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Istanbul Post |
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Derzeit in Essen: Das 5. türkisch-deutsche LiteraturfestivalClaus Stille Die Türkei war 2008 bekanntlich Gastland der Frankfurter Buchmesse. Inwiefern dieser Messeauftritt und die dem Land dabei entgegengebrachte Medien- und Besucheraufmerksamkeit nun auch vermehrt das Interesse deutscher Leserinnen und Leser für türkische Literatur geweckt hat, entzieht sich einstweilen noch meiner Kenntnis. Allerdings wage ich einmal zu behaupten, dass seitdem die türkische Literaturszene und zumindest einige der mit ihr verbundenen Autorinnen und Autoren der völligen Unbekanntheit hierzulande entrissen werden konnten. Das wäre selbst dann ein Fortschritt zu nennen, wenn eine Reihe deutscher Leser trotzdem bisher über die Lektüre der Werke der nun einmal bekanntesten Literaten der Türkei wie Yasar Kemal, Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk oder Elif Safak und die Lektüre von deren Werken nicht hinausgekommen sind. Denn es wäre immerhin ein Einstieg, der durchaus imstande ist - so erging es mir jedenfalls- in einem sozusagen den Zauber auszulösen, welchem, frei nach Hermann Hesse, jedem Anfang innewohnt. Auf diese Weise mag sich vielleicht der Lesehunger der Deutschen auf türkische Literatur peu á peu verstärken lassen. Vielleicht schon deshalb, weil sich die geneigten Leserinnen und Leser via Lektüre türkischer Literatur abseits des allzu oft recht einseitig gestrickten Türkei-Bildes deutscher Medien wünschen, sich ihr jeweils eigenes zu erlesen. Noch weniger wissen wir in der Regel darüber, wo genau nun eigentlich die kulturellen Interessen der in der BRD lebenden türkischstämmigen Bevölkerung liegen. Nachdem in dieser Hinsicht recherchiert wurde, trat vor allem ein Mangel zutage: Besonders der zweiten und dritten Einwandergeneration dieser Bevölkerungsgruppe fehlt es vielfach an qualitativ hochwertigen Kulturveranstaltungen. Dazu lag offen auf der Hand, dass die Vielfalt türkischer und türkischdeutscher Kultur weiten deutschen Bevölkerungskreisen weitgehend verborgen geblieben ist. Türkische Kultur, das mag für viele – hier gar im wahrsten Sinne des Wortes: ein unbeschriebenes Blatt sein, oder: „böhmische Dörfer“, von denen man nie etwas gehört hat. Viele andere Erscheinungen, das Türkische und die Türken betreffend werden in deutschen Landen gar nicht einmal selten mit Folklore und archaischen Bräuchen vermischt, von denen man verkürzt Kenntnis erhalten hat. Manches Mal gibt man darein noch üble Vorurteile, wodurch der dabei entstehenden Brei nicht selten zu einem ungenießbaren Etwas gerät, dem dann einfach das Etikett „Türkischer Kultur“ verpasst wird... Warum also nicht die sprichwörtlichen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen? So mag man in Essen gedacht haben. Dabei wurde die Idee zu einem türkisch-deutschen Literaturfestival geboren. Es erhielt den gleichermaßen zündenden wie kurz und bündig erklärenden Namen Literatürk. Das Literaturfestival findet nun bereits seit 2005 jährlich immer im Oktober in Essen statt. Am 24. Oktober hat Literatürk 2009 begonnen. Das nunmehr 5. türkisch-deutsche Literaturfestival endet am 1. November. Auf dem Programm stehen wieder zahlreiche interessante und vielseitige Kulturveranstaltungen. Darunter Lesungen in Schulen und verschiedenen Kulturstätten (u.a. im „GREND" in der Stadt Essen von bekannten und weniger bekannten Autorinnen und Autoren. Die Eintrittspreise sind durch die Bank moderat. Der Eintritt zu einigen Veranstaltungen ist sogar frei. In diesem Jahr befinden sich Zafer Senocak („Der Pavillon“), Asli Erdogan ( „Die Stadt mit der roten Pelerine“), Feridun Zaimoglu („Hinterland“), Murat Gülsoy („Stehlen Sie dieses Buch“) und Aygen-Sibel Celik („Fußball, Gott und echte Freunde“) und Mehmet Murat Somer („Der Kuss-Mord“, ein Krimi im Transvestiten-Milieu, moderiert von Lilo Wanders) - um hier nur einige der Gäste, stellvertretend für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer, zu nennen. Interessante Höhepunkte des diesjährigen Festivalprogramms dürften diejenigen Veranstaltungen sein, welche um den Schwerpunkt „Frauen/Frauenbilder und - wahrnehmung“ kreisen. Zu hören sein werden – angelehnt an die „Vagina-Monologe“ von Eve Ensler - sehr intim Erfahrungsberichte über das Liebesleben unterschiedlicher Frauen („So ist das, meine Liebe“; Andrea Kurmann, Günfer Cölgecen), mit denen die Autorinnen schon währender einer Tour durch die Türkei für Aufsehen sorgten. Professor Jens Peter Laut spricht dazu passend über „Sexualität und Argot türkische Frauen“. Argot ist die ursprüngliche Bezeichnung für den Soziolekt französischer Bettler und Gauner. Gewissermaßen eine Art Geheimsprache. Zur Vorstellung kommt in diesem Rahmen die Publikation „Kadin Argosu Sözlügü“, Istanbul 2001. Es wird der Frage nachgegangen, ob sich männlicher und weiblicher Argot im Türkischen unterscheiden, bzw. nach spezifischen Merkmalen des weiblichen „Vulgär-Türkisch“ geforscht. In erster Linie möchte das Festival der türkisch-deutschen Literatur ein Podium bieten und damit helfen, die türkische Literatur im deutschen Literaturbetrieb zu etablieren. Doch damit nicht genug: „Literatürk“ will zeigen, „...dass türkische Literatur nicht auf die Thematisierung autobiografischer Identitätsproblematik zu reduzieren ist, sondern wie jede künstlerische Form viele Stile und Inhalte bietet“. Ganz in diesem Sinne noch darüber hinaus schickt sich „Literatürk“ an, ebenfalls für die Menschen der Ruhrgebietsmetropole Essen und ausstrahlend in die Region ein Raum für Dialoge der verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu bieten. Möglicherweise lässt sich damit einer Integration von innen heraus befördern. Explizit wendet sich das Festival eine Politik, die Integration über das Ausfüllen von Fragebögen und Pflichtkurse zu erzwingen sucht und zu diesem Behufe eine konstruierte „deutsche Leitkultur“ als Maßstab setzt. Ein schwammiges Etwas ohnehin, diese „deutsche Leitkultur“, nebenbei bemerkt, die wohl noch nicht einmal deutschlandweit von allen Menschen bedenkenlos unterschrieben werden würde. Dick unterstreichen die Veranstalter von Literatürk etwas, das längst schon allen anderen einleuchten müsste. Nämlich, dass ihrer Meinung nach die Vielfalt der interkulturellen künstlerischen Ausdrucksformen von einwandernden Kulturen Deutschland nicht bedroht, sondern im Gegenteil: etwas ist, dass das Land produktiv bereichert. Aus diesem Grund setzt Literatürk auch 2009 wieder einen Schwerpunkt in Sachen interkultureller Bildung von Kindern und Jugendlichen. Hierbei soll nicht nur der Unterrepräsentanz von deutsch-türkischer Literatur im Schulunterricht entgegengewirkt, sondern auch das Interesse bei den Schülerinnen und Schülern geweckt werden, eigene Texte zu verfassen. Hierzu sei besonders auf das Buch- und Schülerprojekt „Ruhrkulturen – was ich dir aus meiner Welt erzählen will“ erwähnt. Ein weiteres ambitioniertes Ziel ist es, den deutschstämmigen Schülern die Interkulturalität der Gesellschaft nahe zu bringen. Damit verbunden sind Anstrengungen von Literatürk eine spezielle Förderung ins Werk zu setzen, damit deutsch-türkische Literatur überall dort präsent ist, wo man sich mit deutsche Literatur beschäftigt. Wo sie naturgemäß etabliert ist: auf den Festivals, den germanistischen Bibliotheken, den Buchmessen, in der Literaturwissenschaft sowie den Literaturzeitungen. Alles in allem ist das Essener Literatürk unstrittig ein kleines, aber sehr feines Festival, das in Zukunft durchaus noch mehr mediales Interesse verdient. Schließlich erfüllt es eine nicht unwichtige gesellschaftliche Aufgabe in Sachen Integration und gelebter Interkulturalität. Die vom Festivalteam unter der Leitung von Semra Uzun-Önder, Martina Kofer, Fatma Uzun und Johannes Brackmann organisierten Begegnungen und die in Essen auf dem Programm stehenden spannenden Dialoge und vielseitigen Veranstaltungen dürften ihre Wirkung über die Literaturszene hinaus nicht verfehlen. Vielleicht spüren wir das schon bald. Nämlich anlässlich der Höhepunkte des im Ruhrgebiet veranstalteten Kulturhauptstadtjahrs 2010. Und darüber hinaus dann damit korrespondierend auch in der Megametropole Istanbul, die neben der Stadt Essen und dem Ruhrgebiet , sowie der ungarischen Stadt Pécs gemeinsam Europäische Kulturhauptstadt 2010 sein wird. |
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