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Jahrgang 4 Nr. 41 vom 9.10.2009
 

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Ein beschämendes Ergebnis

von Perihan Ügeöz

Wo ist der Platz der Türkei? Wird sie eines Tages ihren Weg in die Europäische Union finden? Wer Zeit und Muße hat, kann darüber nach Herzenslust Rätsel raten und notfalls gerne auch die Sterne zu Rate ziehen. Ein aktueller Bericht jedenfalls läutet Alarmglocken und ermahnt, dass es nun aber an der aller höchsten Zeit ist, sich von hehren Illusionen über die Perspektiven des Landes loszulösen und die Augen weit aufzusperren.

Am vergangen Montag hat das Entwicklungsprogramm/UNDP der Vereinten Nationen seinen letzten Bericht über die menschliche Entwicklung (Human Development Report, HDR) in Bangkok veröffentlicht. Mit großem Aufsehen und entgeisterter Bestürzung fand dieser sogleich seinen Weg in die Schlagzeilen: „Die Türkei ist wieder einmal sitzen geblieben.“ Kein Wunder!

Ein besonderes Augenmerk des Berichts ist der auf Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern beruhender Entwicklungsindex – das Gender Empowerment Measure (GEM). Erfasst werden dabei insgesamt 109 Länder. Die Türkei erreicht hier den unrühmlichen Platz 101. Bis zum Schlusslicht sind es danach nur noch 8 Plätze, die gleich nach der Türkei von folgenden Ländern belegt sind: Tonga, Iran, Marokko, Algerien, Saudi-Arabien, Ägypten, Bangladesch und Jemen. Wem es aufrichtig an einer demokratischen Entwicklung in der Türkei liegt, muss sich bei diesem Ergebnis in der Tat bis zum Knochenmark durch und durch schämen.

„Das ist die Stelle, wo es nichts mehr zu sagen gibt.“ So die unmittelbare Reaktion von Hülya Gülbahar, der Sprecherin der Frauenvereinigung KADER. Erbost erinnert die Sprecherin, dass ihre Organisation vor den vergangenen Kommunalwahlen im März eine Menge Kampagnen zur Förderung des Frauenanteils in Politik und Wirtschaft organisiert hätte, um die politisch Verantwortlichen zu ermahnen, damit die Türkei nicht auf diese beschämende Position zurückfällt. Jedoch war das Resultat ihrer Bemühungen sehr offenkundig vergeblich. Denn in 39 von 81 Provinzparlamenten, bemerkt die Sprecherin, ist nicht eine einzige Frau vertreten!

Wie alle anderen ist auch Pinar Ilkkarcan, die Koordinatorin der Stiftung für die Menschenrechte der Frauen, beschämt, jedoch nicht überrascht von diesem Ergebnis. Sie ist der Auffassung, dass die Türkei sich gegenwärtig in der Lage einer großen Stagnation befindet. Auch mit Hilfe der Anstrengungen der Frauenbewegung seien in den vergangenen Jahren eine Reihe von wichtigen gesetzlichen Reformen in die Wege geleitet worden. Doch bei der praktischen Umsetzung der Gesetze könne man nicht einen einzigen Fortschritt beobachten. Die Koordinatorin erinnert ferner, dass die Türkei vor dem Europäischen Gerichtshof anlässlich des Verfahrens von Nahide Topuz, die der Gewalt in der Familie zum Opfer gefallen war, jüngst verurteilt wurde und dies nicht nur, weil sie die Gewalt gegen Frauen nicht verhindert habe. Verurteilt wurde die Türkei auch deswegen, weil sie die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau de facto nicht hergestellt hat.

Das Gender Empowerment Measure (GEM) des Berichts über die menschliche Entwicklung misst die Partizipation von Frauen am politischen und wirtschaftlichen Leben. Verwendet werden als Indikatoren: Anteil der Frauen an den Parlamentsabgeordneten, Frauenanteil in führenden Verwaltungs- und Managementpositionen, Frauenanteil unter den ausgebildeten Beschäftigten sowie der Frauenanteil am Erwerbseinkommen als ein Maß für ungleiche Bezahlung. Die ersten 9 Plätze des GEM in dem diesjährigen Bericht werden belegt von Schweden an der Spitze, gefolgt von Norwegen, Finnland, Dänemark, Holland, Belgien, Australien und Deutschland, das auf den 9. Platz kommt. Gemeinsam ist diesen neun Ländern an der Spitze zum Beispiel, dass sie alle unter anderem eine Frauenförderquote vorweisen. Eine Frauenförderquote in Politik wie auch im Erwerbsleben in der Türkei hingegen lässt beharrlich auf sich warten.

