Wochenspiegel Dossiers
Magazin Wirtschaft
Adresse Veranstaltungen
Kleinanzeigen Istanbul Post
Suchen Archiv
Kommunikation Aktuelles
Titel 

Istanbul    Post
Das  wöchentliche deutschsprachige  Internetmagazin  der  Türkei

Jahrgang 4 Nr. 27 vom 3.07.2009
 

Jetzt kostenlos!



 

Es gibt einen Ausweg: Mehr Individualisierung! Aber wie?
II. Teil

von Perihan Ügeöz

Als bäuerliches Agrarland war die Türkei einst eine geschlossene Gesellschaft. Inzwischen hat sie sich über weite Strecken in ein industrialisiertes Land entwickelt.  Ab dem Anfang der 1960er Jahre hat sie so genannte „Gastarbeiter“ in den Westen geschickt, insbesondere ab der zweiten Hälfte der 1990er Jahre verwandelte sie sich jedoch in ein wichtiges Exportland von Textil, Maschinen- und Kraftfahrzeugteilen. Und dennoch!

So tiefgreifend die gesellschaftlichen Wandlungsprozesse der vergangenen Jahre auch waren und so sehr die Wirtschaft im Getriebe der Globalisierung eine erfolgreiche Liaison mit den Weltmärkten zur Schau stellen konnte, einen Übergang von einer geschlossenen zu einer offenen Gesellschaft mit mehr individuellen Freiheiten und Rechten für den einzelnen Staatsbürger hat die Türkei jedoch trotzdem nicht bewerkstelligen können; die Transformation des Bürgers vom gehorsamen Kollektivwesen zum selbstbewussten Individuum auch als Voraussetzung für ein entspanntes Umgehen mit Andersartigkeit ist offenkundig kläglich auf der Strecke geblieben. Das ist eine der verbleibenden Quintessenzen der neuerlichen Studie über „Extremismus und Radikalismus“, deren Befunde zusammen mit den Ergebnissen der nur wenige Monate zuvor durchgeführten Untersuchung zum „Anders sein in der Türkei“ in den Untertexten einer gemeinsamen Botschaft zusammenfließen: Innerhalb der Gesellschaft nimmt die Islamisierung stetig zu und die Religion verwandelt sich für die Mehrheit der Bevölkerung zu einem wichtigen Parameter der alltäglichen Lebensorientierung.

Anstatt zur  friedlichen Harmonie einer gläubigen Glückseligkeit hat diese Entwicklung jedoch hauptsächlich zur Verstärkung der Werteorientierungen einer geschlossenen Kollektivgemeinschaft beigetragen. Unterwürfige Gehorsamkeit in Begleitung einer bedingungslosen Hörigkeit gegenüber den Prioritäten und Werten des Kollektivs sind nicht die einzigen Begleiterscheinungen dieser kollektiven Lebensorientierung. Ein hohes Maß an Misstrauen gegenüber Fremdartigkeit sowie autoritäre Ablehnung bis gar despotische Marginalisierung von Andersartigkeit, die als gefährliche Bedrohung der traditionellen Werte des Kollektivs empfunden werden, sind weitere unabdingbare Folgephänomene der besagten Orientierung.

Die Türkei steht nicht allein mit ihrem Problem

Die türkische Gesellschaft hat ein ernsthaftes Problem im Umgang mit Fremdheit und Andersartigkeit. Das lässt sich nach all den Ergebnissen von mehrfachen Studien jüngeren Datums sowie zahlreichen Alltagserfahrungen nun nicht mehr leugnen. Aber es lässt sich genauso wenig abstreiten, dass die Türkei mit diesem Problem gegenwärtig nicht allein auf Erden steht. Die Ergebnisse der jüngsten Wahlen zum Europaparlament liefern nicht nur ein nachhaltiges Paradebeispiel dazu. Der stramme Vormarsch rechtsradikaler Gesinnung in den Hochburgen Europas erhellt zugleich den Ausblick, in welche sumpfigen Gewässer die Vision von einer europäischen Demokratie der pluralistischen Vielfalt zu gleiten droht.

