer könnte doch Recht haben.

Kehren wir aus der Höhe dieser zugegeben ziemlich abstrakten Überlegungen zurück in die Konzertsäle des Istanbuler Musikfestivals, dann mag es auf der ersten Blick unangemessen erscheinen, die Zusammensetzung der Zuhörerschaft mit den hier angestellten religionssoziologischen Überlegungen in Zusammenhang zu bringen und sogar zu erklären. Und wahrscheinlich würden muslimische Gläubige (wie entsprechend christliche Gläubige etwa in Polen), spräche man sie darauf hin an, diesen Zusammenhang auch leugnen und andere Gründe für ihr Fernbleiben anführen. Dennoch kann m.E. gerade auch vor dem Hintergrund der zunehmenden Islamisierung der Türkei kein Zweifel daran bestehen, dass die Tatsache, welche öffentlichen Räume man aufsucht und welche man meidet, eng mit dem Bestreben zu tun hat, die eigene Identität und die ihr eigene Art der Kontingenzbewältigung zu wahren und gegen Anfechtungen und Aufweichungen zu schützen.

Dass dies so ist, wird indirekt auch dadurch deutlich, dass man all die Überlegungen, die hier angestellt worden sind, auch auf diejenige Bevölkerungsgruppe anwenden kann, die sich als Wahrerin und Verteidigerin des kemalistischen Erbes versteht. Denn auch die kemalistische Bewegung propagiert – in soziologischer Perspektive – ein System der Kontingenzbearbeitung und ist deshalb dem gleichen Paradox unterlegen wie die Religionen, nämlich selbst kontingent zu sein. Gelegentlich ist deshalb vom Kemalismus auch als von einer Zivilreligion gesprochen worden. D.h. auch für den Kemalismus gilt – in soziologischer Perspektive – nahezu das Gegenteil von dem, was er politisch will, nämlich dass es „so, wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch anders möglich ist.“ Deshalb wundert es nicht, wenn man hier auf ähnliche Mechanismen trifft, um die eigene Identität gleichsam kontingenzfest zu machen, also zum Beispiel lieber unter sich bleibt, sowohl im Konzertsaal als auch in einem zusammenwachsenden Europa. [Fortsetzung folgt.]

 

 

 

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