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Jahrgang 4 Nr. 39 vom 25.09.2009
 

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Aus Betroffenen Beteiligte machen

Yusuf Bayrak kandidiert als Unabhängiger für den Deutschen Bundestag

Claus Stille

Sein Engagement ist ungebremst. Unermüdlich kämpft der Mann für das hoch gesteckte Ziel. Dabei sind die Chancen, es tatsächlich auch zu erreichen, ehrlich gesagt gering: eigentlich gleich Null. Dennoch gibt Yusuf Bayrak nicht auf. Tagtäglich ist er in auf den Straßen und Plätzen von Berlin-Neukölln unterwegs, um für sich die Werbetrommel zu rühren. Das ist zweifellos mit ziemlichen Anstrengungen verbunden. Anzusehen ist das dem immer elegant gekleideten Yusuf Bayrak jedoch nicht. Stets tritt er den Passanten auf den Straßen seines Kiezes freundlich gegenüber, spricht sie höflich an, schenkt ihnen ein von Herzen kommendes Lächeln und überreicht den Menschen sein Informationsmaterial und eine rote Stoffrose dazu (Photo: Bayrak) . Zehntausend dieser Blumen hat der Mittvierziger eigens dafür in China geordert. Aus Kostengründen. Schließlich ist das Yusuf Bayrak zur Verfügung stehende Budget vergleichsweise bescheiden.

Hinter ihm steht nämlich keine Organisation. Erst recht keine Partei. Der Politiker Bayrak vertritt, wenn man so will, seine ganz persönliche Ein-Mann-Partei. In dieser Funktion aber durchaus die Interessen vieler anderer Mitmenschen. Bayrak kandidiert im Berliner Bezirk Neukölln als unabhängiger Kandidat für den Deutschen Bundestag. Gewählt wird am 27. September 2009. Bis dahin nutzt Bayrak jede freie Minute, um für seine Ziele und dafür zu werben, dass möglichst viele Wählerinnen und Wähler seines Wahlbezirks ihm am Sonntag ihre Stimme geben.

Der unabhängige Bundestagskandidat ist überall im Kiez präsent. Auf Fahnen ist sein Konterfei zu sehen, sowie auf Plakaten, die an Zäunen kleben oder an Straßenlampen angebracht sind. Einzelkämpfer Bayrak setzt für seinen Wahlkampf neben den bereits erwähnen roten Stoffrosen immerhin 3000 Plakate und hunderttausend Flyer ein. Für Kinder hält Yusuf Bayrak am Informationsstand Seifenblasen bereit. Seine politischen Ziele sollen hingegen alles andere als bald zerplatzende Seifenblasen sein.

Yusuf Bayrak lebt seit seinem sechzehnten Lebensjahr in Berlin. Wohin er nach dem Besuch der Mittelschule in der Türkei aus Anatolien ohne Schulabschluss gekommen war. Seit dreizehn Jahren ist der gern immer wieder als „Problemkiez“ in die Schlagzeilen gerückte Bezirk Neukölln seine Heimat. Geboren wurde Bayrak als zweites von drei Kindern. Der auf dem Wege der Familienzusammenführung nach Deutschland gelangte Yusuf Bayrak lernte die deutsche Sprache und holte bald seinen Schulabschluss nach. Eingehend befasste er auch mit der deutschen Kultur. Nachdem er eine Ausbildung zum Medienelektroniker abgeschlossen hatte, sammelte Bayrak wertvolle Erfahrungen in der Medienbranche. Im Jahre 1988 sprang Bayrak mutig ins kalte Wasser: er wagte den Weg in die Selbstständigkeit.

Der Vater zweier Söhne betont, schon früh in seiner Familie gelernt zu haben, das Dialog und Verantwortung außerordentlich wichtig im Leben sind. Folgerichtig widmete sich der Geschäftsmann neben seiner familiären Verantwortung auch gesellschaftlichen und sozialen Fragen. Schon seit dem Jahr 2000 engagiert sich Bayrak in unterschiedlichen sozialen Projekten, Vereinen und Arbeitsgemeinschaften in Neukölln für seine Mitbürgerinnen und Mitbürger. Bayraks ganz persönliches Motto lautet:

 

Jeder Mensch kann Helfen und jeder Mensch braucht Hilfe

Yusuf Bayrak hat beschlossen sein Wissen, seine Erfahrung und die ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten in die Politik einzubringen. Zum Nutzen aller. Als Einwanderer aus der Türkei hat er reichlich Kritik an den in Deutschland etablierten Parteien. Mit deren Wirken im großen und ganzen, erst recht in puncto Integration, zeigt er sich unzufrieden. Aus diesem Grund trat Bayrak als unabhängiger Bundestagskandidat an.

Die Kosten für die Wahlkampagne zahlt der erfolgreiche Geschäftsmann – er handelt mit Elektrogeräten aus China - aus eigener Tasche.

Bayrak zeigt ausdrücklich auch auf seinem Wahlplakat (siehe Abbildung links), dass er ein Herz für sein Neukölln hat. Der Bundestagskandidat mag nicht einfach so hinnehmen, dass dieser Stadtbezirk in den Medien zumeist nur als „sozialer Brennpunkt“ rangiert und demzufolge negativ wahrgenommen wird. Sicher, die Probleme in Neukölln sind nicht von Pappe. In manchem der Kieze sind über 70 Prozent Einwanderer zu Hause. Klar, das es da an Reibungsflächen nicht mangelt. Im Sozialstrukturatlas ist Neukölln regelmäßig ganz unten aufgelistet. Auch Bayrak möchte die Tatsachen nicht schön reden.

