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Jahrgang 4 Nr. 29 vom 17.07.2009
 

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Rund 5000 Kilometer auf der Vespa: Hagen – Istanbul – Hagen

Claus Stille

Glücklich vorm Bahnhof Sirkeci: Dieter Althoff, Frank Menzenhauer und Volker Hagebeuker (Photo: Privat)

Dieter Althoff dürfte sowieso nie am glücklichen Ausgang der Motorrollerfahrt in den Orient und wieder zurück ins heimische Hagen gezweifelt haben. Er hatte sich im Juni gemeinsam mit seinen Vespa-Club-Freunden Frank Menzenhauer und Volker Hagebeuker nach Istanbul aufgemacht. Der erfahrene, 72 Jahre junge, „Vespa-Ritter“ Althoff bringt jedes Jahr so an die 15 000 Kilometer auf dem „Kult-Roller“ Vespa der italienischen Firma Piaggio zu. Am letzten Junitag kehrten die Wespen-Liebhaber nun von ihrer Reise wohlbehalten wieder ins westfälische Hagen zurück.

 

Chapeau!

Hört man Dieter Althoff so entspannt darüber erzählen, könnte man meinen, die ca. 5000 (!!!) zurückgelegten Fahrkilometer, auf Straßenbelag unterschiedlichster Konsistenz und Qualität, über die die sechs Vespa-Räder unter ihren drei Lenkern von Hagen über Istanbul und von dort wieder zurück nach Hagen schnurrten, rappelten und zischten, seien eine nachgerade „schlappe“ Distanz gewesen.

Wie auch immer:

Chapeau! Ganz ehrlich: Unsereinen tut doch schon der Hintern weh, wenn er mal etwas länger auf der Couch vorm Fernseher sitzt!

Wobei letzteres wohl oft eher am Programm und nicht an der Sitzgelegenheit liegen mag.

Glaubt man dem eingefleischten Vespa-Piloten, muss Vespa-Fahren dagegen die reine Wonne sein.

Schon wegen des aufregenden Programms, das da rechts und links des Straßenrands an einem vorbeizieht: Dieter Althoff gibt zu, stets immer wieder aufs Neue begeistert zu sein.

Durchaus vorstellbar. Jedenfalls, wenn ich mich an eigne frühe Moped-Touren mit dem

dem roten „Star“ von Simson-Suhl zurückdenke. Ausfahrten freilich, die selten über eine Distanz von 200 Kilometer hinaus gingen, wie ich angesichts der von unseren Vespa-Piloten „hingelegten“, zweifelsohne, bravourösen Leistung ein wenig beschämt zugebe...

Vespa-Fahren als Entdeckung der Langsamkeit

Reisen auf der Vespa: Die Gemütlichkeit des mählichen Dahinschnurrens? Ganz Offenbar! Einen nahezu unnachahmlichen „Pfiff“ muss eben das ganz gewisse Vespa-Fahr-Gefühl im Körper der Vespa-Piloten auszulösen imstande sein. Es scheint dabei auf ein herrliches „Nebenprodukt“ anzukommen: die wundersame Entdeckung der Langsamkeit.

Wo andere in protzig-schweren Auto-Schlitten oder auf ihren Superkrädern mit Monsterpferdestärken nur so vorbeibrettern, als sei der Teufel hinter ihnen her - ohne Sinn und nicht selten auch ohne Verstand, nichts mitbekommend, und schon gar nichts begreifend vom Charakter und der Schönheit der jeweilig gerade durchmessenen Landschaft, den Besonderheiten und Sehenswürdigkeiten der an der Strecke liegenden Felder, Wälder, Dörfer und Städte.

Nicht so der Vespa-Fan: Der nimmt sich, scheint's, ganz mit Freuden zurück. Spielend mit niedrigem Tempo leben könnend, wohl wissend, dass Vespa-Pferdestärken-Motorenkräfte ohnehin nicht unermesslich in den Himmel wachsen. Geschärft den Blick nach vorn übern Lenker hinweg: das noch weit entfernte Ziel leise im Hinterkopf bedenkend, und so dennoch gut Etappe für Etappe sachte voran kommend. Sich dabei noch weidlich an der Landschaft ergötzend. Auch hier ist in der Tat der Weg das Ziel! Ließe sich Vespa-Fahren treffender beschreiben?

