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Jahrgang 4 Nr. 43 vom 23.10.2009
 

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Als Jude kann man sich fürchten

von Perihan Ügeöz

Nesim, der Türke jüdischen Glaubens, hat Angst. „Wir hatten einmal eine sehr schöne Zeit hier“, erinnert er sich fast wehmütig. Aber damit scheint es nun vorbei zu sein und Nesim kann es nicht fassen, dass diese Zeit unwiederbringlich vorbei ist. Hätte er Geld, wäre er womöglich längst ausgewandert - nach Frankreich, in die USA oder als letzte Alternative vielleicht nach Israel. Doch er hat weder Geld noch den Mut für einen abenteuerlichen Aufbruch, den ein jüngerer Mensch vielleicht hätte. Stattdessen hat er jetzt jede Menge Angst und mag nicht mal mehr auf die Straße treten. Übertrieben?

Ob Jude oder Angehöriger einer anderen Glaubensgemeinschaft, die nicht muslimischen Minderheiten in der Türkei können ungehindert ihren Glauben verrichten, ihre Kirchen und Synagogen stehen ihnen offen; sie können Handel treiben und ihren Geschäften nachgehen. In der Türkei scheint ihnen niemand im Wege zu stehen. Das jedenfalls ist der Anschein, der nach außen dringt. Hinter der Oberfläche jedoch staut sich derweil Angst, die zunehmend anschwillt. Es ist die Angst, Zielscheibe von Übergriffen zu werden. Übertrieben? Keinesfalls: Als Jude in der Türkei kann man sich gegenwärtig wirklich nur fürchten.

Türkei und Israel entzweien sich

Es wird zunehmend deutlich: Die Türkei und Israel sind dabei, sich zu entzweien. Die Spannungen traten offen zutage, als der türkische Premier Erdogan in Davos mit seinem spärlichen Englisch eine „Wan Minit“-Show abzog und vor den laufenden Kameras der Weltöffentlichkeit den neben ihm sitzenden israelischen Präsidenten des Mordes an Tausenden von unschuldigen Palästinensern beschuldigte. Vor wenigen Tagen erreichte das Zerwürfnis zwischen den beiden Ländern einen Höhepunkt, als die Türkei ein internationales Militärmanöver unter Beteiligung Israels absagte. Und nun hat eine im türkischen Staatsfernsehen TRT jüngst angefangene türkische Fernsehserie namens „Trennung“ für  kräftige Sturmböen auf dem Gipfel dieser Spannungen gesorgt. Die Serie handelt von den Kriegsverwüstungen und der menschlichen Tragödie im Gaza-Streifen und zeigt die israelischen Soldaten allesamt als menschenunwürdige Schlächter.

Für eine Kritik an Israel gibt es gewiss zahlreiche Gründe. Doch die Serie bringt es fertig, Gefühlsaufwallungen in Schwung zu versetzen, die ausreichen, um einem ganzen Volk mit rassistischem Einschlag übel nach zu reden.

Interessant ist das Timing. Einen Tag bevor die Serie im Fernsehen ansetzte, hatte Davutoglu, der türkische Außenminister, im Zusammenhang mit dem abgesagten Militärmanöver daran erinnert, dass die Türkei noch im vergangen Jahr zwischen Syrien und Israel vermittelt hätte und da Israel mit seinem Vorgehen auf dem Gaza eindeutig aus der Friedenslinie hinausgetreten sei, könne es nicht in Frage kommen, dass man sich mit ihm in einem militärischen Bündnis zeige. Sowohl die Wortwahl als auch die Ausdrucksweise, die sich der türkische Außenminister dabei nicht nehmen ließ, standen der agitativen Gefühlserregung nicht nach, die die angelaufene Fernsehserie nun Woche für Woche darzubieten hat: „In Gaza sind 1500 Menschen getötet worden, die meisten von ihnen Frauen und Kinder; 5000 Menschen wurden verwundet. In Gaza können Kinder immer noch nicht zur Schule und haben Tausende von Menschen kein Dach über dem Kopf. Jeden Morgen, wenn ich mein Kind zur Schule schicke, leide ich an dieser Qual.“

Was würden die Türken machen?