Die in Europa Tausende von Menschen in die Arme rassistischer Gesinnung treibende Welle der Ablehnung des Anderen unterscheidet sich von dem in der Türkei beobachtbaren Prozess nur in einer Hinsicht. Ob es sich um Abweisung von Andersartigkeit in der Türkei oder in Europa handelt, beiden Prozessen ist zunächst gemeinsam, dass weder der eine noch der andere mit Demokratie nicht in Einklang zu bringen sind. Die Abweisung und Marginalisierung des als Bedrohung für die gemeinsamen Werte empfundenen Anderen ist zugleich ein kollektiver Vorgang,  den in Ermangelung von Perspektive und Aufstiegsmöglichkeiten besonders lädierten Selbstwert auf Kosten des als „Gefahr“ auserwählten Anderen künstlich zu verstärken. Auch das ist eine weitere Gemeinsamkeit beider Prozesse. Der Unterschied besteht nun darin, dass in Europa die Objekte der Ablehnung einstweilen noch insbesondere Ausländer sind; begehrter noch, wenn sie einer muslimischen Glaubensgemeinschaft angehören. In der Türkei hingegen richtet sich der Prozess der Ablehnung nicht nur gegen Menschen ausländischer Herkunft, sondern auch gegen die eigenen Landsleute. Für diesen Unterschied gibt es zweifellos mehrfache Ursachen und Gründe.

Die kollektiven Bindungen als Verstärker von Ablehnung und Marginalisierung des Anderen

Der kollektive Zusammenhalt sowie die Zugehörigkeit zu einem Kollektiv haben in der türkischen Alltagskultur eine zentrale Stellung. Die Spannweite eines Kollektivs fängt an mit Familie und Verwandtschaft und reicht über Klan und Nachbarschaft bis hin zur religiösen Gemeinschaft, die vor Ort das soziale Klima dominiert. Das Beziehungsgefüge innerhalb eines Kollektivs ist hierarchisch und autoritär strukturiert, wobei das Fundament des kollektiven Zusammenhalts im Wesentlichen aus Loyalität und Gehorsamkeit besteht. Die Gegenleistung dafür ist Protektion und Fürsorge. Nicht zuletzt werden auch die soziale Stellung und das Ansehen einer Person über die kollektiven Bindungen der Familie vermittelt. In diesem Zusammenhang kommt dem einzelnen Mitglied des Kollektivs eine hohe Verantwortung zu, nicht nur das eigene soziale Ansehen streng zu beachten, sondern strikt auch das der anderen Kollektivmitglieder. Alltagssprachlich wird dies besonders anschaulich reflektiert in einer landesweit sehr geläufigen Redensart: „Was werden die Anderen sagen?“ Die Kehrseite dieser Redensart ist nicht wie im Deutschen: „Ist der Ruf einmal ruiniert, so lebt es sich ungeniert!“, sondern: „Lieber sterben, als den Ruf ruinieren!“.

Selbst wenn ein rebellischer Geist es wagen sollte, gegen das dichtmaschige Netz kollektiven Gehorsams und hierarchisch autoritärer Bevormundung aufzubegehren, um sei es auch nur einmal eigenen Kopf durchzusetzen, droht ihm die Gefahr, unerbittlich bestraft und des weiteren aus dem Kollektiv verbannt zu werden. Die sogenannten „Ehrenmorde“ statuieren ein extremes Exempel.  Die Angst, mag sie latent oder manifest empfunden sein, innerhalb des Kollektivs in Verruf zu geraten oder auch sein streng behütetes Ansehen zu beschädigen, verstärkt die Neigung, Loyalität und Gehorsamkeit erst recht walten zu lassen.
 
Gleichzeitig sind sowohl die Verbindlichkeit von traditionellen Werten und Normen der Loyalität und Unterwerfung wie auch das Maß an sozialer Überwachung über die Achtung von Anstandsregeln, die für den Erhalt des sozialen Ansehens als lebensnotwendig erachtet werden, eng verbunden mit der Schichtzugehörigkeit des jeweiligen Kollektivs. Sowohl die neuere Studie über „Radikalismus und Extremismus“ als auch andere Umfragen jüngeren Datums zeigen einen engen Zusammenhang zwischen Schichtzugehörigkeit, Bildungsniveau, Religiosität, religiöser Praxis und Intoleranz. Je größer die sozialen und wirtschaftlichen Entbehrungen sind und je eingeschränkter die Spielräume der Bürger, an der Vielfalt gesellschaftlichen und kulturellen Reichtums teilzunehmen, desto dichter ist demnach auch das Netz von Anstandsregeln und damit auch strenger bis gar gnadenloser die soziale Kontrolle über ihre Einhaltung. Das ist zugleich auch der soziale und kulturelle Kontext, in dem das Andersartige in eine Bedrohung verwandelt und sodann als unerwünscht abgewiesen wird.

