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Das  wöchentliche deutschsprachige  Internetmagazin  der  Türkei

Jahrgang 4 Nr. 28 vom 10.07.2009
 

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Es gibt einen Ausweg: Mehr Individualisierung! Aber wie?
III. Teil

von Perihan Ügeöz

Die politischen und wirtschaftlichen Wandlungen der letzten Jahre waren tiefgreifend. Aber sie haben zu einer nachhaltigen Öffnung der Gesellschaft nicht beitragen können. Das sei noch einmal vergegenwärtigt. Die innerhalb der türkischen Kulturgemeinschaft ohnehin stark vorhandene Tendenz kollektiver Lebensorientierung hat im Gegenteil stärker noch zugelegt. Parallel dazu bewirkt der im Alltagsleben breiter Bevölkerungskreise wachsende islamische Einfluss, dass die strengen Sitten- und Anstandsregeln des Kollektivs sich zunehmend fast ausschließlich an religiös motivierten Geboten orientieren und dabei auch die Grenzlinie zwischen dem „Wir“ und den „Anderen“ sich erweitert und zudem um ein mehrfaches verhärtet. Auch das sei noch einmal kurz vorweggeschickt.

Für mehr Individualisierung müssen die kollektiven Bindungen aufgelockert werden

Die Akzeptanz von Andersartigkeit sowie ein gelassener Umgang mit Fremdheit setzen jedoch unter anderem wesentlich voraus, dass der Mensch über ein gesundes Maß an Selbstwert sowie Selbstbewusstsein verfügt. Die Herausbildung von solcherlei Eigenschaften kann aber nur gelingen, wenn zugleich die strengen kollektiven Bindungen aufgelockert werden und der Einzelne aus dem Netz autoritärer Bevormundung und Hörigkeit hinaustreten kann, um sich selbst wie auch sodann seine Mitmenschen als selbstbestimmende Individuen zu erleben. Worum es hier also geht, ist im Grunde genommen der Übergang von einer unterwürfigen Fremd- zur Selbstbestimmung. In diesem Übergang begründet sich zugleich der markante Unterschied zwischen einer geschlossenen kollektiven und einer modernen individualisierten Gesellschaft.

In einer geschlossenen kollektiven Gesellschaft wird das Einzelwesen im Wesentlichen und überwiegend über seine unmittelbare Zugehörigkeit zu einer Gruppe definiert. Als Einzelwesen existiert das Individuum zwar, doch abgesehen von einigen mächtigen Personen der Führungslandschaft spielt es als autonomes Subjekt nur eine randläufige Rolle. Das Individuum wird, wie beispielsweise von Matthias Junge in dem Buch „Individualisierung“ anschaulich dargelegt, nur als kleines Teil eines großen Ganzen begriffen und in allen Vorgängen der Wahrnehmung ist es zugleich dieses große Ganze, das in den Vordergrund rückt. Als eine Adresse der Kommunikation ist das Individuum zwar vorhanden, der jedoch weder sozial noch kulturell eine entscheidende Bedeutsamkeit zugesprochen wird. In modernen individualisierten Gesellschaften ist der Sachverhalt um einiges anders. Auch hier ist das Individuum eine Adresse in Prozessen der Kommunikation, aber nicht nur. Indem nicht überwiegend die Gruppe, sondern stärker noch die Autonomie des Einzelnen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt, wird dem Individuum und seinen Handlungen nunmehr Bedeutung zugewiesen und diese nicht nur für sich selbst, sondern für die konkrete Gestalt der Gesellschaft ebenso. Von der Wahrnehmung eines passiven Rezipienten verwandelt sich das Einzelwesen in einen aktiven Gestalter seiner sozialen Welt und postuliert zugleich, als solcher gesehen und definiert zu werden. Individualisierung bedeutet mit anderen Worten, dass das Individuum zentraler Bezugspunkt sowohl für sich selbst als auch die Gesellschaft wird. Wenn man es genau nimmt, erweitert Individualisierung als eine Form der Vergesellschaftung zwar auf der einen die Entscheidungs- und Handlungsspielräume des Einzelnen, auf der anderen Seite jedoch begrenzt sie sie auch.