Aber wo Schatten ist, muss auch Licht sein, mag er sich gedacht haben. Deshalb verweist Yusuf Bayrak explizit auf die ebenfalls im Stadtbezirk vorhandene Vorteile. Im Bezirk Neukölln wohnen mehr als 160 Nationalitäten. Für den Politiker stellt allein dieses Faktum eine Form des Reichtums dar. Gegenüber Funkhaus Europa sagte Bayrak, Neukölln wohne „überwiegend Stärke“ inne. Den vorhandenen Nachholbedarf ignoriert er dabei keineswegs. Der Kandidat sieht jedoch durchaus die reale Chance Schwächen in Stärke umzuwandeln. Für ihn heißt das konkret: Man muss den Menschen mehr Verantwortung übertragen. Bayrak ist sich sicher, dass man dann künftig erfolgreicher im Sinne einer wirklichen Integration sein wird. Yusuf Bayrak: „Wir müssen aus Betroffenen Beteiligte machen. Es ist unser Land, unserer Bezirk und wir leben alle hier zusammen.“ Von den Neuköllnern – welche Wurzeln sie auch immer haben mögen – wünscht sich der politische Einzelkämpfer ein Heraustreten aus der Passivität.

Yusuf Bayrak hat festgestellt, dass es Migranten wie Deutschen häufig an einem Zugehörigkeitsgefühl mangelt. In den meisten der Fälle sind soziale Probleme dafür verantwortlich. Der Einwanderer Bayrak moniert, dass zwar von der Politik und den Medien immer wieder ein Mehr an die Integrationsbemühungen eingefordert werde, man jedoch in Wahrheit an den Zuständen nur wenig bis nichts ändere. Vielmehr unterstützten Verwaltungen und Politiker oftmals - bewusst oder unbewusst, das sei hier infrage gestellt - was sie fast im gleichen Atemzuge wieder und wieder kritisierten: nämlich die Existenz von Parallelgesellschaften. Was den Zustand zementiere, dass Migranten wie Deutsche weiter hauptsächlich nur unter sich lebten. Bayrak fordert aus diesem Grunde Parallelgesellschaften müssten in Mehrheitsgesellschaften umgewandelt werden.

Revolutionär sind Yusuf Bayraks politische Ziele auf den ersten Blick gewiss nicht zu nennen. Würden sie aber eines Tages erreicht, hätte sich entgegen der heute so nicht in Gänze hinnehmbaren Lebenswirklichkeit in Berlin-Neukölln und anderswo womöglich ein Zustand einer lebenswerten Normalität entwickelt. Eine Gesellschaft des Voneinander-Lernens und Miteinander-leben-Könnens. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Bayrak sieht sich vielleicht selbst eher als Konservativen. Von einer Spaßgesellschaft hält er deshalb nichts. Vom Dialog dagegen äußerst viel. Überhaupt, so seine Meinung, sollten sich die Menschen gegenseitig mehr unterstützen.

Ein Traumtänzer aber ist der sympathische politische Einzelkämpfer für eine Mehrheitsgesellschaft ganz und gar nicht. Natürlich weiß der Mann, dass seine Chancen in den Deutschen Bundestag gewählt zu werden nahe bei Null liegen. Dennoch verteilt er weiter optimistisch seine roten Stoffrosen und die informativen Flyer und ist dabei über jeden Zuspruch – darunter durchaus auch feste Zusagen von Passanten ihn am Sonntag wählen zu wollen – froh. Die Medien haben in ihn als etwas Besonderes entdeckt. Zeitungen berichten über den engagierten Unabhängigen. Fernsehsender schicken natürlich auch dann und wann ihre Teams, um Yusuf Bayrak, den freundlichen Mann aus Neukölln, der die Interessen seiner Wählerinnen und Wähler liebend gern im nächsten Bundestag vertreten möchte, ins Bild zu setzen.

Das Umfrageergebnis (Stand: 23.9.2009) auf Yusuf Bayraks Internetpräsenz weist exorbitante 259 abgegebene Stimmen (von insges. 731 Voten) für den Kandidaten auf. Am 27. September dürfte es dennoch nicht reichen für den bemerkenswerten politischen Menschen aus Neukölln. Allein die meisten wahlberechtigten türkischstämmigen Wählerinnen und Wähler machen bekanntlich ihr Kreuz zumeist bei den großen Volksparteien. Yusuf Bayrak dürfte das nicht allzu verdrießlich stimmen. Er ist Realist. Bayraks Engagement aber verdient allerhöchsten Respekt. Es stärkt die Demokratie und bringt Farbe in die festgefahrene politisch Landschaft. Wie auch immer die Bundestagswahlen am Sonntag ausgehen werden: Der Neuköllner Geschäftsmann Yusuf Bayrak wird seinen „Dialog mit den Menschen auf Augenhöhe“ auch darüber hinausgehend fortführen. Dabei dürfte der Berliner mit türkischen Wurzeln die Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus im Jahre 2011 schon fest im Auge haben. Womöglich hat er da sogar mehr Chancen?

 

 

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