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Istanbul Post |
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2 Sprachen - 1 Koffervon Ekrem Güzeldere Das Timing hätte kaum besser sein können für einen Filmstart (23.Oktober), der einen Aspekt der Kurdenfrage behandelt: die Absurdität des türkischen Bildungssystems in kurdischen Dörfern. Den Koffer sieht man gleich in der ersten Szene. Hinten auf dem Wagen liegt der Koffer des jungen Lehrers Emre Aydin aus Denizli, der seine erste Stelle als Grundschullehrer im tiefen Südosten des Landes antritt, im Dorf Demirci. Seine ersten Eindrücke schildert er in einem Telefonat mit seiner Mutter: „Es gibt hier wirklich gar nichts. Ich war mir klar, dass ich in einem Dorf lande, aber so schlimm habe ich es mir nicht vorgestellt. Es gibt nicht mal fließendes Wasser.“ Und zum ersten Schultag gibt es auch erstmal keine Schüler, also macht sich der Lehrer mit einem Jungen und einer Liste der schulpflichtigen Kinder auf die Suche nach eben diesen, wobei ihm schon schwant, dass er sich auf türkisch eigentlich nur mit den älteren Männern im Dorf unterhalten kann, die türkisch mehr Schlecht als Recht beim Militär gelernt haben. Am zweiten Tag sind dann mehr als die Hälfte der schulpflichtigen Kinder in der Schule, die aus einem Raum für fünf Klassen besteht, wobei es keine Schüler in der 5. Klasse gibt und die Mehrzahl der ersten und zweiten Klasse angehören. Emre stellt sich vor und will, dass sich auch seine Schüler vorstellen, Name, Nachname, Name des Vaters und der Mutter und spätestens dann ist ihm klar, dass seine ABC-Schützlinge kaum ein Wort verstehen. Also ändert er den Schulplan für das erste Jahr. Anstatt das volle Programm durchzuziehen, steht im ersten Jahr lediglich Lesen und Schreiben auf türkisch auf dem Lehrplan. Emre weist die Schüler an, kein kurdisch im Unterricht zu sprechen und nicht auf kurdisch zu schreiben, aber ohne Zwang und Gewalt, die Kinder werden nicht geschlagen, wenn sie weiterhin kurdisch sprechen und können ihre kurdischen Namen wie Rojda, Zilfki etc. behalten. Das Leben im Dorf ist karg und arm, keine Familie hat fließendes Wasser, Möbel gibt es kaum, lediglich Strom ist überall verlegt. Die Kleidung ist traditionell, aber nicht besonders streng, Männer und Frauen sind farbenfroh gekleidet. Emre wird nach den ersten Schultagen zum Abendessen in eine Familie eingeladen. Der Vater eines Sohnes erzählt, was ihm bei der Einschreibung zum Militär widerfahren ist. Es gab dort die Rubrik Fremdsprachen und er hat dort türkisch angegeben, woraufhin der Kommandeur fragte, was dann denn seine Muttersprache sein. „Kurdisch“, antwortete er, türkisch habe er als Teenager gelernt. Und das ist die Situation für alle Kinder im Dorf Demirci, die zwar eine Schule und auch einen Lehrer haben, aber von Anfang an in einer Fremdsprache unterrichtet werden. Eine absurde Situation, der einzige, im Klassenraum, der türkisch kann ist der Lehrer, der gleichzeitig der einzige ist, der kein kurdisch spricht. Der Erfolg der Schüler, die eifrig bei der Sache sind, ist schleppend, aber so langsam schreiben sie „elele“ (Hand in Hand) und Lale (Tulpe) oder Nane (Minze) ohne genau zu wissen, was die fremden Worte bedeuten. Kurdische Kinder „glücklich“, Türken zu sein Zum normalen Schulalltag gehört natürlich auch der Schuleid, den Emre an die Tafel schreibt. Der erste Satz lautet: „Ich bin Türke, ehrlich und fleißig“ und endet mit „Mein Dasein soll dem türkischen Dasein gewidmet sein. Wie glücklich ist derjenige, der sagen kann, ein Türke zu sein.“ Der Film zeigt diese Szenen ohne anzuklagen, ohne sie zu beurteilen, auch die Kinder nehmen sie auf wie die anderen Texte, die sie kaum verstehen, es wird daher nicht klar, ob sie wissen, dass sie alle „glücklich“ sind, Türke zu sei. … mit Untersützung des Türkischen Bildungsministeriums „1 Koffer – 2 Sprachen“ ist der erste längere Film der jungen Regisseure Orhan Eskiköy (geb. 1980) und Özgür Doğan (geb. 1978). Der Film ist eigentlich ein reiner Dokumentarfilm, der aber ohne Erzähler wie ein Spielfilm à la dänische Doku-Filme wirkt. Der Film wurde an 75 Tagen im vergangenen Schuljahr gedreht. Alle im Film vorkommenden Personen sind tatsächlich die Dorfbewohner, Schüler und Lehrer des Dorfes Demirci in der Nähe von Siverek. Deshalb benötigte der Film auch die Genehmigung des Bildungsministeriums, das auch zugesagt hatte, den Film finanziell mit 50.000 TL zu unterstützen, laut Aussagen der Regisseure wurde das Geld aber noch nicht überwiesen. Wohlgemerkt, das türkische Bildungsministerium, nicht das schwedische oder deutsche. Das türkische Bildungsministerium hat einen Film genehmigt und unterstützt, in dem Dorfbewohner kurdisch sprechen und Untertitel eingeblendet sind oder im Film türkisch-kurdisch übersetzt wird. Vor wenigen Jahren noch undenkbar und dieses Umdenken in Ministerien sollte dann auch im Rahmen der demokratischen Reformen dazu führen, im Schulsystem die Muttersprachen der Schüler zu verwenden, seien diese Kirmanci, Zazaca oder Arabisch und türkisch als das anzubieten, was es faktisch für diese Kinder ist, eine Fremdsprache. Somit könnten die Kinder parallel zum Lesen und Schreiben, ersten Rechenaufgaben und Landeskunde parallel türkisch lernen und dies in den ersten Jahren schrittweise verbessern, so dass sie bis zum Ende ihrer Grundschulzeit, auch türkisch in Wort und Schrift beherrschen. Gegen eine solche Reform würden die Oppositionsparteien sicherlich Sturm laufen und den Untergang der Türkei heraufbeschwören, so wie sie das bei TRT6 und der Fakultät für „lebendige Sprachen“ in Mardin getan haben. Und damit lebt die Türkei gar nicht so schlecht. |
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