 

Dieser Modernisierung will es nicht gelingen, Individualisierung voranzutreiben

Schließlich ist die Individualisierung kein Gewand, das man sich zu einem günstigen Angebot in einem Kaufhaus erwerben und anschließend nach Belieben umlegen könnte. In ihrem historischen Rückblick wird Individualisierung vielmehr als das Resultat eines Modernisierungsprozesses ausgelegt. Modernisierung hingegen kann verstanden werden als eine besondere Form des Wandels, indem ein Bündel von Prozessen eine Einheit bilden: Industrialisierung, Bürokratisierung, Urbanisierung sowie zunehmende soziale Mobilität wie auch Demokratisierung. In diesem Bündel von Prozessen sind zugleich die Wirkkräfte verankert, die für eine Individualisierung des Einzelwesens unabdingbaren Bedingungen der Sozialisation hervorbringen.

Der Oberfläche nach schreitet innerhalb der türkischen Gesellschaft die Modernisierung rasant voran. Das wird jedenfalls sowohl von Akteuren der politischen Führung als auch insbesondere von ihren Anhängern gerne behauptet. Nun will es aber dieser Modernisierung einfach nicht gelingen, innerhalb der Gesellschaft - angefangen mit Beziehungsstrukturen innerhalb der Familie über Formen und Inhalte der Lehre im Bereich schulischer und universitärer Bildung bis hin zu allgemeinen gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten der einzelnen  Bürger  - die für eine Individualisierung notwendigen Sozialisationsbedingungen freizusetzen. Das ist eben das Problem.

Zeiten eines rasanten und tiefgreifenden Wandels sind, wenn sie sich zudem für einen Großteil der Bevölkerung mit Entbehrungen verbinden, ohnehin nicht geeignet, das dichtmaschige Netz von kollektiven Bindungen aufzulockern. Aus soziologischer Perspektive ist es vielmehr ein bekanntes Phänomen, dass soziale Wandlungsprozesse aufgrund rasanter Geschwindigkeit einerseits und mangelnder Teilnahmemöglichkeiten andererseits als Bedrohung erlebt werden und darum Schutzmechanismen aktivieren können. Die Tatsache, dass in den letzten Jahren die innerhalb der türkischen Gesellschaft ohnehin stark vorhandene Tendenz kollektiver Lebensorientierung in Begleitung einer wachsenden Islamisierung eher noch zugelegt hat, kann deshalb ohne weiteres auch als eine Schutz sowie  Kompensation gewährende Form von Abwehr gegen die als Bedrohung wahrgenommenen sozialen Wandlungen ausgelegt werden.

Das Problem mit der Demokratie

Dass aber dieser Rückzug ins Kollektiv ungleich stark verläuft und dabei gleichsam die strengen Strukturen von unterwürfiger Hörigkeit und Anpassung drastisch verfestigt werden, hängt im türkischen Kontext neben der Bedrohlichkeit von sozialen Wandlungen und zunehmender Islamisierung mit weiteren elementaren Faktoren zusammen. Einer der wichtigsten darunter ist zweifellos das Problem mit der Demokratie: Es haftet der türkischen Demokratie die schwerwiegende Behinderung an, jene Normen, die vor allem das Individuum und seine individuellen Rechte ins Zentrum rücken, noch nicht zu genüge beherzigt zu haben und, so wie es gegenwärtig aussieht, lange noch davon entfernt sein wird, dies zu tun.

Sicher, auch westliche Demokratien sind gegen Zwänge von Anpassung und Unterordnung nicht vollkommen immun. Einer der wesentlichen Unterschiede besteht jedoch darin, dass sie dem einzelnen Individuum den einen oder anderen Fluchtweg offenlassen. Wer abweichend leben will, kann im Rahmen des von der modernen Gesellschaft garantierten Freiheitsraums gemäß seinen Überzeugungen, Vorlieben usw. dies tun. Es ist genau diese Stelle, wo das Problem in der türkischen Gesellschaft ansetzt. Einige Auszüge aus einem anregenden Artikel von Thomas Meyer mögen helfen, dieses Problem etwas weiter zu erhellen.

Ein Modell zu drei kulturellen Ebenen
 
In seinem Beitrag über „Politische Kultur und kultureller Pluralismus“ unterscheidet Thomas Meyer beispielweise drei kulturelle Ebenen in einer pluralistischen Gesellschaft:
Die erste bezeichnet er als die Ebene der metaphysischen Sinngebungen und Heilserwartungen. Das  ist also die Ebene der Weltanschauungen und Religionen.

