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Jahrgang 4 Nr. 41 vom 9.10.2009
 

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Sarrazin wirft wieder verbale Stinkbomben. Diesmal trifft es arabische und türkische Migranten

Claus Stille

Der Berliner Ex-Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) gefällt sich scheinbar in der Rolle des Provokateurs.

Aus diesem Grunde weinte ihm nach dessen Abschied aus der Politik auch wohl kaum jemand nach.

Dabei hatte sich der Finanzsenator des Stadtstaats Berlins bei der Konsolidierung des maroden Haushalts durchaus Meriten erworben.

Hingegen handelte sich Sarrazin wegen diverser provokativer Äußerungen regelmäßig immer wieder ziemlichen Ärger ein.

Er wetterte nicht nur gegen Arbeitslosengeld-II-Empfänger, Lehrer oder Schüler, sondern empfahl in Not geratenen Menschen mit knappem Haushaltsbudget ganz und gar, durch das Tragen „dicker Pullover“ Heizenergie – und damit Geld - zu sparen. Dann wieder ließ sich der Mann einen speziellen Sarrazinschen „Speiseplan“ einfallen, womit der Nachweis erbracht werden sollte, dass man vom zuvor als unzureichend kritisiertem ALG-II-Geld doch bestens (über)leben könne.

Nicht nur die Betroffenen – oft unverschuldet in Not geraten – empfanden Sarrazins „Tipps“ als arrogant und menschenverachtend. Und darüber hinaus auch noch schier unerträglich, weil sie diese aus dem Mund eines Sozialdemokraten vernehmen mussten.

Nachdem es Thilo Sarrazin in den vergangenen Monaten erfolgreich gelungen war, schmutziges Wasser bei sich zu behalten, erhielt die Öffentlichkeit nun doch überraschend (?) wieder Kunde von einem schweren Rückfall.

In einem fünfseitigen Interview mit einem Journalisten der Zeitschrift „Lettre International“ ging dem ehemaligen Finanzsenator bezüglich seiner persönlichen Sicht auf die Stadt Berlin ausgiebig der Mund über. Thilo Sarrazin sagte darin zweifellos einige Wahrheiten über Berlin und sprach einige Dinge an, welche zum Nachdenken Anlass geben. Fraglos vereinfacht er jedoch an einigen Stellen über die Maßen und schießt – wie es seine Art ist – übers Ziel hinaus. Dabei ist er sich eben auch nicht zu schade Vorurteile zu bedienen. Zu einer differenzierten Sichtweise ist Dr. Sarrazin offensichtlich nicht in der Lage.

Gehörig aufs Korn genommen hat der Bundesbank-Vorstand, der aus einer Familie von Bankdirektoren und Gutsverwaltern stammt, hauptsächlich sein „Lieblingskind“ die „deutsche Unterschicht“ sowie ausgerechnet die Gruppe der muslimischen Migranten:

„Eine große Zahl an Arabern und Türken in dieser Stadt, deren Anzahl durch falsche Politik zugenommen hat, hat keine produktive Funktion. Außer für den Obst- und Gemüsehandel.“ Und der SPDler setzt noch eins drauf: „Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate.“ Damit nicht genug: „Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.“

Lieber wäre Dr. Sarrazin offenbar, „osteuropäische Juden“ eroberten Deutschland, die lägen „mit einem 15 Prozent höheren IQ“ über dem der deutschen Bevölkerung.

Hier wirft Thilo Sarrazin einiges durcheinander. Er arbeitet mit Halbwahrheiten, verkürzt und vergisst so gleichzeitig die Ursachen für bestimmte Erscheinungen und Entwicklungen mit zu benennen. Mit Verlaub: so gehen auch Rassisten vor.

