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Jahrgang 4 Nr. 35 vom 28.08.2009
 

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Leonard Cohens erstes Konzert in Istanbul

Meister der Melancholie

Von Dorte Huneke

Am 5. und 6. August stand Leonard Cohen erstmals in Istanbul auf der Bühne. Neben einem enthusiastischen Empfang der Fans erinnerten Protestkundgebungen und hohe Ticketpreise an weltpolitische Herausforderungen

Er hat seine Istanbuler Fans lange warten lassen. Im vergangenen Jahr hatte Leonard Cohen sein mit Spannung erwartetes Konzert am Bosporus abgesagt. Als er schließlich am 5. und 6. August gleich zwei Nächte hintereinander im Cemil Topuzlu Harbiye Açıkhava Tiyatrosu auf die Bühne trat, setzte der kanadische Meister des poetisch-melancholischen Folk allerdings ein Zeichen, das die insgesamt 10.000 Zuschauer nicht so schnell vergessen werden.

Um Punkt 21 Uhr, ein Teil der Zuschauer war noch nicht einmal auf den Sitzen, betritt Cohen auf die Bühne. Das Publikum, beeindruckt von dieser Geste der Höflichkeit, begrüßt ihn mit tobendem Applaus. Nach einigen kurzen Worten beginnt das Konzert mit “Dance Me to the End of Love” – der weltberühmten Hymne an die Schönheit und die Liebe.

Als wollte er seinen treuen Istanbuler Anhängern dafür danken, dass sie bereits so viele Monate und Jahre geduldig auf ihn gewartet haben, spielt Cohen gleich im ersten Drittel einen großen Hit nach dem anderen, “Famous Blue Raincoat”, “Suzanne”, “So Long, Marianne”, “I'm Your Man”, “First We Take Manhattan”. Über dem Open-Air-Theater steht der Vollmond. Auf den Balkonen der umliegenden Hotels versammelt sich im Laufe des Abends ein freudig überraschtes Publikum.

Dass er im nächsten Monat seinen 75. Geburtstag feiert, ließ er sich nicht anmerken.
Fast drei Stunden lang unterhielt der Mann mit der ruhigen, tiefen Stimme ein anmutig lauschendes Publikum. Zwischendurch dreht er sich zu seinen Musikern um und zieht mit einer leichten Verneigung vor ihnen den Hut. Dem Publikum dankt er für einen überaus warmen, friedvollen Empfang – in Zeiten des Chaos und des Leidens. Mehrere Male ruft die Menge ihn für Zugaben zurück auf die Bühne. Mit spielerischen, springenden Schritten verschwindet er nach hinten – und taucht wieder auf.

Trotz der Vitalität des legendären Musikers liegt ein Gefühl davon in der Luft, dass der Besuch in Istanbul möglicherweise nicht nur der erste, sondern wohl auch der letzte sein könnte. Gleichzeitig herrscht Erleichterung darüber, dass Wege gefunden wurden, diese Konzerte überhaupt stattfinden zu lassen. Die scharfen Proteste linker Gruppierungen aus Europa und den US gegen ein Konzert des Künstlers bei Tel Aviv am 24. September waren im Vorfeld bis nach Istanbul gedrungen. Ein geplanter Auftritt in Ramallah im palästinensischen Westjordanland musste abgesagt werden, nachdem palästinensische Gruppierungen Cohen – und neben ihm auch Daniel Barenboim – zu verstehen gegeben hatten, er sei in Ramallah nicht willkommen, solange er auch in Israel auftrete. Cohen hatte 1973 während des Jom-Kippur-Krieges vor israelischen Soldaten und zuletzt 1975 in Israel gesungen.

Über sein Management ließ der Sänger daraufhin verkünden, er werde den Erlös des innerhalb weniger Stunden ausverkauften Konzerts über Amnesty International an israelische und palästinensische Friedensgruppen spenden.

Ein großes Wort. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass dem Weltstar große finanzielle Sorgen nachgesagt werden – die ihn mit dazu veranlasst haben sollen, seine umfangreiche Welttournee (40 Konzerte in 34 Städten in 16 Ländern) anzutreten. Unter den wenigen Kolumnisten türkischer Zeitungen, die nach dem Konzert nicht noch mehrere Tage lang über ihre Erlebnisse im Harbiye-Theater schreiben, sind einige, die aus genau diesem Grund – dass neben der Musik auch Geld eine Rolle spielte – beschlossen haben, kein Ticket für das Konzert zu kaufen.

Etliche andere Fans wiederum, die nicht über das sechsstellige Einkommen eines türkischen Durchschnittskolumnisten verfügen, kauften keine Tickets, weil sie es sich schlichtweg nicht leisten konnten. Die billigsten, früh ausverkauften Plätze kosteten umgerechnet rund 50 Euro. Auch darüber wurde breit und klagend berichtet. Der Ausspruch des Musikers “Es gibt einen Krieg zwischen Arm und Reich” bekam für einige einen merkwürdigen Beigeschmack.

Aufgrund der allgemeinen Finanzkrise waren nicht ausreichend Sponsoren für das rund 700.000 Euro teure Konzert gefunden worden. Deshalb standen auch keine Gratistickets zur Verfügung. Selbst die Protokollgäste mussten laut türkischen Zeitungsberichten reguläre Tickets kaufen – für umgerechnet 165 Euro. Zu den Ehrengästen, die Cohen Backstage persönlich begrüßten, gehörten Yılmaz Erdoğan und Zülfü Livaneli, ein enger Freund des katalanischen Band-Gitarristen.

Vor den Toren des Stadions versammelte sich zudem eine kleine Gruppe von Protestanten, die Cohen – Sohn jüdischer Eltern mit Wurzeln in Polen und Litauen, der sich in den 90er Jahren in ein buddhistisches Kloster zurückgezogen hatte, wo er unter dem Namen Jikan (der Stille) zum Mönch ernannt wurde, bevor er 2001 sein Bühnen-Comeback feierte – mit Transparenten dazu aufriefen, “wie Bono und Roger Waters an Gaza zu denken” und das Konzert in Israel abzusagen.

 

 

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