Wochenspiegel Dossiers
Magazin Wirtschaft
Adresse Veranstaltungen
Kleinanzeigen Istanbul Post
Suchen Archiv
Kommunikation Aktuelles
Titel 

Istanbul    Post
Das  wöchentliche deutschsprachige  Internetmagazin  der  Türkei

Jahrgang 4 Nr. 40 vom 2.10.2009
 

Jetzt kostenlos!



 

Rezension:

Heinz Kramer; Maurus Reinkowski: Die Türkei und Europa. Eine wechselhafte Beziehungsgeschichte, Stuttgart 2008.

von Markus Beek

Warum finden die Türkei und Europa auf politischem Wege nicht zueinander? Ein entscheidender Grund auf diese Frage liegt für die beiden Autoren in der langen gemeinsamen Geschichte. Durch viele kriegerische Auseinandersetzungen zwischen dem islamisch Osmanischen Reich und dem christlichen Abendland entstand in Europa ein Feinbild des Türken, das sich im europäischen kollektiven Gedächtnis manifestierte. Es entwickelte sich ein “Erbfeindsyndrom” im Westen, das sich bis heute hartnäckig hält. Spätestens seit 1453, nachdem Konstantinopel für immer in die Hände der Osmanen fiel, etablierte sich das Bild des bösen, grausamen Türken, der als Muslime ein Ungläubiger war. So schilderte der Großkanzler Kaiser Karls V., Mercurino Gattinara, auch zu Anfang des 16. Jahrhunderts die Osmanen in der Rolle des Antichristen, als natürlichen Feind der Christen im Kampf um die Herrschaft über den Erdkreis. Diese Auseinandersetzung zwischen Christentum und Islam setzte sich in den nächsten Jahrhunderten fort und blieb im Gedächtnis der Europäer bis heute fest verankert. Immer wieder angefacht wurde die religiöse Auseinandersetzung zwischen Orient und Okzident durch eine Propaganda in Predigten, Bildern und Flugblättern. Im Gegenzug besitzt auch die Türkei ihr eigenes historisch entstandenes “Erbfeindsyndrom”. Im langen 19. Jahrhundert (1774 bis 1912/13) erlitt das ehemals mächtige Osmanische Reich seinen endgültigen Niedergang und schließlich seine Auflösung. Zudem prägte das 19. Jahrhundert der europäische Imperialismus und Kolonialismus sowie einer Vorherrschaft Europas in der Welt, dem sich auch das Osmanische Reich nicht entziehen konnte und dabei zusehen musste, wie die europäischen Großmächte die nationalen Aufstände im Osmanischen Reich unterstützten. Die orientalische Frage, also wie viel vom Osmanischen Reich erhalten werden sollte, damit europäische Interessen gewahrt blieben, beschäftigten die europäischen Mächte mehr als alle anderen außenpolitischen Fragen im 19. Jahrhundert und noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das Offenhalten der orientalischen Frage wie eine Wunde, wie es Kanzler Bismarck mit seiner außenpolitischen Strategie verfolgte, verkannte dabei aber, dass der Patient - das Osmanische Reich - schließlich seinen permanent offenliegenden Wunden erliegen musste und riss Europa mit sich in den Schrecken des Ersten Weltkriegs. Für die Türkei erhielten weiterhin die kriegerischen Ereignisse und der Kampf um das Überleben eines türkischen Staates bei ihrer Gründung aller größtes Gewicht. Sah sich doch die Türkei nach Beendigung des ersten Weltkrieges einer Aufteilung ihres Staatsgebietes durch die europäischen Großmächte gegenüber gestellt. Nur durch den erfolgreichen türkischen Freiheitskampf errang die Republik ihre Unabhängigkeit und misstraute in der Folge den europäischen Entscheidungen bei ihrer Außenpolitik. Der Ausschluss aus dem Kreis der europäischen Mächte, nach der Auslöschung des Osmanischen Reiches, löste ein Trauma aus, das auch in der Türkischen Republik keine Heilung erleben sollte. Die Autoren versuchen diese negative Erinnerungskultur und die in der Vergangenheit entstandenen verschleiernden Mythen, die sich wie beschrieben auf beiden Seiten herausbildeten, aufzubrechen. 

In zwei Teile gliedert sich das Buch der beiden Wissenschaftler. Der erste Teil widmet sich der historischen Betrachtung des Osmanischen Reiches und Europa, der zweite Teil handelt danach von der Türkischen Republik und Europa. Was kennzeichnete die Beziehungsgeschichte zwischen Orient und Okzident? Charakteristika der Handlungen waren für die Autoren: ein Nebeneinander, Miteinander und Nebeneinander. Als Beispiel dieser Handlungen kann besonders das Mittelmeer dienen. So trieben die europäischen Mächte Krieg mit dem Osmanischen Reich auf hoher See und handelten aber auch auf dem Seeweg miteinander. Vor allem Venedig trieb einen regen Austausch mit der Hohen Pforte und verfügte über einen regen Austausch mit dem Osten durch Gesandtschaften, die auch anderen Ländern Europas zum Vorbild wurden. Dass sich zwei monolithische Lager - Osmanisches Reich auf der einen Seite und der geschlossene christliche Westen auf der anderen Seite - bekämpften, stimmte  auch nicht. Frankreich suchte den Kontakt und nahm diplomatische Beziehungen unter König Franz I. auf, um sich aus der habsburgischen feindlichen Umarmung zu befreien und die Vorherrschaft Kaiser Karls V. zu brechen.

Am Schluss dieser kurzen Beziehungsgeschichte gehen die Verfasser noch auf die aktuelle Debatte unter deutschen Historikern ein, die sich zum Beitritt der Türkei zur EU in der jüngsten Zeit äußerten. Sie betonen, dass eine Entscheidung über den Beitritt alleine die Politik zu trefffen haben wird, dass die Geschichte aber dazu beitragen kann, diese Diskussion zu versachlichen. Und das Buch plädiert - vorsichtig formuliered - für den Beitritt der Türkei zur EU, auch weil die Türkei sich besser darstellt als alle anderen Staaten, die noch nicht der Union beigetreten sind. Das Buch leistet einen knappen und spannenden Überblick über die nicht einfache Beziehung zweier Kulturkreise, die sich nicht fremd bleiben müssen. Fazit: Ein Lektüre, die sich vollends lohnt.  

 

 

Archiv

Zurück