Auch gegen die Medien keilte der Rückfalltäter aus: Diese seien „orientiert auf die soziale Problematik, aber türkische Wärmestuben können die Stadt nicht vorantreiben.“

Schließlich lässt der in jeder Hinsicht gut abgesicherte Bundesbankmanager Sarrazin vollends die Katze aus dem Sack: „Jeder, der bei uns etwas kann und anstrebt, ist willkommen; der Rest sollte woanders hingehen.“

Solche Sätze kann man durchaus auch bei Neofaschisten lesen. Doch Dr. Sarrazin ist eben nicht Mitglied der NPD sondern der SPD. Hat er nach diesen Ausfällen in letzterer Partei eigentlich noch etwas verloren? Der SPD-Politiker Vural Öger antwortete auf diese Frage umgehend mit einem glasklaren NEIN. In der WDR-Sendung „Aktuelle Stunde“ kündigte Öger an, sich beim Parteivorstand für einen Parteiausschluss einsetzen zu wollen. Öger bezeichnete die Worte Sarrazins als „beschämend, widerlich und skandalös“. Überdies finde er, wer in dieser Art und Weise über sozial Benachteiligte spreche: „so ein Mensch kann nicht ein SPD-Mitglied sein“.

Ver.di-Gewerkschaftsvorstand Uwe Foulongs Meinung zu dem Fall: Sarrazins Äußerungen sind „rechtsradikal“.

Kritik hagelt es mittlerweile aus allen Ecken. So empörte sich der Botschafter des Deutschen Kinderhilfswerks, der Modedesigner Harald Glööckler, Sarrazin habe „die Grenze zum Rechtsradikalismus eindeutig überschritten“. Und im Hinblick auf die derzeitige Funktion Sarrazins bei der Bundesbank sagte Glööckler: „Ein Vorstand sollte auch Verstand haben.“

Von anderer Seite wird Dr. Sarrazin Volksverhetzung vorgeworfen.

Die Staatsanwaltschaft prüft derweil, ob die abfälligen Bemerkungen des früheren Finanzsenators einen Straftatbestand erfüllen.

Unterdessen hat sich “Thilo Sarrazin für seine Äußerungen nach Gutsherrenart via „Süddeutsche Zeitung“ gegenüber den Türken entschuldigt. Besser werden diese allerdings auch dadurch nicht, wenn er sich nämlich damit zu rechtfertigten versucht, diese seien private Meinung und nicht jede seiner Formulierungen sei „gelungen“ gewesen.

Nichtsdestotrotz: der Druck auf den Bundesbankvorstand wächst.

Kritik übte ebenfalls Bundesbankpräsident Axel Weber höchst selbst am Rande am Rande des Jahrestreffens des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank in Istanbul.

Weber legte Sarrazin sozusagen indirekt den Rücktritt nahe. Der Bundesbank sei durch dessen abfällige Redensarten ein „Reputationsschaden“ entstanden. Ungewöhnlich scharf kritisierte das Bankinstitut Dr. Sarrazin. Dessen Interview stünde in keinerlei Zusammenhang mit dessen Aufgaben bei der Bundesbank.

Dem Bundesbank-Chef soll der umstrittene Text in „Lettre International“ vorab bekannt gewesen sein. Angeblich habe Axel Weber Dr. Sarrazin vergebens um Änderungen daran gebeten.

Rücktrittforderungen an Sarrazin kamen von verschiedenen Seiten. Auch Sebastian Edathy (SPD) hielte des für besser, Thilo Sarrazin nähme seinen Banker-Hut.

Unterstützung für seine verbalen Stinkbomben erfuhr Sarrazin dagegen vom Publizisten Ralph Giordano. Der Holocaustüberlebende Giordano kritisiert seit Jahren verstärkt die „muslimischen Parallelgesellschaften“ in Deutschland und spricht sich vehement gegen Moschee-Bauten aus.

„Geistige Brandstifter auf dem Gebiet der Sozialpolitik“, so sieht es die Berliner Abgeordnete Evrim Baba (DIE LINKE), zu denen sie offenbar Thilo Sarrazin zählt, sind – wie der vorliegende Fall anschaulich beweist – nicht so einfach zu stoppen. Weil es ihnen an Einsicht mangelt. Wie sonst ist zu erklären, dass bei einem sich Sozialdemokrat nennenden Mensch offensichtlich keine rote Warnlampe anzugehen scheint, wenn er kalt die Meinung heraus plappert: 20 Prozent der Berliner Bevölkerung würden ökonomisch nicht gebraucht? Früher erwartete man von Sozialdemokraten, dass sie gesellschaftliche Missstände nicht nur beim Namen nennen, sondern auch Lösungen derart erarbeiten, wie diese künftig im Sinne des Allgemeinwohls zu beheben seien...

