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Jahrgang 4 Nr. 42 vom 16.10.2009
 

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Wir und Die?

von Benjamin Weineck

Neues Futter für den Integrationsdiskurs in Deutschland: Thilo Sarrazin haut mit der Faust auf den Stammtisch – und erntet gleichermaßen Lob und Häme. Fundierte Gegenargumente abseits von hysterischem Geschrei und der Erinnerung an political correctness gab es allerdings nicht. Schon vor einem Jahr ist ein kleines Buch erschienen, das diese wertvollen Argumente liefern könnte. „Mann wird man“ räumt auf mit medialen Klischees und versucht, festgefahrene, als Wahrheiten erbaute Gedankenkonstrukte zu zertrümmern. Ein neuer Impuls für den Diskurs?

Türkische Männer in der Diaspora sind die „neuen Sündenböcke in den westlichen Gesellschaften“ – darin sind sich die 14 Autorinnen und Autoren des Sammelbandes einig. In ihrem Buch „Mann wird man – Geschlechtliche Identitäten im Spannungsfeld von Migration und Islam“ untersuchen sie, wie muslimische Männer, vor allem in Deutschland, im Diskurs um Migration, Integration und Islam als Repräsentanten des „anderen Fremden“ oder der „anderen Kultur“ herhalten. Sie repräsentieren den Islam, der dadurch zum fest eingerahmten, definierten Subjekt wird. Die ethnische Zugehörigkeit spielt so keine Rolle mehr. „Mann“, das Individuum, das generell über bestimmte Merkmale klar definiert werden kann, wird „man“, ein Indefinitpronomen, etwas unbestimmtes, ein repräsentatives Subjekt. Männer werden so zum Feindbild erhoben, stilisiert, stigmatisiert als diejenigen, die ihre Frauen zu Opfern ihrer Traditionsvorstellungen machen, sie einsperren, verprügeln, umbringen (lassen). Dann wird dieses Verhalten mit der anderen Kulturzugehörigkeit begründet und man steht sich wieder gegenüber: Wir und Die, das andere Fremde.

Bruch mit schwammigem Kulturbegriff

Soweit die Bestandsaufnahme sozialer und medialer Wirklichkeit. Die Autoren und Autorinnen der zwölf verschiedenen Aufsätze setzen in den darauf folgenden 200 Seiten alles daran, diese vermeintliche Wirklichkeit zu hinterfragen, sie zu dekonstruieren, zu zerbrechen. In Anlehnung an ein post-koloniales Kulturverständnis verwerfen sie dabei den allzu abstrakten Begriff „Kultur“ als Wirkungsmacht, die dazu in der Lage wäre, soziale Unterschiede aufzubauen und zu etablieren. Auch wenden sie sich ab von der Trias Ethnie, Klasse und Geschlecht als alleinige Ordnungsgrößen sozialer Hierarchien und führen den Faktor Migration ein. Sie setzen damit das migrierte Individuum in der Diaspora in Beziehung zu seiner Außenwelt.

Im ersten Teil des Buches, „Mediale (De)Konstruktionen“, zeichnen die Autorinnen und der Autor nach, wie männliche muslimische Migranten in der deutschen Öffentlichkeit in Film und anderen Medien präsentiert werden. So werde rasch eine Assoziationslawine ausgelöst, wenn zum Beispiel Meldungen zur Verweigerung gemischt geschlechtlichen Sportunterrichts die Runde machen: Vorstellungen von Familienorganisation prallen aufeinander, werden in „eigen“ und „fremd“ eingeteilt und vermischen sich auch noch mit anderen Ideen im Zusammenhang mit muslimischen Männern: Terror und häusliche Gewalt.

Der zweite Teil rückt diesem Konstrukt statistisch zu Leibe. In einem neueren Analyseverfahren, der Intersektionsanalyse, untersucht die Autorin, wie die verschiedenen Merkmale eines 15-jährigen Schülers türkischer Herkunft, wie Alter, Geschlecht, Selbstbild und Wahrnehmung des ihm zugeschriebenen Fremdbilds miteinander in Beziehung stehen und so für dessen Identität sehr viel wirkmächtiger sind als seine kulturelle Zugehörigkeit. Auch der dritte Teil widmet sich der Entkopplung von kulturellem Hintergrund und Gewaltbereitschaft über statistische Analysen.

