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Das  wöchentliche deutschsprachige  Internetmagazin  der  Türkei

Jahrgang 4 Nr. 38 vom 18.09.2009
 

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Auch alte Wurzeln brauchen Wasser

von Benjamin Weineck

Deutsche in Istanbul können sich einer aktiven Gemeinde zugehörig fühlen. Im Anderssein findet man sich zusammen - und manche entwickeln daraus sogar eine Geschäftsidee.

"Meine Mutter ist auch Deutsche!" rief ein Freund ihres Sohnes ihr damals, vor über 20 Jahren entgegen. Viele Jahre lebte Barbara Ercevik (Name geändert) da schon in Istanbul, viele davon in unmittelbarer Nachbarschaft zu anderen Deutschen. "Man lebte so nebeneinander her" sagt sie heute.

Das schließlich hat sie und andere Gleichgesinnte dazu bewegt, das Zusammenleben von Deutschen am Bosporus zu gestalten, ihm ein Gesicht zu geben. Drei Jahre lang arbeiteten die Frauen, deren Männer größtenteils Türken sind, inoffiziell und überlegten, wie sie andere deutschsprachige Istanbuler erreichen können. Sie schalteten das Generalkonsulat ein und per offizieller Post an die in Istanbul registrierten Deutschen konnte das Potential schließlich genutzt werden.

Zu einem ersten Treffen im traditionsreichen Teutonia Haus erschienen über 100 Menschen, interessiert, sich mit anderen deutschsprachigen Menschen in ähnlicher Lage zu treffen, gemeinsam Sport zu machen, spielen, tanzen, wandern. "Die Brücke" nannten sie den Verein. Seit 1989 ist er nach Türkischem Vereinsrecht eingetragen und somit Teil Türkischer Integrität. Die meisten der Mitglieder vereint die Muttersprache Deutsch oder langjährige Lebenserfahrung in Deutschland. Viele von den Mitgliedern leben schon Jahrzehnte an den Ufern des Bosporus, zum Teil mit doppelter Staatsbürgerschaft. Sie bewegen sich sicher und auf eigenen Füßen, sprechen perfekt Türkisch. Manchen ist Deutschland gar fremd geworden in ihrer Abwesenheit.

Doch auch alte, sehr tief sitzende Wurzeln brauchen Wasser: Groß ist das Verlangen, sogar in der bereits sehr vertrauten Türkei auch unter Deutschen zu sein - immerhin zählt "Die Brücke" über 400 Mitglieder. Etwa 500 Deutsche sind nach Angaben des Konsulats in Istanbul gemeldet. Sprache und Erinnerung nicht zu vergessen, sie zu pflegen, das sind die Funktionen des Vereins, die über ein geselliges, das Leben bereicherndes Miteinander greifen - emotional und praktisch also. Er ist ein Kultur- und Wohltätigkeitsverein, über den sich die Mitglieder regelmäßig zu gemeinsamen Aktivitäten zusammenfinden. Hier können die Mitglieder auch bei schlechten Erfahrungen Gesprächspartner finden und sich austauschen. Doch neben sozialen Aktivitäten wie Bosporus-Badefahrten im Sommer, sind auch wohltätige Arbeit und Hilfe bei Problemen, zum Beispiel mit der Türkischen Bürokratie, Teil des Vereinslebens.
Als Teil der deutschen Zivilgesellschaft in der Türkei strukturieren derartige Institutionen den Austausch mit dem Türkischen Umfeld und werden so schließlich dem Bild einer Brücke gerecht. Brücken verbinden geographisch voneinander abgeschnittene Landstriche. Eine Brücke ist also überall da nötig, wo Distanzen zu überwinden sind. Diese statische Distanz durch Sprache und Herkunft, das Anderssein in der Türkei birgt Schwierigkeiten. Aber als offizielle Institution der Türkischen Zivilgesellschaft spannt der Verein "Die Brücke" eine Verbindung zwischen Autorität und Minderheit.
Deutsche in der Türkei und Türken in Deutschland: eine Beziehung, aus der Probleme und Chancen gleichermaßen wachsen. Mit der gegebenen Konstellation konstruktiv umzugehen, ist der Weg, der Bereicherung schafft. So hat sich beispielsweise das Unternehmen "Lamia Tanitim" das Potential dieser bi-kultur zu Nutze gemacht: Lamia Ögütmen, Çiðdem Akkaya und ihre Mitarbeiter organisieren Veranstaltungen für Unternehmen und auch Bildungsreisen vor allem im Deutsch-Türkischen Kontext. Beide haben lange Zeit in Deutschland gelebt und sich nach ihrer Rückkehr in die Türkei entschlossen, hier eine Lücke zu schließen und auch auf wirtschaftlicher Ebene den Türksich-Deutschen Austausch zu koordinieren. "Deutsch denken, Türkisch umsetzen" lautet dabei ihre Devise. Sie arbeiten so mit der Migrationsgeschichte, machen sie sich zu Nutze. Das hierarchisch anmutende Konzept funktioniert: deutsche Firmen, die zum Beispiel in der Türkei Fuß fassen wollen, wenden sich an "Lamia". Um auch die hier arbeitenden Deutschen mit der Türkei vertraut zu machen, organisieret "Lamia Taitim" auch individuelle Bildungsreisen mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten außerhalb touristischer Ziele.

Was also mit regelmäßigen Verabredungen der Deutschen Gemeinde in der Türkei begann, hat sich ausgeweitet. Auch wirtschaftliche und wissenschaftliche Organisationen thematisieren das Zusammenleben und -arbeiten von Deutschen in der Türkei. Längst schon leben Deutsche und Türken nicht mehr nur nebeneinander her, sondern stehen so auch institutionell im Austausch miteinander. Das Anderssein und dessen Thematisierung ist sowohl Selbstzweck als auch ein wichtiges Instrument, die Beziehungen von in der Türkei lebenden Deutschen untereinander und zur anderen zu gestalten.

 

 

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