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Jahrgang 4 Nr. 32 vom 7.08.2009
 

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Wettlauf um deutsche Universität

von Markus Beek

Bereits seit den 1990er Jahren existieren Pläne über eine deutsche Universität in der Türkei. Doch immer wieder scheiterte dieses Vorhaben bisher, da die Finanzmittel fehlten. Jetzt überschlagen sich die Ereignisse: Zwei Universitäten – in Istanbul und in Izmir – wollen in Kürze ihre ersten Studenten begrüßen.

Die Tradition des Wissenschaftsaustauschs zwischen Deutschland und der Türkei reicht bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts zurück. Zwischen den Jahren 1915 und 1918 unterrichteten einige deutsche Wissenschaftler an der Darülfünun in Istanbul. Allerdings hatten die deutschen Hochschullehrer nur einen geringen Einfluss auf den Lehrbetrieb und konnten sich neben ihren türkischen Kollegen nicht etablieren. Einen zweiten Anlauf unternahmen deutsche Gelehrte ab 1933. Die politischen Verhältnisse zwangen sie dazu, Deutschland zu verlassen und in der Türkei politisches Asyl zu suchen, um dem Terror der Nationalsozialisten zu entfliehen. In der Türkei entfalteten die Emigranten diesmal einen großen Einfluss auf den Hochschulbetrieb und das an allen Fakultäten. Der bekannteste der deutschen Auswanderer war Ernst Reuter, der unter anderem in Ankara lehrte und Begründer des Instituts für Stadtforschung und Kommunalwissenschaften war. Allerdings geriet diese deutsche Tradition im Bildungswesen der Türkei in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wieder in Vergessenheit, obgleich seit den 1950er Jahren Hochschulkooperationen zwischen beiden Staaten bestanden.

Nun also soll diese Tradition fortgesetzt werden. Faruk Sen – Gründer und Ex-Leiter des Instituts für Türkeistudien in Essen – beabsichtigt die Eröffnung einer Stiftungsuniversität in Izmir. Maximal 4000 Studenten sollen ab 2010 an der neuen Universität unterrichtet werden. Finanzieren soll sich die Universität durch Studiengebühren, aber auch nach Sponsoren aus der Wirtschaft wird noch gesucht. Die Universitäten in Duisburg-Essen, Bochum, Münster, die Fachhochschule in Gelsenkirchen und die Sporthochschule Köln beabsichtigen der Universität in Izmir fachlich unter die Arme zu greifen.

Das zweite Projekt – die Deutsch-Türkische Universität (DTU) in Istanbul – unterstützen sogar 22 deutsche Universitäten. Ein Hochschul-Konsortium nimmt die Gründung der DTU in Angriff. Campus-Gelände, weitere Materialien und für die Unterbringung der Studenten sorgt der türkische Staat. Deutschland leistet weiterhin seinen Beitrag dadurch, dass es Curricula erstellt, Dozenten und Lektoren entsendet. Insgesamt 5000 Studenten strebt die DTU mittelfristig an zu unterrichten und dies an den Fakultäten: Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Rechtswissenschaften, Natur- und Ingenieurwissenschaften und Kulturwissenschaften. Start des Lehrbetriebs soll bereits zum Wintersemester 2009/2010 sein. An beiden Universitäten wird Deutsch die Unterrichtssprache sein. Die Universitäten fühlen sich dazu verpflichtet, die wissenschaftlich-kulturelle Zusammenarbeit zwischen der Türkei und Deutschland zu festigen. Weiter möchten die Universitäten die Integration der türkeistämmigen Migranten in Deutschland verbessern.

Im Moment zählt die Türkei 93 Hochschulen, davon 68 staatliche Universitäten und 28 Stiftungsuniversitäten. Im Jahr 2006 studierten an den türkischen Hochschulen etwa 2,3 Millionen Studenten und die Zahl des wissenschaftlichen Personals betrug 82 250. Bislang prägten anglo-amerikanische Gründungen die Landschaft der Stiftungsuniversitäten – in diese Phalanx brechen die deutschen Hochschulen mit ihrem Angebot.

Ein Mitglied des Konsortiums der DTU ist die Technische Universität Dortmund, vertreten durch den Prorektor für Lehre, Professor Walter Grünzweig. Er rechnet damit, dass sich neben den türkischstämmigen auch Deutsche für ein Studium an der DTU interessieren, vor allem im Rahmen eines Auslandssemesters. Er hat schon eine Reihe entsprechender Anfragen erhalten. Für diese Zielgruppe könnte ebenfalls ein Studienangebot eingerichtet werden. Als Alleinstellungsmerkmal der DTU streicht Grünzweig heraus, dass diese „im Zeichen des Austauschs“ zwischen der Türkei und Deutschland stehe und „sich durch sie eine türkisch-deutsche Gemeinschaft von Wissenschaftler/innen und Intellektuellen entwickelt, die wir brauchen, um die gemeinsame Zukunft unserer beiden Länder zu gestalten.“ Als besonderen Wert der deutschen Unterrichtsprache nennt Grünzweig vor allem die Punkte, dass sich für die türkischen Studierenden der Vorteil ergebe, sich der Wissenschaft in einer anderen Sprache und damit einer anderen Kultur zu öffnen und diese neu erfahren zu können.

Auch eine türkische Universität in Deutschland hält der Hochschulprofessor für möglich und notwendig würde er unterstützen. Einen Beitrag für den Weg der Türkei in die EU könnte die DTU nach Meinung Grünzweigs leisten; gerade darin könnte ein entscheidender Pluspunkt der DTU liegen – ist doch der EU-Integrationsprozess der Türkei in Deutschland zurzeit ins Stocken gekommen. Für den EU-Prozess der Türkei erkennt Serap Celen – Referentin im Integrationsministerium von NRW – keinen besonderen Wert einer deutschen Universität. Allerdings räumt sie ein, dass sich durch eine deutsch-türkische Universität die Berufschancen der Absolventen verbessern würden, auch weil 40 Prozent der in Deutschland lebenden türkischstämmigen Akademiker sich vorstellen könnten, in der Türkei zu arbeiten.

Voll und ganz wäre das Projekt einer deutsch-türkischen Universität ein Erfolg, wenn es gelänge, beide Aspekte – beruflichen Erfolg der Studenten und wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen der Türkei und Deutschland zu gewährleisten – also praktische und ideelle Aspekte zu verknüpfen. Womöglich trägt dies dann auch zum EU-Integrationsprozess der Türkei bei. Letztendlich fällt die Politik die Entscheidung über den EU-Beitritt und liegt nicht in den Händen der Wissenschaft oder der Wirtschaft.

 

 

 

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