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Jahrgang 4 Nr. 41 vom 9.10.2009
 

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CURAyeni - ein Gesundheitszentrum für türkische Migranten

Claus Stille

Diejenigen türkischen Menschen, welche vor Jahrzehnten – vornehmlich in jenen Jahren, da in bundesdeutschen Betrieben noch Arbeitskräftemangel herrschte - als sogenannte Gastarbeiter angeworben worden waren und auf diese Weise in die BRD gelangt waren, haben wohl in der Mehrzahl der Fälle damit gerechnet nach einer gewissen Anzahl von Jahren der Arbeit in der Ferne wieder in ihre Heimat zurückzukehren. In Deutschland sollte ordentlich Geld verdient werden, um die Familien daheim zu unterstützen.

Indes, wir wissen: es kam anders.

Auch die deutschen Gastgeber rechneten nur mit einem vorübergehenden Aufenthalt der ausländischen Arbeitskräfte.

Die einen, wie die anderen, haben sich getäuscht.

Auf Druck der Industrie hatte man via einer Außenstelle in der Türkei des deutschen Arbeitsamtes Arbeitskräfte nach Deutschland verpflichtet.

Doch wie sich über die Zeit herausstellte: es waren Menschen gekommen.

Und Menschen pflegen Familien zu haben. Bald schon zogen den in Deutschland arbeitenden Ehepartnern deren Frauen bzw. Männer nach. Auch Kinder folgten per Familienzusammenführung.

Deren Kinder gründeten in Deutschland Ehen. Daraus wiederum gingen neue Generationen von Menschen hervor.

Viele türkische Menschen blieben also in Deutschland. Sie fanden dort eine neue Heimat. Ein Zurückgehen in die alte Heimat zogen nicht wenige von ihnen – aus den unterschiedlichsten Gründen – nicht mehr in Betracht.

Unterdessen sind die einstigen Gastarbeiter im Rentenalter. Nicht alle dieser Menschen sind gesund. Wie andere ältere Mitmenschen benötigen sie zuweilen Hilfe und Unterstützung im Alltag.

Pflegedienste für kranke und anderweitig hilfebedürftige Menschen gibt es schon länger in Deutschland.

Menschen mit türkischem Migrationshintergrund, welche einen diesbezüglichen Angehörigen in der Familie, dürften gewisse Berührungsängste mit diesen Pflegedienst haben. Womöglich vielleicht selbst dann, wenn der Pflegedienst eine türkischstämmige Servicekraft in ihren Reihen hat. Das hat ganz sicher mit der Herkunft aus einem anderen Kulturkreis zu tun. Mag sein, auch mit der anderen Religion. Und mit anderen Traditionen. Demnach hat im muslimischen und türkischen Kulturkreis die Familie einen ungleich höheren Stellenwert als heutzutage bei den Deutschen.

Deshalb sind türkischstämmige Familien in der Regel auch sehr bestrebt alte und kranke Familienmitglieder so lange als möglich in ihrem Kreis zu behalten.

Gülcan Balci (Photo oben/Curayeni) hat dieser Tatsache Rechnung getragen. Am 1. August diesen Jahres gründete die examinierte Krankenpflegerin und Pflegedozentin mit dem CURAyeni-Gesundheitszentrum den nach eignen Angaben „ersten umfassenden Pflegedienst mit dem Schwerpunkt der Beratung und Betreuung in Pflegetätigkeiten für Migranten türkischer Herkunft“.

Das manifestiert sich sogleich auffällig im Firmennamen. Die medizinische Begrifflichkeit CURA steht für DAS HEILENDE. Das türkische Wort yeni kündet von der Neuartigkeit des Serviceangebots.

Die sympathische junge Existenzgründerin kann bereits auf eine längere Berufserfahrung zurückblicken. Dabei konnte sie reichlich Erfahrungen bei der Arbeit in der ambulanten Pflege sammeln, welche sie in der Schulung von Pflegekursen an Angehörige mit Migrationshintergrund erfolgreich weitergeben konnte.

Die Philosophie welche hinter dem Geschäftskonzept von CURAyeni kommt den Menschen, welche sich für die damit verbundene Dienstleistung entscheiden möglichst weit entgegen: den Kunden möchte man ein selbst bestimmtes und sicheres Leben in den eignen vier Wänden ermöglichen.

Doch damit nicht genug. Betroffene und deren Angehörige sollen durch die Unterstützung des neuen Pflegedienstes befähigt werden „zum Experten ihrer Selbst“ zu werden. Die dazu nötige Anleitung und Beratung führen die motivierten Mitarbeiter und Pflegefachkräfte des Gesundheitszentrums um Gülcan Balci durch (Photo links/Curayeni) Sie alle verbindet ausnahmslos eine langjährige Erfahrung in der häuslichen Pflege. Sie verfügen sogar über diverse Zusatzqualifikationen. Darüber hinausgehend ist das Team im Qualitätsmanagement firm und betreffs innerbetrieblicher Fort- und Weiterbildung geschult.

Dabei geht es keineswegs darum, etwa die Angehörigen mit den Problemen allein zu lassen. Ziel ist es vielmehr die Betroffenen gefühlvoll zu begleiten. Dabei, versichert Gülcan Balci, können sie jederzeit auf die Bereitschaft des Pflegedienstes zurückgreifen.

Dieser ist rund um die Uhr erreichbar.

