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Jahrgang 4 Nr. 44 vom 30.10.2009
 

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Wird Michael Porter Türkei-Aktien kaufen?

von Perihan Ügeöz

Die Türkei könnte ein einzigartiges Zentrum für Innovation und Entwicklung für ihre gesamte Region werden. Alle Voraussetzungen sind gegeben: Sie verfügt über bestens ausgebildete Ingenieure und besitzt auf internationalem Niveau trainierte Kapazitäten von Fach- und Führungskräften. Wegen ihrer geographischen Lage und um daraus den optimalen Nutzen ziehen zu können, würden viele andere Länder ihr Leben hergeben. Aber die Türkei habe es bisher trotzdem nicht geschafft, das riesige Potential und die unglaublichen Vorteile in Händen in Ertrag umzuwandeln. In Sachen Innovation und technologische Erneuerung landet sie auf den untersten Plätzen unter 122 Ländern. „Das sollte nicht der Fall sein“, ist die Feststellung von Michael Porter, des „Gurus“ für Wettbewerb und Strategie. Aber für die Zukunft ist Porter dennoch optimistisch -  jedoch nur unter einer Bedingung: Die Türkei muss sich unbedingt vorwärts bewegen, um die zweite Entwicklungsstufe zu durchlaufen und diese ist viel schwieriger als der Weg, den sie bereits zurückgelegt hat.

Am vergangenen Samstag war Michael Porter auf Einladung von Turkcell in Istanbul, um einer recht großen und erlesenen Gruppe von türkischen Geschäftsleuten einen mehrstündigen Vortrag zur Wettbewerbsfähigkeit des Landes zu halten. Der weltweit renommierte Professor des Harvard Business School gilt als „Papst“ für internationale Wettbewerbsstrategie und ist als Berater für namhafte internationale Unternehmen tätig. Der alljährlich auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos verlesene „Globale Wettbewerbsbericht“ zum Beispiel wird ebenfalls unter der Leitung von Michael Porter erstellt.

Bereits zuvor war Porter in der Türkei. Doch dieser Besuch sei anders, bemerkt der angesehene Professor, weil er sich eingehend vorbereitet hat, um zu verstehen, wie es um die Wirtschaft und den Potentialen des Landes steht. Sowohl der Vortragsinhalt als auch die Vielzahl vergleichender Grafiken zeugen davon, dass dieser Spruch nicht lapidar daher gesagt ist.

Wie steht es um die gegenwärtige Wirtschaftslage des Landes? In welche Richtung steuert die wirtschaftliche Entwicklung? Und welchen Weg sollte die Türkei eigentlich einschlagen? Um diese Kernfragen dreht sich der Beitrag.

Die Entwicklungssprünge sind bemerkenswert, aber...

Michael Porter beginnt seine Ausführungen mit einer optimistischen Bemerkung: „Hätte die Türkei Aktien auf dem Börsenmarkt, würde ich sie kaufen.“ Das sagt der Wissenschaftler vorweg, weil er der Auffassung ist, die Türkei sei ein erstaunliches Land mit faszinierenden Möglichkeiten und Kapazitäten, um sowohl für sich selbst eine großartige Gesellschaft aufzubauen als auch für zahlreiche andere Länder in der Region wie auch weltweit ein inspirierendes Vorbild abzugeben. Für die zuhörenden Ohren klingt das berauschend. Aber Porter lässt seinen Zuhörern nicht viel Zeit für hochmütige Gefühlserregungen, denn schon fügt er hinzu, dass noch eine Menge gemacht werden muss, bis es soweit ist. Das Land habe bisher bemerkenswerte Entwicklungssprünge bewerkstelligt, auf die man gewiss Stolz sein darf. Aber die bisherigen Leistungen seien der einfache Teil der Arbeit. Das Schwierige stünde noch bevor. Die Türkei habe soweit nur die erste Phase erreicht, um sich in eine wettbewerbsfähige Wirtschaft zu verwandeln. Die Reformen, die die zweite Stufe der Entwicklung abverlangen, seien jedoch beträchtlich schwieriger.

Damit die Türkei ihre zukünftige ökonomische Performanz verbessern kann, müsse sie noch eine Reihe Herausforderungen anpacken. An der Art, wie in der Türkei Geschäfte gemacht werden, seien noch viele Änderungen nötig; vor allem bedürfe es eines Kurswechsels in Politik und der Art, wie Regierung und Geschäftswelt zusammenarbeiten. Was die Türkei nach Porter unbedingt braucht, ist eine zusammenhängende ökonomische Strategie, um ihren Fortschritt in die Zukunft tragen und ihre Wettbewerbsfähigkeit grundlegend erhöhen zu können. Eine solche Strategie könne jedoch nur dann wirksam sein, wenn der private und der öffentliche Sektor kollaborieren; Regierung, Wirtschaft und Industrie zusammenarbeiten und gemeinsam ein neues Modell der Kooperation für die Zukunft entwerfen.

