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Istanbul Post |
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Die Türkei: Mit Aufnahmen von Innen und Außenvon Perihan Ügeöz Aus zwei unterschiedlichen Perspektiven werden Aufnahmen von der Türkei gemacht. Die eine schaut von Innen, die andere liefert Eindrücke von Außen. Gegenüber der „Gleichberechtigung zwischen verschiedenen Religionen“ haben die Türken viel Toleranz übrig. Jedoch nur unter einer Voraussetzung: Die Gleichberechtigungsforderung sollte auf der Ebene der Theorie bleiben. Das ist eines der Schlüsselergebnisse der Aufnahme von Innen. Bei den von außen aufgenommenen Bildern sind es hingegen europäische Bürger, die zu Wort kommen. Fragt man die Europäer ganz allgemein, was sie unter einer europäischen Identität verstehen, werden Demokratie und Menschenrechte vorangestellt und gleich anschließend wirtschaftlicher Wohlstand aufgeführt. Werden die selbigen jedoch mit der Frage behelligt, ob die Türkei EU-Mitglied werden soll, geraten die soeben für die Definition einer europäischen Identität herangezogenen Werte der klassischen Modernität in Vergessenheit und treten plötzlich religiöse und kulturelle Unterschiede in der Vordergrund und verwandeln sich in ein zentrales Merkmal der Unterscheidung und Abgrenzung. Am vergangenen 18. November wurden zeitgleich die Ergebnisse von zwei verschiedenen Untersuchungen bekannt gegeben. „Religiosität in der Türkei“ ist der Titel der einen Untersuchung, die im Zeitraum von November 2008 bis März 2009 mit 1500 Befragten in 53 türkischen Städten durchgeführt wurde. Die zweite Untersuchung hingegen wurde von August bis September 2009 als Gemeinschaftswerk der Bogazici Universität in Istanbul mit den Universitäten in Madrid und Granada sowie des Vereins für einen Dialog mit Europa in den Ländern Frankreich, Deutschland, England, Spanien und Polen mit jeweils Tausend und insgesamt 5000 Teilnehmern durchgeführt. Während die erste Untersuchung den Fragestellungen nachgeht, ob und inwieweit die Religiosität in der Türkei zunimmt und wie sie sich artikuliert, werden in der zweiten Studie europäische Bürger hauptsächlich gefragt, was sie unter einer europäischen Identität verstehen, welches Bild sie von der Türkei und den Türken haben, aus welchen Quellen sie ihre Informationen über die Türkei gewinnen und wie sie zu einer EU-Mitgliedschaft der Türkei stehen. Hier nun der Reihe nach einige der interessanten Ergebnisse aus den beiden Studien. Aufnahmen von Innen: Die erste Untersuchung 92% der Befragten sind entschieden der Auffassung, dass das Leben nur deswegen einen Sinn hat, weil es einen Allah gibt. Nur 28% der Teilnehmer sind demgegenüber der Ansicht, dass sie als Menschen selber imstande sind, den Lauf des Lebens zu beeinflussen. Aufnahmen von Außen: Die zweite Untersuchung Welches Ergebnis käme zutage, wenn morgen in Europa eine Volksabstimmung über den EU-Beitritt der Türkei statt fände? Anhand der Befunde dieser Studie ist die Antwort eindeutig: 51% der befragten Europäer sprechen sich gegen den EU-Betritt der Türkei aus. Dass die meisten Ablehnungen aus Frankreich und Deutschland zu erwarten sind, sollte keine Überraschung sein. Bei einer Abstimmung zum Türkei-Beitritt würden 64,4 % der Franzosen und 64,4 der Deutschen ihre Stimme mit einem klaren „Nein“ abgeben. Demgegenüber sind Polen und Spanier etwas mehr wohlwollend. Die Ablehnungsquote kommt bei den polnischen Befragten auf 38,8% und bei den Spaniern erreicht sie 34,3%. Im Falle Englands, das in der türkischen Öffentlichkeit im Allgemeinen als ein dem Türkei-Beitritt wohl gesonnenes Land wahrgenommen wird, gibt es hingegen Überraschung. Dort erreicht die Quote der Ablehnung einen stolzen Anteil von 46,3%. Professor Hakan Yilmaz, der die Studie für die Türkei koordinierte, führt dieses Ergebnis darauf zurück, dass auch bei den Engländern inzwischen eine Ermüdung gegenüber einer EU-Erweiterung eingetreten sei. Nach Yilmaz könnte sich dieser Trend für die Türkei als alarmierend zeigen, wenn in England konservative Politiker an die Macht kommen und sich zum Sprachrohr des Volkswillens erklären. Einen Hoffnungsschimmer gibt es indes innerhalb der jüngeren Generationen. Europäische Teilnehmer im Alter von 18 bis 24 sowie 25 bis 39 Jahren stehen überwiegend positiv gegenüber einem Türkei-Beitritt. Die kritische Frage hier ist aber, ob diese heute noch junge Population ihre Meinung womöglich ändern könnte, wenn auch sie eines Tages älter wird. Interessant sind die Antworten auf die Frage, welche zwei Werte die Befragten mit einer europäischen Identität gleich stellen würden. 