Das Dienstleistungsspektrum für Pflegefälle von CURAyeni ist breit gefächert. Neben der notwendigen Pflege der Kunden übernehmen die Servicekräfte bei Bedarf auch deren Begleitung bei Arztbesuchen. Selbst zu Behördengängen sagt CURAyeni nicht nein. Da wird dann auch schon einmal bei der Übersetzung bzw. dem Ausfüllen eines Formulars geholfen. Ebenso beim Stellen von Anträgen bei Kranken- und Pflegekassen oder dem Sozialamt.

Sogar Telefonate übernimmt der Pflegedienst für die Kunden. Auch das Schreiben eines Briefes wird da schon einmal übernommen. Das Gesundheitszentrum stellt auf Wunsch genauso die Wohnungsreinigung, wie die Erledigung des täglichen Einkaufs sicher.

Nicht einmal ein Hausmeisterservice fehlt im Angebot der jungen Firma. Ebenso möchte das Gesundheitszentrum dazu beitragen, dass dessen Kunden ihre sozialen Kontakte aufrecht erhalten können. In die Tat umgesetzt wird das durch die Zurverfügungstellen eines Fahrdienstes. So können die Betreuten an Familienfeiern oder Vereinsfesten teilnehmen.

Auch bei entsprechendem Interesse am „betreute Wohnen“ kann geholfen werden.

Prävention wird groß geschrieben bei CURAyeni. Sie steht unter dem Motto „Der Weg ist das Ziel, weil das Entscheidende auf dem Weg geschieht“.

Dementsprechend werden zwei wichtige Punkte beherzigt:

  • weg vom krankheitsorientierten Denken und

  • mehr Sorge für ein gesundes Leben bzw. der Aktivierung positiver Kräfte

Zu diesem Behufe bietet CURAyeni auch zweisprachige Gesundheitskurse an.

„Türken“, sagt Gülcan Balci, „würden nie in ein normales Pflegeheim gehen“. Wegen des anderen Kulturkreises sicherlich und weil „viele Einwanderer der ersten Generation, obwohl ihre Enkel schon hier geboren sind, noch immer kein Deutsch.“ Das isoliert sie. Sie leiden sie unter Heimweh. Das kann krank machen. Mit dem Service ihres Gesundheitszentrums möchte sie ihren Landsleuten „ein Stück Heimat“ zurückgeben...

Die einstigen, inzwischen in die Jahre gekommenen, türkischen Gastarbeiter dürften derartige Leistungen wie sie Gülcan Balci samt Team anbietet, gern annehmen. Schon in ein paar Jahren werden ähnliche Einrichtungen (mir bekannt ist ein Pflegeheim für türkische Migranten in Duisburg und eines in Berlin) wohl bereits nichts Besonderes mehr sein.

Gülcan Balcis modern konzipiertes und ausgestattetes Gesundheitszentrum, untergebracht in transparent und luftig gestalteten Räumen in Hagen ist nur ein Beispiel dafür, dass Menschen mit türkischen Migrationshintergrund durchaus längst im 21. Jahrhundert angekommen sind und gleichzeitig auch noch – hier mit einem speziellen Geschäftsmodell - dessen wichtigsten Erfordernissen Rechnung tragen.

Ironischerweise nützt es Gülcan Balci offenbar nun auch wieder nichts, dass sie nicht Obst- und Gemüsehändlerin geworden ist, wie so viele ihrer Landsleute (was der Berliner Finanzsenator Sarrazin monierte), sondern examinierte Krankenpflegerin und Pflegedozentin.

Jedenfalls mosert das Internetportal POLITYCALLY IN CORRECT Bezug nehmend auf einen Artikel über CURAyeni auf seiner Webseite: „Und das nächste Beispiel für türkischen Rassismus gegenüber deutschen Kartoffeln. Türken brauchen im Alter ein Pflegeheim, wo sie unter sich sind und nicht von einheimischen Ungläubigen belästigt werden. Man stelle sich das Geschrei vor, wenn es ein Heim exquisit für Deutsche gäbe.“

Nun ja. Die Politisch Unkorrekten sollten sich vielleicht einmal in der deutschen Community in Spanien oder der Türkei, z.B. in Alanya, umsehen. Ob sie dort besser Integrierte finden?

Gülcan Balci dürfte sich von derlei unqualifizierten verbalen Querschüssen nicht weiter beeindrucken lassen. Ob es manche nun glauben mögen oder nicht: ihr Gesundheitszentrum trägt dem Integrationsgedanken durchaus ein Stück weit Rechnung. Auch wird wohl niemand ernsthaft von der jungen engagierten Frau verlangen, dass sie Jahrzehnte in der BRD verpasste Integrationsanstrengungen - hier wie da - repariert, indem sie entgegen den familiären Traditionen ihrer alt gewordenen Kunden handelt. Kunden, das darf nicht vergessen werden: die einst einmal hart fürs deutsche Bruttosozialprodukt malocht und Steuern gezahlt haben.

Das Angebot von CURAyeni reagiert ganz einfach auf einen bestehenden Bedarf. Wie es einst auch für türkische Obst- und Gemüsegeschäfte einen gewissen Bedarf gegeben haben musste. Die einen hatten nach dem Gang in die Arbeitslosigkeit eine neue Erwerbsquelle gefunden, die anderen eine interessante Einkaufsquelle. Alles hat eben seine Zeit...

 

 

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