Auf allen der ersten als Indikatoren des GEM ausgewiesenen drei Ebenen sind die Zahlen, die die Türkei vorweist, so verheerend niedrig, dass der Frauenanteil beispielsweise auf internationalen Konferenzen mit Hilfe von Grafiken kaum dargestellt werden könne, wie die Frauensprecherinnen ferner bemerken. Die Grafiktorte weigere sich, einen Anteil von 0,56 oder 1 Prozent in der grafischen Berechnung abzubilden. Was demgegenüber die vierte Ebene des Anteils am Erwerbseinkommen angeht, so geht aus den Zahlen des Berichts hervor, dass das Einkommensniveau der Frauen in der Türkei im Durchschnitt nur ein Viertel des männlichen Einkommens beträgt, wenn sie denn überhaupt einer Erwerbstätigkeit nachgehen können.

Warum dann diese Schikane?

Schaut man sich die im Bericht vorgelegten Zahlen im Detail an, so fällt auf, dass es insbesondere die Bildungsmisere von Mädchen und Frauen ist, die den Stand der Türkei solchermaßen jämmerlich in den Keller zieht. Hat die Türkei ein ernsthaftes Interesse gegen die Bildungsnot von Mädchen und Frauen anzugehen? Wenn ja, warum wird dann ausgerechnet gegen diejenige Initiative ein unsägliches Vorgehen angestrengt, die sich seit Jahren gegen diesen Zustand erfolgreich engagagiert? Die Rede ist von der mehrfachen Schikane, die man seit jüngstem dem Verein zur Förderung der zeitgemäßen Lebensweise (Cagdas Yasami Destekleme Dernegi) zuteil werden lässt. Mann erinnere sich, dass im vergangenen April im Rahmen der zwölften Ergenekon-Welle zahlreiche Filialen des Vereins regelrecht auf den Kopf gestellt und verwüstet wurden.

Im Laufe ihrer inzwischen 20 jährigen Existenz hat dieser Verein mehr als 36.000 Mädchen Stipendium gewährt, damit ihnen ein Schulbesuch überhaupt ermöglicht wurde. Eine seiner bekanntesten Aktionen ist die seit 2005 geführte Kampagne wiederum für ausschließlich Mädchen: „Vater, schick mich zur Schule.“ Allein mit Hilfe dieser Kampagne gelang es dem Verein, Stipendium für mehr als 7000 Tausend junge Mädchen insbesondere aus benachteiligten Familien und Landesteilen aufzutreiben.

Ausgerechnet diese Kampagne ist nun erneut als Zielscheibe auserkoren. Erst vor kurzem wurde gemeldet, dass der Staatsanwalt die Akten von mehreren Tausend Stipendiatinnen des Vereins angefordert hat. Kontrolliert werde, ob zwischen den Stipendiatinnen und der terroristischen PKK eine Verbindung bestehe. Um sich die Folgen dieser Untersuchung auszumalen, bedarf es keiner hellseherischen Gabe: Einschüchterung von einfachen Bürgern mit dem Ziel, dass sie ihre Töchter lieber Zuhause behalten werden als mit Hilfe des Vereins in die Schule zu schicken. Noch vor zwei Wochen wurde die Koordinatorin dieser Kampagne aus der Untersuchungshaft entlassen, nachdem sie nach der zwölften Ergenekon-Welle im vergangenen April fast 5 Monate lang für nichts und wieder nichts eingesperrt war.

Eine Mosaiklandschaft ohne die Frauen

Mit dem effektvollen Slogan: „Wenn Du nicht dabei bist, sind wir unvollständig“ hat der Ministerpräsident Erdogan vor einer Woche auf dem Kongress seiner AKP mit einer Liste von 14 Personen geglänzt. Seine Botschaft war: Die Türkei ist wie eine Mosaiklandschaft mit vielen Facetten. So stellte Erdogan auf der Liste einen Stoß von unterschiedlichen Namen zusammen, die für verschiedene kulturelle und politische Strömungen stehen. Die Spannweite der aufgezählten Persönlichkeiten reicht von Nazim Hikmet bis Ahmet Kaya, die man einst wegen ihrer politischen Ansichten ausgebürgert hatte. Kemal Kilicdaroglu, der stellvertretende Vorsitzende der oppositionellen CHP kritisierte die Liste des Ministerpräsidenten mit dem Argument, dass das kulturelle Erbe der Türkei viel reichhaltiger sei, als man es auf 14 Namen beschränken könnte und ergänzte die Liste um weitere Persönlichkeiten des türkischen Kulturguts. Doch siehe da: Genauso wie die Liste von Erdogan enthielt auch die von Kilicdaroglu präsentierte Ergänzung den Namen nicht einer einzigen Frau.

„Die Frau hat keinen Namen“ lautete der Titel eines Buches der vor wenigen Jahren verstorbenen Schriftstellerin Duygu Asena. Seit dem Erscheinen des Buches in den 1980er Jahren ist innerhalb der türkischen Gesellschaft gewiss jede Menge Umwälzung passiert. Doch die Frau ist offenkundig immer noch ohne Namen. Ob und wann man sie je eines Namens für würdig erachten wird, steht vorerst in den Sternen geschrieben.

 

 

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