Vom Vespa-Treffen in Zell am See ging es dann endgültig auf die Piste

Bevor es richtig auf „Große Fahrt“ ging, hatten die drei Freunde vom Vespa-Club-Hagen (VCH) noch das traditionelle Vespa-Treffen im österreichischen Zell am See am Großglockner „mitgenommen“. Dann ging es bei weitgehend schönem Wetter endgültig richtig auf die Piste, sich in etwa orientierend an der Route des legendären Orient-Express, via Ungarn, vorbei am Balaton in an geschichtlichen Ereignissen reichen Balkan, mit all seinen Naturschönheiten, der sprichwörtlichen Gastfreundschaft seiner Bevölkerung und den möglicherweise anzutreffenden so scheinbar ganz anderen Gesetzmäßigkeiten jenes Landstriches, von dem lose Mundwerke schon von jeher behaupten, er fange gleich hinter Wien an.

Ärgerliche Begegnung in Rumänien

Neben teilweise wegen ihres Pflastermaterials bzw. Allgemeinzustandes gewöhnungsbedürftigen Straßen, welche die Vespa-Roller ziemlich gut „wegsteckten“ – hatten die drei Reisenden aber auf ihrer Fahrt durch das EU-Mitgliedsland Rumänien auch eine Begegnung der ärgerlicher Art zu verkraften. Nein, nicht etwa Dracula war es, der den Mannen aus Hagen in die Quere kam, sondern ein sogenannter „Freund und Helfer“: ein Staatsdiener in Polizeiuniform. Vielleicht hatte der regelrecht auf so einen „Leckerbissen“ gewartet?.

Irgendwie war es an dieser Stelle der Riese nicht recht vorangegangen mit dem Straßenverkehr, so schildert, Dieter Althoff die Situation - wohl die Szene noch immer hellwach vor Augen, als sei es heute - weshalb die Vespa-Fahrer nach Ausweichmöglichkeiten Ausschau hielten. Beim Überholen querten Dieter Althoffs Vespa-Rollerreifen jedoch dummerweise eine weiße durchgehende Linie auf der Fahrbahn. Ja, gibt Dieter Althoff auch unumwunden zu: Auch in Deutschland ist das ein Verkehrsvergehen. Aber, schickt er hinterdrein: 500 Euro Strafgeld dafür, das ist nun wohl doch allzu starker Tobak.

Plötzlich war besagter rumänischer Polizist zur Stelle gewesen. Und er forderte diese Summe als Strafgeld ohne Wenn und Aber. Den Beweis für das Vergehen – auch bei der rumänischen Polizei ist die Zeit nicht stehen geblieben - hatte der gute Mann dokumentiert: mit einer handlichen Videokamera.

Obwohl nun guter Rat in der Tat teuer geworden zu sein schien, unternahmen die drei Vespa-Männer einen Versuch, den Schaden wenigstens etwas zu begrenzen, indem sie höflichst um Milde und Verständnis baten. Schließlich wolle man doch noch weiter nach Istanbul...

Der Mann des rumänischen Gesetzes aber blieb zunächst hart: Ansonsten müsste man die Sache eben im weit entferntem Bukarest klären...

Um die Papiere zurück zu bekommen. Bei den drei Hagenern gingen gewissermaßen die roten Warnlampen an. Aber Vespa-Fahrer geben so schnell nicht auf. In ihrer Not stückelten sie drei Fünfzig-Euro-Scheine zusammen und reichten sie dem Polizisten. Der nahm sie natürlich nicht, neinnein, falsch gedacht, liebe Leserinnen und Leser! Die Vespa-Lenker deuteten jedoch dessen Zeichensprache immerhin ihres Erachtens völlig richtig und legten das Geld demgemäß in die Ablage der Polizeiautotür. Und siehe da: sie erhielten ihre Papiere zurück, der Videobeweis wurde gelöscht und die Welt war soweit wieder in Ordnung, wenn man das so sagen kann – die Fahrt jedenfalls konnte weitergehen: Istanbul entgegen...

Nicht Istanbul. Konstantinopel!

Immer, so war es abgesprochen, fuhr Dieter Althoff den zwei anderen moderneren und PS-stärkeren Vespen seiner Vereinskameraden, mit seiner 30 Jahre alten Zweitakt-Vespa P 200 E mit ihren lediglich zehn Pferdestärken unterm Sitz voran. An der Maschine flatterten inzwischen das griechische Fähnchen und die Flagge der Türkischen Republik.

Nachdem der Fahrtwind wohl die Flagge der Griechen irgendwo hinweg gefegt hatte, erregte verständlicherweise die bayrak der Türken im Land der Hellenen nun umso mehr Interesse.

