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Jahrgang 4 Nr. 31 vom 31.07.2009
 

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Ein weltberühmter Pianist und Komponist entblößt sich

von Perihan Ügeöz

Ein Jahr vor seinem vierzigsten Lebensalter hat Fazil Say, dieser türkische Virtuose vom Weltrang ein neues, sein zweites Buch veröffentlicht. „Ich bin“, schreibt er in einem Brief an seine Tochter, „nicht so, wie sie mich darstellen.“ Offenbar will Fazil Say verstanden werden, nicht irgendwie, sondern richtig. Darum legt er sein Herz hemmungslos offen. So wie er mit Leidenschaft und Inbrunst komponiert und auf den Tasten seines Klaviers wirbelt, schüttet er sein Innerstes aus: Seine Hingabe zur Musik, Träume, Sehnsüchte …. Nur eine Ausnahme behält er im Verborgenen: Die Frauen.

Wenn eine türkische Fußballmannschaft einen europäischen Gegner besiegt, kann sich die Volkesseele vor Überschwang an Glückseligkeit nicht einkriegen. Wird aber einem türkischen Künstler ein Preis vom Weltrang verliehen, kann man lange suchen, bis man schließlich auf die Nachricht stößt. Immerhin ist Fazil Say ein mehrfach preisgekrönter Virtuose. Bereits zweimal bekam er für sein musikalisches Schaffen den international begehrten deutschen ECHO Klassikpreis. Dieses Wissen wird voraussichtlich nur einigen Kennern der klassischen Musikszene vorbehalten sein. Aber Fazil Say hat es in den letzten zwei Jahren trotzdem geschafft, in seiner Heimat immer wieder für Schlagzeilen zu sorgen. Anstatt bei sanften Klaviertönen zu bleiben, ist dieser Künstler zu Paukenschlägen übergegangen und das nicht nur, wenn es um Mozart und Beethoven geht. Wenn er Ansichten hat, nimmt er kein Blatt vor den Mund und bringt es fertig, Farbe zu bekennen. Vor zwei Jahren zeichnete ihn die EU als Botschafter für den „Dialog zwischen den Kulturen“. Doch Zuhause ist Fazil Say unlängst ein „enfant terrible“ der Nation geworden.

Es begann vor zwei Jahren in einem idyllischen Cafe am Louvre als er in einem Gespräch mit einem Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“ sagte: „Weißt du, unsere Träume wurden ein bisschen getötet in der Türkei. Die Frauen aller Minister tragen Kopftücher, die Islamisten haben ohnehin schon gewonnen, wir sind dreißig Prozent, die sind siebzig. Ich denke darüber nach, woanders hinzuziehen.“

Noch bevor er selber die Heimat erreichte, lösten seine Worte ein Donnerwetter aus. Ein Nestbeschmutzer, wie er nun einer war, sollte sich dorthin vertreiben, wo der Pfeffer wächst. Der damalige Stellvertreter des Ministers, Dengir Firat, ließ ihn schnell wissen, dass er auf ein Bedauern lange warten könne. Ein Verlust würde sein Weggang bestimmt nicht sein. Und Kreise aus dem rechten Lager jaulten ihm entgegen, man werde ihm obendrein das Flugticket spendieren, wenn er nur bald abhaute. Anstatt das Geschenk des Flugtickets zu nehmen, nahm Fazil Say das Papier zur Hand und verkündete, dass er dagegen sei, dass die Türkei in das Dunkel des Mittelalters abgleite. „Sollten eines Tages die Kräfte der Dunkelheit das Existenzrecht für unsere Republik und unsere nationalen Werte nicht anerkennen, werden wir nicht jene sein, die sich ergeben.“

Von diesem Tage an waren die Brücken zwischen Say und der AKP nun vollends gebrochen. Der AKP-Minister für Tourismus und Kultur, ein ehemaliger Vertreter des sozialdemokratischen Lagers, bescheinigte ihm Kapriziösen eines Künstlers, der die rapiden Fortschritte im Lande nicht sehe. Seither können die beiden nicht gut Kirschen miteinander essen. Erst wurde ein Nazim Hikmet Oratorium, das auf der Frankfurter Buchmesse, vorgesehen war, aus dem Programm gestrichen und dann sagte der Minister für Kultur auch noch, dass man Leute nicht bereichern wolle, die auf dem Rücken von Nazim Hikmet Geld verdienen wollen. Das war zuviel für den Virtuosen vom Weltrang. Seither wartet er auf eine gehörige Entschuldigung des Ministers.

Seine unermüdlichen Stellungnahmen zugunsten des Laizismus erwecken den Anschein, als hätte Fazil Say nur für die regierende AKP Kritik übrig. Doch auch Deniz Baykal, Vorsitzender der CHP, hat kurz nach den letzten Wahlen seinen Teil abgekriegt. „Seien wir logisch“, beklagt Say in einem kürzlichen Interview, „welche Partei soll ein Mensch meiner Sorte in der Türkei wählen. Aufgrund meiner Lebensart und Ansichten kann ich meine Stimme auf keinen Fall der AKP geben. Die MHP empfinde ich als extrem rechts. DTP ist eine ethnische Partei. Die „Saadet Partei“ hängt dem Scheriat an. Übrig bleibt nur die CHP. Wenn aber diese ihre Arbeit schlampig macht, dann liegt etwas vor, was man kritisieren muss. So habe ich Herrn Deniz Baykal seine Defizite aufgezählt. Weder bin ich der erste, der so etwas macht, noch der letzte. Aber es hat ein anderes Gewicht, wenn ich das mache.“

Damit hat Fazil Say nicht Unrecht. Als sein kritischer Brief an Deniz Baykal in den Zeitungen in Umlauf kam und Schlagzeilen machte, sorgte er in der Tat für viel Aufsehen. Doch nicht allein des Inhalts wegen. Während Deniz Baykal selbst sich beim Fazil Say für seine Mühe bedankte, ereiferten sich andere, wenn zwar keine Liebhaber von Deniz Baykal, womöglich ihre offenen Rechnungen zu begleichen. Der Musiker solle erst einmal die Grammatik lernen. Fazil Say wurde vorgeworfen, in dem Brief alle Regeln der türkischen Sprache danieder geschmettert zu haben.

Aber Konventionen, auch die der Grammatik, sind offenbar nicht Sache des Künstlers. Ob er musiziert, komponiert oder schreibt, was er macht, macht er halt mit Inbrunst und weil er dabei aus der Tiefe seines Herzens schöpft, bleibt nicht aus, dass er das Festgefügte des Wohlklangs immer mal aus den Angeln hebt.

Vielleicht mag auch ein Fazil Say sich im Getriebe der Zeit ändern. Am Ende seines Buches schreibt er denn auch selber: „Dies ist ein Buch, das meine jetzigen Gedanken über die Kunst, den Künstler, die Welt und die Türkei reflektiert. In 10 Jahren kann es geschehen, dass ich über vieles anders denke. Meine Ansichten können sich ändern. Vielleicht werde ich sagen, dass ich Beethoven falsch verstanden und Deniz Baykal unrecht getan habe. Wandel ist ein natürlicher Prozess.“ Aber bis dahin ist er einstweilen das, was er ist: Ein Virtuose, der mit Hingabe musisiert, der aber selbst auf die Gefahr hin, dass er damit einsam steht, eben auch seine Ansichten hat. So ist auch der Titel seines neuen Buches der Einsamkeit gewidmet. Schon das Foto auf dem Deckblatt ist den Anblick mehrfach wert.

 

Einige Video-Eindrücke von Fazil Say

Das Buch: "Yalnizlik Kederi"

 

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