Im letzten Teil des Buches, „Fremdbilder – Selbstbilder“ zeigen die Autoren auf, wie migrantische Jugendliche Bildern von Männlichkeit und Ehre, dem Klischee vom „hypermaskulinen“, gerecht zu werden versuchen.

Über Grenzen hinaus gedacht?

Dem Eingangs beschriebenen medial-konstruierten Bild des muslimischen Mannes in der deutschen Öffentlichkeit setzen die Autoren einen Mann gegenüber, der im Malstrom sich wandelnder Geschlechtshierarchien und dem ihm zugeschriebenen Stigma als Patriarch nicht länger Herr über sich selbst zu sein scheint. Die Autoren sprengen damit die Grenzen des je im Diskurs Gesagten, denken über scheinbar unveränderbare Wahrheiten der Opposition von Kulturen hinaus.
Allerdings tut sich eine große Lücke auf zwischen dem im Buch dargestellten medialen Diskurs und den vorgebrachten Gegenargumenten. Nur in einem Satz erwähnen die Autoren nebenbei, dass ja nur ein geringer Zusammenhang zwischen dem Medienbild und den Alltagserfahrungen der meisten


Muslime in Europa bestünde. Sie kritisieren das vorhandene, als wahr empfundene Set an Bildern und Ideen und erwarten mehr oder weniger, die neuen nun endlich präsentierten Wahrheiten, ihre Wahrheiten, zu akzeptieren. So steht das Werk ein wenig abseits von der jetzigen wahrgenommenen sozialen Wirklichkeit.

Doch ja, vieles in der Migrations- und Integrationspolitik scheitert, weil man nicht weiß, wie man mit „dem Anderen“ umzugehen hat. In manch einem Bundesland sollen Männer vor der Einbürgerung über ihrer Haltung zur Emanzipation der Frau befragt werden. Ganz tot ist der verwegene Leitkultur-Gedanke auch noch nicht. Gleichzeitig ist das Wörtchen „Ausländer“ politisch inkorrekt geworden. Ein Hin und Her aus Zugeständnissen und Abgrenzungen rührt daher, dass kulturelle Hegemonie in der migrationsreichen globalisierten Ordnung zu wackeln beginnt. Dennoch ist und bleibt die Natur des Diskurses hegemonial, wenn er entlang der Differenzlinie Kultur geführt wird. Auch wenn ein hoher Beamter der deutschen Bundesbank, namentlich Thilo Sarrazin, davon spricht, dass Türken Deutschland erobern und „ständig neue kleine Kopftuchmädchen produzieren“, kann dies wieder als Ruf nach klarer kultureller hegemonialer Ordnung verstanden werden. Auch zeigt sich hier nicht nur die verschrobene Selbst- und Fremdwahrnehmung, wie sie „Mann wird man“ thematisiert, sondern auch wie das Klischee des „hypermaskulinen“ Türken oder Arabers hofiert wird. Kinder können schließlich am laufenden Band produziert werden. Die Tatsache, dass laut einer Emnid-Umfrage die Mehrheit der Befragten hinter den Aussagen Sarrazins stehen, zeigt die nunmehr verhärteten Fronten. Ein Großteil der arabischen und türkischen Einwanderer seien demnach weder willens noch fähig zur Integration. Wer solche Urteile fällt, hat ganz offenbar verkannt, worum es geht. Auf diese Weise überkommt man keine dringenden sozialen und auch demographischen Probleme. Daher kann und sollte die Idee von Kultur, die „Mann wird man“ liefert, durchaus Teil des Diskurses um Integration werden.

„Mann wird man“ gibt den wichtigen Impuls, nicht zu sehr an der Chimäre kultureller Unterschiede zu klammern. Denn im Gegensatz dazu sind sozial konstruierte, also durch Interaktion entstandene Unterschiede in Bildungs- oder Einkommensniveau offen für politische Gestaltung und dadurch veränderbar.

 

 

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