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Das  wöchentliche deutschsprachige  Internetmagazin  der  Türkei

Jahrgang 4 Nr. 37 vom 11.09.2009
 

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Sich engagieren, Potential fördern und – Geld verdienen

von Benjamin Weineck

So funktioniert das Vereinsleben, das Deutsche und Türken zusammenbringt. Nicht zuletzt wegen ihrer Migrations-Geschichte ist die Beziehung zwischen den beiden Ländern besonders. Doch der Motivation, diese Beziehung zu gestalten und so das Potential zu nutzen, sind ökonomische Grenzen gesetzt.

Tunalı Hilmi Caddesi, No. 17/2. So lautet die Adresse des „Deutschsprachigen Vereins für Sozialarbeit e. V.“  in Ankara. Wo das Haus stehen soll, strahlt ein Hotel mit Glasfassade, keiner in der Umgebung kennt diesen Verein oder weiß, wo sich die mysteriöse Nummer 17 befinden soll.

Ein anderer Ort: Tandoğan. Hier soll es den Rückkehrer-Verein “Almanya’da Yüksek Öğrenim Görmüşler Dayanışma Derneği“ geben. „Varmış“ passt auf Türkisch ganz gut: „es gibt wohl…“. Denn es ist nichts zu sehen, das auf die Existenz einer türkisch-deutschen Vereinsarbeit hinweisen könnte. Der Mann, der mir bei der Wohnung Nummer 11 die Tür öffnet, hat auch noch nie etwas über den Verein gehört.

Weiter geht’s nach Kızılay.  In der Yüksel Caddesi ist das Büro von „Tandem – Verein für Solidarität und Integration“. Doch nein – es gibt nur eine Baustelle. „İnşaat var“ sagt ein Schild vor dem Gebäude.

 

Potential schöpfen
2,5 Millionen Türken und Deutsche mit Türkischen Familien sind seit 1960 aus Europa und vor allem aus Deutschland in die Türkei zurückgekehrt. In Zeiten, in denen es in Deutschland nicht mehr für jeden Arbeit gibt, hält die Rückwanderungsbewegung an. Gleichzeitig gibt es genug Menschen in der Türkei, die eine Zukunft in Deutschland planen; ob als Student, Familiennachzügler oder Akademiker. Diese Migration, früher wie heute, ist Ausdruck der tief verankerten Interaktion zwischen Deutschland und der Türkei. Hier liegt Potential, das zu fördern jedoch der strukturellen Gestaltung bedarf.

Eine Gestaltung, die in vielen großen Städten der Türkei in Vereinen organisiert wird. Istanbul, Izmir oder Bursa, Antalya, Konya und Adana. Überall organisieren engagierte Menschen Treffen von Rückkehrern, Leuten, die schon lange hier leben oder die ein Leben in Deutschland vor sich sehen und schöpfen so das dieser Dynamik eigene Potential aus. Die Menschen werden zusammengebracht, tauschen sich aus, was ohne ihre Organisation innerhalb eines Vereins kaum denkbar wäre.

Nail Alkan, Vorsitzender des Vereins Tandem in Ankara

Diese Menschen zusammenzuführen und so einen Informationsaustausch zu gestalten, hat sich auch der Verein „Tandem“ in Ankara zum Ziel gesetzt. „Wir sind von Zeit zu Zeit aktiv und sind grade nach Gaziosmanpaşa umgezogen“, so Nail Alkan, der Vorsitzende des Vereins. Das erklärt auch die Baustelle. Das Tandem weist auf die gemeinsame Anstrengung zweier Akteure für ein bestimmtes Ziel hin. Und so sollen auch im Verein über Stammtische oder Konferenzen die Menschen zusammengebracht werden, sodass jeder von den Erfahrungen des anderen profitieren kann. Neben sozialen Aktivitäten erschließen die Mitglieder des Vereins das Thema auch und arbeiten dabei auch mit verschiedenen deutschen Stiftungen zusammen.

 

Rückkehrer sind Europäer
Nail Alkan sieht dazu noch weiteres Potential in dieser Begegnung: „Diese Türken sind die europäischen Türken, die Europa immer haben will“, so der Politikwissenschaftler, der schwerpunktmäßig zu EU-Themen forscht. Sie könnten helfen, die Meinungsbildung zur Europäischen Union in der Türkei voranzubringen, da einer Umfrage zufolge nur etwa 10% der Türken überhaupt etwas über Geschichte, Funktion und Bedeutung der EU wissen. „Sie müssen ja nicht „ja“ sagen zur EU, aber sie müssen wissen, warum sie „nein“ sagen“ so Alkan. Auch auf diesem Wege könnte also aus dem türkisch-deutschen, oder in diesem Falle besser dem türkisch-europäischen Dialog über den Verein Nutzen gezogen werden.

 

Ökonomische Bremse
Das sind ehrenwerte und auch wünschenswerte Ziele. Die meisten Mitglieder des Vereins sind jedoch passiv. Jeder geht auch einer eigenen, oft akademischen Arbeit nach. Für Vereinsarbeit bleibt wenig Zeit – und Geld. In der Türkei erhalten Vereine keinerlei Zuwendungen vom Staat. Während in Deutschland in vielen kleinen Gemeinden türkisch-deutsche Kulturvereine wirken, sind es in der gesamten Türkei in allen großen Städten zusammengenommen etwa zehn. Wie wahrscheinlich auch die anderen, einst in Ankara aktiven Vereine, von deren Existenz nun die Spuren verwischt sind, hat auch Tandem mit diesem ökonomischen Faktor zu kämpfen. Ist die Klientel der Vereine nicht besonders finanzstark, kann auch ein guter Wille die effektive, regelmäßige Vereinsarbeit nicht hervorbringen. Etwa 90 % der Mitglieder des Vereins Tandem sind Akademiker mit wenig Freizeit.

Diesem strukturellen Misstand zum Trotz tragen die Vereine, die in der Türkei aktiv sind, dazu bei, konstruktiv mit Grenzen und Differenzen umzugehen und aus ihnen Lehren zu ziehen. Allzu oft wird die Bewegung von Menschen zwischen Ländern defizit-orientiert betrachtet. Die deutsch-türksiche Vereinswelt in seinem zwar großmaschigen Netz weiß, diese vor allem ideologische Hürde trotz ökonomischen Drucks zu überwinden.

 

 

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