Der Anteil der Islamisierung

Die Orientierung auf den Islam als ein wichtiges Element zur Unterscheidung der „eigenen Kultur“ hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Nach den Ergebnissen der neueren Studie über „Radikalismus und Extremismus“ befürworten zwar immer noch 57% der Befragten einen EU-Beitritt, aber verglichen mit dem Anteil der Befürwortung in den vergangenen Jahren zeigt der Trend einen deutlichen Abwärtsgang. Nach einer fast 200jährigen Orientierung an den Westen scheint in der türkischen Gesellschaft nunmehr eine Phase der Ernüchterung bezogen auf den „christlichen“ Westen eingetreten zu sein. Die diskriminierende Feindseligkeit gegenüber dem Islam nach dem 11. September und die ablehnende Haltung großer Teile der europäischen Öffentlichkeit gegenüber den EU-Beitrittswünschen des Landes sind hierfür zwei nicht unwesentliche Faktoren. Es verbreitet sich zunehmend die Auffassung von der Unehrlichkeit des Westens, der auf der einen Seite Freiheit und Gleichheit propagiert, auf der anderen jedoch im gleichen Atemzug doppelte Standards im Umgang mit Zuwanderern, Religion und Wirtschaftsbeziehungen anlegt.

So droht die wachsende Besinnung auf den Islam nicht nur alle anderen Elemente der türkischen Kultur allmählich in den Schatten zu stellen und als wesentliches kulturelles Merkmal hervorzutreten. Sie erfüllt auch die Funktion einer moralischen Überlegenheit im Hinblick auf internationale Beziehungen. Das gilt allerdings auch im Umgang mit einheimischen Bevölkerungsgruppen, die als „andersartig“ wahrgenommen werden. Auch gegenüber eigene, von ihren Lebensstilen her stärker an den Westen orientierte Bevölkerungskreise ermöglicht die verstärkte Lebensorientierung an den als Gebote der Religion gepriesenen Parametern, wenn schon angesichts der Barrieren, materiell nicht Schritt halten zu können, so doch immerhin eine moralisch überlegene Position einzunehmen.

Dass dieses durch zunehmende Gläubigkeit künstlich verstärkte Empfinden einer „moralischen Überlegenheit“ immer mehr umschlägt in eine feindselige Abweisung des Anderen, hängt sicherlich nicht ausschließlich damit zusammen, dass diese Kreise „den Anderen“ als eine gefährliche Bedrohung ihrer kollektiven Heiligkeiten und Tabus wahrnehmen und von ihren Sozialisationsbedingungen her an keine anderen als autoritären Abwehrformen gewohnt sind. Der vielfach in einem autoritären Politikstil der AKP-Führungsmannschaft repräsentierte brachiale Umgang mit den Errungenschaften der Hochkultur wie auch den etablierten Institutionen des Landes einerseits und die gerne zur Schau getragene religiöse Frömmelei der selben andererseits leisten dabei ebenso ihren Beitrag. Sie führen dazu, dass nicht nur die Grenze zwischen „normal“ und „anormal“ bzw. zwischen „anständig“ und „unanständig“ zunehmend entlang der Linie der Religiosität gezogen wird und dabei die Bevölkerungsteile als potentiell feindliche Lager gegeneinander polarisiert werden. Diese Art der politischen Präsenz hat auch einen nicht unwesentlichen Anteil an einer  Legitimierung von autoritärer Abweisung von allem und jedem, was mit Religiosität als unverträglich erscheint und diese als quasi verdeckte Kompensation für soziale und wirtschaftliche Entbehrungen und freilich im Namen von Gläubigkeit.   

Insbesondere für Menschen, die im hierarchisch autoritären Beziehungsgefüge von Loyalität, Gehorsamkeit und Protektion sozialisiert werden und so gut wie keine individuelle Abweichung aus dem Strom der kollektiven Masse erfahren, gewinnen die Wertvorstellungen und Haltungen ihrer politischen Leitbilder nun einmal große Verbindlichkeit. Diese umso mehr, wenn eine Identifikation mit dem sozialen und kulturellen Habitus der politischen Führung besonders stark vorliegt.