43,3% nennen Demokratie und Menschenrechte an erster Stelle. Dem folgt mit 42,2% wirtschaftlicher Wohlstand. Demgegenüber liegt der Anteil derer, die das Christentum und den Laizismus als identitätsstiftende Werte auswählen, bei nur 6,3 und 4,1%. Wenn es aber im anderen Schritt um die Hauptgründe für eine Befürwortung bzw. Ablehnung eines Türkei-Beitritts geht, werden von 40% der Teilnehmer kulturelle Faktoren hervorgehoben. Desweiteren sind von den Befragten 38% der Auffassung, dass die Türkei mit ihrer muslimischen Identität nicht in ein Europa passt, das im Christentum verwurzelt ist. Politische und wirtschaftliche Faktoren werden demgegenüber nur von 26% der Befragten als Ablehnungsgrund ausgewiesen. Bei der Frage nach den Informationsquellen über die Türkei geben 30,7% an, dass sie ihre Kenntnisse am meisten über die Politiker ihrer Länder gewinnen. Dieses Ergebnis zeigt, dass bei der Herausbildung einer öffentlichen Meinung über die Türkei den negativen Stellungnahmen etwa von Frau Merkel oder Herrn Sarkozy offenkundig doch weit mehr Gewicht zukommt, als man das lapidar vermuten würde. Als nächste werden von 22,1% der Befragten die Intellektuellen als Informationsquelle genannt. Ein Brückenschlag So unterschiedlich die Zielgruppen sowie die Fragestellungen der beiden Untersuchungen auch sind, ein Brückenschlag zwischen diesen lässt sich dennoch herstellen: Solange die Europäer sich selbst überlassen bleiben, scheint für die Mehrheit weder die Religion noch der Laizismus eine vordergründige Rolle zu spielen. Für die Türken aber ist die Religion von zentraler Bedeutung und verwandelt sich zunehmend in einen dominanten Faktor der alltäglichen Identitätsstiftung. Doch je mehr die Türkei sich in religiöser Hinsicht in eine konservative Gesellschaft verwandelt und je mehr sie ihre Gebundenheit mit der muslimischen Welt selbst bei ihren außenpolitischen Beziehungen und Weichenstellungen zur Schau trägt, werden offenbar auch die Europäer stimuliert, sich ihrer christlichen Wurzeln zu besinnen und scheinen aus dieser Gemütsverfassung so leicht nicht mehr raus zu kommen. Das ist die eine Ebene. Die andere Ebene ist in der Sichtbarkeit des Islam in den Straßen Europas angesiedelt. In vielen westeuropäischen Gesellschaften werden heute Islam und Zuwanderung als untrennbar verbunden wahrgenommen. Während er für die Gruppe der Zuwanderer neben ihrer ethnischen Abstammung ein wichtiges Element bietet, sich gegen die Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen und damit vor Anpassungsdruck und Benachteiligung zu schützen, dient der Islam für die einheimische Mehrheit als ein Symbol, mit dem Fremde noch ein wenig „fremder gemacht“ werden können. Gleichwohl ist der Islam im westlichen Europa überwiegend mit negativen Bewertungen versehen. Er gilt als rückschrittlich, unterdrückerisch und gewalttätig und wird größtenteils wahrgenommen als ein Integrationshemmnis und unvereinbar mit den Prinzipen der Menschenrechte. Alle diese allgemeinen und zudem fast durchweg abwertenden Bewertungen des Islam können freilich nicht ohne Folgen bleiben, wenn es um die Wahrnehmung von Türken sowie um Urteile über einen EU-Beitritt der Türkei geht. *** Was aber folgt daraus? Professor Yilmaz, der für die Koordination der europäischen Studie verantwortlich zeichnet, empfiehlt jedenfalls, dass die Türkei bei ihren Beziehungen zur EU tunlichst von Argumenten absehen sollte, die zu sehr nach Religion riechen und die islamische Identität der Türkei betonen, wie etwa das „Bündnis der Zivilisationen“, dessen Vorsitz der türkische Premier hält. Stattdessen rät er den türkischen Politikern, Aspekte wie Demokratie in den Vordergrund zu stellen und bei den Beziehungen zur EU zivilgesellschaftlichen Organisationen den Vortritt zu geben. Selbst wenn türkische Politiker, wie insbesondere auch der Premier Erdogan wider Erwarten diesem Ratschlag folgen sollten, bleibt immer noch eine große Frage offen: Mit welchen Ratschlägen sollte man europäischen Politikern wie Kanzlerin Merkel und Frankreichpräsident Sarkozy helfen? |
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