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat warf Thilo Sarrazin indes vor wieder einmal übers Ziel hinausgeschossen zu sein und sich keinerlei Gedanken über die Auswirkungen seiner Aussagen gemacht zu haben.

Türkische Unternehmer mahnten an, doch endlich einmal auch die Erfolgsgeschichten vieler „migrantischer Betriebe“ zur Kenntnis zu nehmen.

Fazit

Ein Mann wie Thilo Sarrazin wird sich sicherlich darauf berufen, das unbequeme Wahrheiten nun einmal ausgesprochen werden müssten. Weil es sonst niemand tue.

Dagegen ist per se nichts einzuwenden. Aber bitteschön nicht in Rambo-Manier! Das diskreditiert die behauptete gute Absicht.

Die Migranten selbst sind da offenbar schon um einiges weiter. Anruferinnen und Anrufer hatten anlässlich einer Sendung von Funkhaus Europa zum Thema am Dienstag dieser Woche keine Probleme damit, ihrer Meinung nach negative Entwicklungen innerhalb ihrer Community offen auszuspechen. Gleichzeitig allerdings sparten sie – anders als Sarrazin - die positiven Seiten der Migranten-Medaille bei ihren Betrachtungen auch nicht aus.

Längst sind Türkischstämmige in der BRD nicht mehr nur als Obst- und Gemüsehändler tätig. Eine Tatsache die bei Herrn Sarrazin jedoch zum alten Klischee verkehrt wird, das auf diese Weise verächtlich macht. Und überhaupt: Sind Obst- und Gemüsehändler keine würdigen Mitglieder der Gesellschaft?

Dennoch stimmt das alte Bild eben nur noch zum Teil. Längst sind doch türkischstämmige Einwanderer auch als Facharbeiterinnen und Facharbeiter tätig, haben sich zu Meisterinnen und Meistern qualifiziert, arbeiten als Selbstständige und Akademikern in höheren Berufen, tun ihre Pflicht als Polizistinnen und Polizisten, oder stehen als Künstler auf der Bühne bzw. vor den Film- und Fernsehkameras und als Regisseure dahinter.

Das von alldem, was wir gemeinhin als Normalität zu bezeichnen pflegen noch immer viel zu wenig ist, wird niemand ernstlich bestreiten wollen. Und natürlich ist noch immer ein Integrationsdefizit zu konstatieren. Die Schuld daran nur bestimmten Gruppen von Menschen zuzuschreiben ist nicht redlich. Auch der Staat hat jahrzehntelang in puncto Integration nicht nur tief und fest geschlafen, sondern – schlimm genug – diese erst gar nicht auf die Agenda gesetzt.

Herrn Dr. Sarrazin ist ins Stammbuch zu schreiben: Um die Verhältnisse zu verbessern hilft es nicht, sie bloß eiskalt und möglichst provokant aufs Tapet zu bringen. Noch viel weniger die aus welchem Grund auch immer sozial benachteiligten Menschen in einer Gesellschaft als „Unterschicht“ und „Integrationsverweigerer“ zu beschimpfen. Das ist menschenverachtend. Besonders, wenn man ihnen auch noch signalisiert, sie seien unnütz. Weshalb sie – so werden es zu zuallererst NPD-Anhänger verstehen – eigentlich aus dem Lande geworfen gehörten.

Harte Töne aus dem Munde eines angeblichen Sozialdemokraten. Wo doch sonst immer so gern davon Rede ist, man müsse die Menschen mitnehmen. Diese Menschen etwa nicht?

Überhaupt, so brachte es eine Funkhaus-Europa-Hörerin am Telefon sinngemäß zum Ausdruck, sind die Ursachen der meisten der von Thilo Sarrazin benannten Missstände in der immer größer werdenden Diskrepanz zwischen arm und reich zu suchen. Und sie sind vielfach die Folge eines ungerechten Bildungssystems. Von einer Chancengleichheit für alle dort lebenden Menschen ist Deutschland nach wie vor meilenweit entfernt. Wieso eigentlich hat Dr. Sarrazin in seinem Interview nichts darüber gesagt? Wo er sich doch in der Rolle des Provokateurs scheinbar so gut gefällt.

 

 

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