Die zweite nennt Meyer die Ebene der individuellen und kollektiven Lebensführung, also der Lebensweisen und der alltäglichen Lebenskultur der Einzelnen. Auf dieser Ebene fasst der Autor  insbesondere Praktiken, Gewohnheiten, Rituale, Umgangsformen, Essgewohnheiten und dergleichen zusammen. Es handelt sich hierbei demnach überwiegend um Orientierungen der praktischen Lebensführung und deren expressive Symbole, also alle diejenigen Elemente, was in der Regel an einer anderen Kultur zuerst ins Auge sticht und zugleich besonders nachhaltig die Gewohnheiten jener Menschen prägt, die mit den entsprechenden Praktiken und Routinen aufgewachsen sind.

Auf der dritten Ebene werden die sozialen und politischen Grundwerte des Zusammenlebens angesiedelt. Es geht hier vor allem um jene sozialen und politischen Grundwerte, die das Zusammenleben verschiedenartiger Menschen in derselben Gesellschaft und demselben politischen Gemeinwesen gewährleisten.

In einer Gesellschaft, bemerkt der Autor, können Menschen auf der einen Ebene völlig übereinstimmen, auf den anderen jedoch unterschiedlicher Auffassung sein. Für eine rechtsstaatliche Demokratie hebt der Autor jedoch zwei Dinge als überlebensnotwendig hervor: „Die Werte und Normen der dritten Ebene müssen einerseits so minimal sein, dass sie die Werte und Normen der beiden anderen Ebenen nicht einschränken, und andererseits ausreichend genug sein, um das soziale und politische Zusammenleben aller gerecht zu organisieren. Alle Angehörigen der Demokratie müssen die Werte und Normen der dritten Ebene teilen.“ Nach Argumentation des Autors folgt daraus desweiteren, dass eine Demokratie insbesondere solche Werte und Normen der ersten beiden Ebenen nicht zulassen kann, die die Werte und Normen der dritten Ebene in Frage stellen.

Was aber folgt daraus für die einzelne Person? Dazu wieder der Autor Meyer: „Sie muss jederzeit das Recht und die gesicherte soziale Chance haben, ihre Personenrechte gegebenenfalls gerade auch gegen unerwünschte Zumutungen von Repräsentanten des ‘eigenen’ ethnokulturellen bzw. kulturell-religiösen Kollektivs, dem sie zugerechnet wird oder dem sie sich selbst zurechnet, behaupten können…”

In der Türkei sind alle drei Ebenen mit Problemen behaftet

Wenn man sich nach den Ausführungen von Thomas Meyer nun wieder dem türkischen Kontext widmet, lässt es sich als erstes feststellen, dass innerhalb der türkischen Gesellschaft alle von Meyer beschriebenen drei Ebenen mit Problemen behaftet sind. Was die erste Ebene angeht, so gibt es ein staatliches Amt für religiöse Angelegenheiten, das im Lande über die Religionsausübung wacht und diese kontrolliert. Bei der zweiten Ebene der Lebensweisen gibt es zwar Oasen, wo für einzelne Personen die Möglichkeit besteht, unterschiedliche Lebensstile zu verwirklichen, aber es handelt sich eben um Oasen. Für die große Masse der Bevölkerung ist die Verwirklichung eines unterschiedlichen Lebensstils eher eine Utopie. Insbesondere die vor wenigen Monaten veröffentlichte Studie zum „Anders sein in der Türkei“ vergegenwärtigt anhand zahlreicher Beispiele, wie Menschen aus Angst, in den Blickfang des beobachtenden Auges der Gemeinde zu geraten und ausgeschlossen zu werden, sich wohl oder übel den vor Ort herrschenden informellen Zwängen der Lebensführung unterordnen.

Eine politische Kultur auf der dritten Ebene, die die sozialen und politischen Grundwerte  als allgemein verbindliche Parameter verinnerlicht hätte, besteht ebenso wenig. Gerade am politischen Umgangsstil zeigt es sich, dass die innerhalb der türkischen Gesellschaft ebenfalls bestehende hohe Tendenz zur Orientierung an Macht, Autorität und sozialem Status hier nun besonders ungeschliffen auf ihre Kosten kommt. Die in dieser Tendenz mitgetragene Bereitschaft, den eigenen Status auch auf Kosten anderer zu erweitern, macht sich im Politikstil dergestalt auffällig, dass jeder Einwand und Widerspruch sogleich als Angriff auf den eigenen Status aufgefasst wird mit der unmittelbaren Reaktion darauf, Widerstand um jeden Preis brechen und den Widersacher gar vollends vernichten zu wollen.