Wohin und zu welchem Zweck man auf diesen Zweirädern unterwegs sei – das waren die meist gestellten Fragen an griechischen Tank- und Raststellen, welche von den Adressaten dieser Fragen gern und ausführlich beantwortet wurden.

Anzeichen der Anerkennung und vielleicht auch Verwunderung hätten sich daraufhin auf den Gesichtern der Griechen abgewechselt, so Dieter Althoff. Mit einem jedoch konnte bzw. wollte sich manch einer der griechischen Fragesteller offenbar ganz und gar nicht abfinden. Natürlich, belehrten sie die Vespa-Fahrer, denen kopfschüttelnd bedeutet wurde: sie seien ganz sicher nicht auf dem Weg nach Istanbul, sondern vielmehr nach Konstantinopel...

 

Istanbul...

Und Istanbul? Die Stadt verfehlte selbstredend ihre außergewöhnliche Wirkung auch auf die drei deutschen „Wespen“-Lenker nicht: Die waren beeindruckt wie schon so viele Istanbul-Reisenden vor ihnen. Als schier unglaublich empfanden es die drei Abenteurer jedenfalls, dass sie es geschafft hatten und mit ihren „Wespen“ nun „plötzlich“ vorm Kopfbahnhof Sirkeci (Endstation des legendären Orient-Express) im europäischen Teil von Istanbul standen. Sie waren überglücklich. Man war in einem Hotel in der Altstadt, nahe zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Stadt, die neben Konstantinopel freilich auch einmal den Namen Byzanz getragen hatte, abgestiegen. Und das Glück war noch größer: man traf in der Herberge einen netten, dort ebenfalls logierenden Griechen, an, der nicht nur gut Deutsch, sondern darüber hinaus auch ganz passabel Türkisch parlieren konnte!

Zusammen mit dem freundlichen griechischen Gast unternahm man einen Auflug per Schiff zu den Prinzeninseln. Selbstverständlich ohne Vespa: Schließlich durfte und wollte man die Ruhe dort, wo per amtlicher Verordnung kein motorisierter Verkehr sein darf, auch nicht stören. Im Gegenteil: man staunte erfreut und wusste diesen gewiss auch für andere Orte auf unserer oft viel zu lauten Welt erstrebenswerten Zustand der Ruhe nach der langen Fahrt schließlich auch entsprechend zu genießen.

Stolz sind die drei Hagener am nächstem Tag über die große und weltbekannte Bosporus-Brücke hinüber in den asiatischen Teil der Mega-Stadt Istanbul gebrummt.

Nach insgesamt nur zwei Tagen stand dann aber schon wieder die Rückfahrt auf dem Plan. Immerhin erwartete die drei nach einer Fährüberfahrt noch eine kleine Sightseeing-Tour in der Stadt der Gondeln, Venedig...

Die geliebte Vespa bestimmt weiter das Leben des Dieter Althoff

Über Österreich liefen dann die drei Roller mit ihren weit gereisten Lenkern auf ihren Sitzpolstern wie geschmiert gen Heimat, zurück nach Hagen.

Keine schlechte Leistung! Das Wetter spielte mit. Bis auf ein Gewitter einmal. Am Tag, so Dieter Althoff am Telefon, legten die drei Männer so zirka 150 bis 300 – in Bulgarien sogar einmal 480 Kilometer am Stück – zurück. Bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 60 und 85 Km/h. Und all das ganz ohne Panne!

Für die von einem Reifenwerk in Heidenau gesponserten Rollerreifen sind die Vespa-Enthusiasten aber trotzdem äußerst dankbar.

Dieter Althoff wäre nicht Dieter Althoff, wenn er sich jetzt – obschon seit Jahren im Ruhestand – nun erst einmal ruhig zurücklehnte.

Seine 10-PS Maschine mit den zusätzlichen 5000 Straßenkilometern (Hagen-Istanbul-Hagen) auf dem Tacho musste nach der Reise hübsch hergerichtet werden. Nun steht sie ordentlich gewienert blitzend und blinkend im Schaufenster der Hagener Buchhandlung Kersting. Wo sie nun tagtäglich von Kunden und Passanten bewundert werden kann. Selbstverständlich ruft nun auch das Vereinsleben wieder. Bis zum „Abrollern“ im Herbst zum Ende der Saison 2009 bleibt aber noch reichlich Zeit. Und sicherlich gibt es noch die eine oder andere schöne Ausfahrt mit der geliebten Vespa...

 

 

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