Der neue Mittelstand

Die Werte einer Kulturgemeinschaft wandeln sich nicht über Nacht und sie wandeln sich nicht aus heiterem Himmel. Der Wandlungsprozess von kulturellen Werten ist ohnehin ein zäher, verglichen mit Veränderungen von anderen Elementen der Kultur zugleich ein mehrfach langsamer Vorgang.

In der Türkei wie auch anderswo sind es weder die Schichten am untersten Ende der Gesellschaftspyramide noch die an der obersten Spitze, von denen der Prozess eines Wertewandels angetrieben wird. Es sind vielmehr die aufstiegsorientierten bürgerlichen Kreise des Mittelstands, aus denen die wesentlichen Impulse für einen Wertewandel kommen. So zeigt die Studie über „Radikalismus und Extremismus“ beispielsweise, dass mit steigendem Bildungsgrad auch die Toleranz gegenüber Andersartigkeit zunimmt und umgekehrt je niedriger der Bildungsstand ist, um so mehr die Tendenz auftritt, Andersartigkeit abzuwehren. Bei diesem Ergebnis dürfte auch eine Rolle spielen, dass aufgrund des innerhalb der türkischen Gesellschaft bestehenden starken Machtgefälles zwischen oben und unten sowie der strengen Selektionshürden beim Aufstieg auf der Bildungsleiter allein die Tatsache, dass man auf der Bildungsleiter aufgestiegen ist zu einer Steigerung von Selbstwert und Selbstbewusstsein verhilft, die wiederum zu einem entspannten Umgang mit Andersartigkeit beitragen.

Die Liberalisierung der Wirtschaftspolitik seit den 1980er Jahren und die schwere Wirtschaftskrise von 2001 haben jede für sich zu einer Veränderung insbesondere in den gesellschaftlichen Reihen des Mittelstands geführt. Mit der Machtübernahme der AKP erhielt dieser Prozess auch eine ideologisch beschleunigte Komponente; gefördert wurden und werden bevorzugt konservativ-religiöse Kreise und Wirtschaftsgruppen. So ist eines der bedeutsamen Kennzeichen des tiefgreifenden Wandels in den vergangenen Jahren, dass sich ein neuer konservativ-religiöser Mittelstand herausgebildet hat. Impulse für einen Wertewandel zugunsten einer Transformation in eine offene Gesellschaft mir mehr individuellen Freiheiten und Rechten für den Einzelnen sind jedoch einstweilen weit davon entfernt, aus diesen Kreisen hervorzugehen. Der religiös-konservative Trend innerhalb der Gesellschaft hat im Gegenteil stärker und breitflächiger zugelegt, zugleich sind die Strukturen einer geschlossen Gesellschaft eher noch im Begriff, sich weiter auszuweiten und tiefer zu verfestigen.

Es zeigt sich, dass in den anatolischen Hochburgen des neuen Mittelstands der Oberfläche zwar der Hochglanz einer scheinbaren Modernität anhaftet, dahinter jedoch die Spielräume für Abweichung aus der Mainstream sich immer mehr verdichten. Gerade die vor wenigen Monaten veröffentlichte Studie zum „Anders sein in der Türkei“ vergegenwärtigt dies mit reichlich anschaulichen Beispielen und liefert zugleich ebenso reichhaltiges Anschauungsmaterial insbesondere auch über das Phänomen der verdeckten Form von sozialer Kontrolle. Ob es sich etwa um den Konsum von Alkohol handelt oder um den Gang in die Moschee während der Gebetszeit, obwohl es noch keine offiziellen Gesetze oder Verbote weder in dem einen noch in dem anderen Fall gibt, aus Angst, in den Augen der neuen führenden Schicht in Ungnade zu verfallen oder mit einer Sanktion konfrontiert zu werden, neigen Menschen so zu tun, als gebe es die Verbote bereits: Sie verzichten auf Alkohol in öffentlichen Lokalitäten, lassen Frauen Kopftücher tragen, schließen während der Gebetszeiten ihre Läden … Weder die Angst vor Sanktion und Ausschluss aus der Gemeinschaft noch die wie auch immer motivierte Ausbreitung dieser Angst sind offenbar geeignet, um die ohnehin bestehenden Wertestrukturen von unterwürfiger Gehorsamkeit aufzubrechen.  Wie aber soll dann unter diesen Bedingungen Toleranz und Gelassenheit gegenüber Andersartigkeit aufblühen? 

Fortsetzung folgt

Es gibt einen Ausweg: Mehr Individualisierung! Aber wie? (Teil I)

 

Archiv

Zurück