In der Ära der AKP-Führung hat sich allerding außerdem der Versuch dazu gesellt, den Alltag nicht nur direkt zu kontrollieren, sondern sogleich mit Symbolen zu besetzen. Es handelt sich hierbei um eine Form der Vergesellschaftung, bei der man zunehmend dazu tendiert, die Gesellschaft als einen verlängerten Arm der Partei aufzufassen. Der obligatorische, nach den als muslimisch ausgelegten Regeln der Kunst präsentierte  Bartschnitt bei Männern und der auffällige Kleidungsstil ihrer Ehefrauen, der auf eine besondere Weise gebundene Kopftücher zusammen mit knöchellangen Gewändern vorsieht, sind nur ein kleines Beispiel dafür. Die soeben beschriebene Montur hat sich inzwischen auch zu einem der wichtigsten Auswahlkriterien bei Berufungen und Beförderungen insbesondere im öffentlichen Dienst entfaltet.  

Dass es in dieser Gesellschaft allen Widrigkeiten zum Trotz jede Menge Träume und Sehnsüchte von individueller Freiheit und demokratischen Rechten gibt,  bleibt gewiss unbenommen. Was fehlt, ist also nicht der Wunsch an sich. Es mangelt vielmehr den Freiräumen einer Alltagspraxis, die imstande wären, diese Wünsche und Sehnsüchte aufzufangen.
  
Gegenüber den Institutionen mangelt es am Vertrauen

Will sie den Weg für mehr Individualisierung ebnen, muss eine Demokratie schließlich auch darauf aufbauen können, dass unter den in ihr lebenden Bürgern ein hohes Maß an Vertrauen in die rechtsstaatliche Zuverlässigkeit ihrer Institutionen besteht. Alle relevanten Untersuchungen der jüngsten Zeit verdeutlichen jedoch, dass in der Türkei diejenige  Institution, zu der die Mehrheit der Bürger am meisten Vertrauen aufbringt, nach wie vor einzig die Armee ist. Verglichen damit sackt der Index für Vertrauen beispielsweise gegenüber Parteien und Parlament bei allen Studien ziemlich stark nach unten ab. Man kann diesen Sachverhalt mit dem innerhalb der Bevölkerung verbreiteten Hang zur Autorität zu erklären suchen; aber man kann ihn auch mit der allgemein überwiegenden Tendenz eines Unsicherheitsempfindens in Verbindung bringen. Gleichgültig, wie man dieses Ergebnis letztendlich zu bewerten tendiert, eine Sache wird dadurch gewiss deutlich: Es ist dieser Gesellschaft nicht gelungen, ihre Institutionen in den Augen ihrer Bürger in Vertrauen erweckende rechtsstaatliche Errungenschaften zu verwandeln.

Aus jüngeren Untersuchungen geht weiter hervor, dass bei einem nicht unbedeutenden Bevölkerungsanteil von mindestens einem Drittel die Sorge besteht, dass in der Phase der AKP-Führung die demokratischen Institutionen des Landes im Dienste einer schleichenden Islamisierung Schritt für Schritt demontiert werden. Mag diese Sorge berechtigt sein oder nicht, als ein soziales Phänomen besteht sie und leistet ihrerseits einen Beitrag, dass das Vertrauen in die Fähigkeit der Institutionen, Schutz für individuelle Freiheiten zu gewähren, noch weiter absackt. Je mehr aber das Empfinden von Schutz und Sicherheit abfällt, desto mehr steigt die in der Kulturgemeinschaft ohnehin vorhandene Bereitschaft, sich dem Strom der Masse bzw. dem Druck der Stärkeren zu übergeben. Unter diesen Bedingungen hat es die Individualisierung wahrlich nicht einfach, auf eigene Wege zu kommen.

Quelle:
Matthias Junge: Individualisierung, Campus Verlag

Fortsetzung folgt

 

Es gibt einen Ausweg: Mehr Individualisierung! Aber wie? (Teil I)

Es gibt einen Ausweg: Mehr Individualisierung! Aber wie? ( Teil II)

 

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