Wenn ein ähnliches uns widerführe, was würden wir nicht alles mit Israel und den Juden anstellen? Mehmet Ali Birand, der erfahrene Journalist und Kolumnist“ hat Recht mit seiner Frage. Womöglich wären längst die schwarzesten aller Kränze vor den jüdischen Synagogen und konsularischen Vertretungen Israels mehrfach niedergelegt, Hunderte, wenn nicht gar Tausende wären nach dem Freitagsgebet abermals aufmarschiert, um Israel und den Juden das ewige Verdammnis entgegen zu grölen. Der Journalist Birand hat Recht – an mehrfachen Beispielen mangelt es nicht. Der Film „Midnight Express“ von Oliver Stone und Alan Parker ist nur ein Exempel, in dem das Klischee eines rückständigen und brutalen Türkenbildes zur Schau gestellt wird und den Türken immer noch schwer im Magen hängt. Wie lautstark war die Bestürzung als der Film anlief und welche Menge an offiziellen Noten wurden in alle Weltsrichtungen entsandt, um dagegen zu protestieren.

Von der jüdischen Gemeinde in der Türkei kam nur eine zaghafte Besorgnis über die antisemitischen Gefühle, die diese Serie zu entfachen vermag. Etwas stärker hingegen war der offizielle Protest aus Israel, dem jedoch sogleich eine offizielle Entgegnung aus türkischer Seite folgte. Angeblich sei die Fernsehanstalt TRT eine unabhängige Einrichtung und ein Eingriff könne daher nicht Frage kommen. Wer dies glaubt, ist selig umnachtet. Im Paragraph 24 des Gründungsgesetztes der Anstalt steht ausdrücklich, dass bei Programmen, deren Themen die Sicherheit sowie die Außenpolitik des Landes eng betreffen, ein Gutachten des türkischen Außenministeriums einzuholen ist. Das vom Protest und Entgegnung angestachelte öffentliche Aufsehen hat jedenfalls dafür gesorgt, dass das Rating der betreffenden Serie inzwischen um ein mehrfaches in die Höhe gegangen ist.

Die Türkei braucht Israel nicht mehr

Internationale Beziehungen zwischen Staaten sind konjunkturanfällig. Seitdem die Türkei sich mit Syrien angefreundet und in eine neue Ära mit Armenien eingetreten ist, hat Israel nicht mehr den Stellenwert, den es einst in der Region insbesondere auch aus Gründen der Sicherheit mal gehabt hat. Außerdem bietet die arabische Welt einen ungleich größeren Markt als Israel. Für eine andere als die AKP-Regierung hätte Israel seine einstige Bedeutung vielleicht ebenfalls eingebüßt und die Beziehungen zwischen beiden Staaten wären noch einmal gesichtet worden. Fraglich ist jedoch, ob dabei soviel ideologischer Spektakel um muslimische Glaubensbrüderschaft aufgewirbelt worden wäre, für den es im Land einen Haufen dankbarer Abnehmer gibt.

Man muss sich nichts vormachen – der populistisch spektakuläre Wirbel, mit dem die Türkei im Begriff ist, sich von Israel zu entzweien, ist auch ein Segensspruch für einen mehrtausend köpfigen Mob, um sogleich aus den Startlöchern zu schießen. Es ist nicht lange her, man erinnere sich bloß: Kaum hat der türkische Premier Erdogan in Davos seine „Wan Minit“-Show abgezogen, schon machte sich daheim in der zentralanatolischen Stadt Kayseri eine Gruppe von Lehrern der Gewerkschaft „Türk Egitim-Sen“ am helllichten Tag auf, um Bürgern im seligen Andenken an Hitler Halwa zu verteilen – ein Ritual, mit dem man an einen nahestehenden Toten gedenkt; eine andere Gruppe in der Stadt Bursa verkündete auf einem Plakat „Hier dürfen Hunde rein, aber Armeniern und Juden ist der Zutritt verboten“. Die Liste ist lang, um von den Woche für Woche aufgeputschten Massen nicht zu reden, die wie aus einem Hals „Nieder mit den Zionisten und dem Mörder Israel“ hinausposaunten.

Es heißt, im nächsten Jahr könnten voraussichtlich Frühwahlen stattfinden. Man muss nicht lange grüben, um sich vorstellen zu können, dass Erdogan aus dem mit viel Aufsehen garnierten Zerwürfnis mit Israel innenpolitisches Kapital zu schlagen wissen wird, wenn er auf Wahlkundgebungen als Held der Muslimwelt vor die Massen tritt. Dass die versammelten Massen ihm danken werden mit einem üppigen Applaus und Getöse der ehrerbietigen Verzückung, gilt als sicher.

Als Jude in der Türkei kann man sich wirklich nur fürchten. Aber die Geschichte sollte lehrreich genug sein, um das Fürchten nicht nur den Juden zu überlassen.

 

 

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