Gefordert ist strategische Position

Porter nimmt weltweit Unternehmen unter die Lupe und stellt für die türkischen Firmen fest, dass einige wichtige Übergänge in der Unternehmensstrategie erforderlich sind, wenn das Land schließlich das Potential erfassen soll, das es zu erfassen imstande sei. Traditionsgemäß würden türkische Firmen dazu neigen, sehr flexibel zu sein und Gelegenheiten, die sich bieten, schnell anzupacken. Für den renommierten Porter müsse es jetzt aber darauf ankommen, strategisch zu sein. Die Türken hätten ziemlich hoch entwickelte Geschäftsprozesse, auch an begabten Führungskräften mangele es nicht, was jedoch in vielen türkischen Firmen fehle, sei ein klares Verständnis für strategische Position. Elementar dabei ist nicht der Beste in der Branche sein zu wollen, hebt Porter inständig hervor. Für eine strategische Position sei vielmehr fundamental, Werte und Waren zu entwickeln, die einzigartig sind.

Wenn man sich die Daten vergegenwärtige, fährt Porter fort, sei festzustellen, dass die meisten türkischen Unternehmen noch zu sehr auf den eigenen Markt fokussiert sind. Die Zukunft heiße aber, international zu sein und vor allem die Region zu beherrschen, die für jedes einzelne Unternehmen riesige Gelegenheiten biete, die aber bislang nur von wenigen türkischen Firmen ergriffen werde. Ob die Türken imstande sein werden, diese Zukunft zu erfassen, macht Porter gradlinig davon abhängig, inwieweit es ihnen gelingt, sowohl die Mentalität als auch die Denkrichtung zu ändern und sich an strategisches Denken anzunähern.

Anstehende strategische Herausforderungen

Die Türkei habe versucht, zu viele Sachen gleichzeitig zu machen, die aber nicht alle effizient waren. Für die Vergangenheit, stellt Porter fest, mag das in Ordnung gewesen sein, doch jetzt käme es darauf an, über den bisherigen Stand hinauszugehen. Als eine der unmittelbar anstehenden strategischen Herausforderungen lenkt der Strategieexperte die Aufmerksamkeit auf den Punkt der Beschäftigung und Arbeitsplätze. Wenn man die Türkei in Sachen Beschäftigung mit anderen Ländern vergleiche, zeige sich ein Bild, das man alles andere als aufbauend bezeichnen könne, zumal die vorliegenden Daten auf eine Tendenz der Verschlechterung hinweisen würden. Die Türkei habe in den unmittelbar zurückliegenden Jahren ein gewisses Wirtschaftswachstum verbucht, ohne jedoch für ihre Bürger ausreichende Arbeitsplätze zu schaffen. Das müsse sich unbedingt ändern, wenn das Land ein besseres Niveau des Wohlstands erreichen will.

Eine andere Ebene der anstehenden strategischen Herausforderung ist für Porter der Anteil ausländischer Investitionen in der Türkei. Zwar seien die Investitionen angestiegen, für ein Land dieser Größe seien sie jedoch immer noch als sehr niedrig zu bezeichnen. Obwohl die Türkei über eine wachsende Bevölkerung verfügt und in einer strategisch äußerst interessanten Region angesiedelt ist, seien die niedrigen Auslandsinvestitionen zugleich Hinweis dafür, dass innerhalb der Gesellschaft wie auch Wirtschaft einige Dinge nicht ganz wettbewerbsfähig sind.

Ein mehrfach wiederkehrendes Augenmerk des Vortrags ist der Hinweis auf die besondere geographische Lage der Türkei. Porters unmittelbare Empfehlung ist: Die Türkei sollte ökonomische Koordination mit den umliegenden Nachbarstaaten als kritisches Instrument von Wirtschaftspolitik anstreben, um die Vorteile ihrer geographischen Lage voll auskosten zu können.

***
Ja, sagt der renommierte Experte, wir dürfen ruhig sehr stolz sein auf unsere jüngste Geschichte, aber es liegt immer noch ein sehr langer Weg vor uns.

Ob Michael Porter tatsächlich Türkei-Aktien kaufen wird, macht der angesehene Professor jedoch ironisch davon abhängig, wie aufmerksam man die Lehren aus seinem Vortrag beherzigen werde.

 

 

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