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Istanbul Post |
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Aufklärer oder Schwerverbrecher? Nedim Sener soll 32 Jahre hinter Gittervon Claus Stille
Als Dinks mutmaßlicher Mörder konnte damals mit Hilfe der Auswertung von durch Überwachungskameras am Tatort aufgenommenen Videobildern relativ rasch ein zur Tatzeit siebzehnjähriger junger Mann identifiziert und festgenommen werden. Es hieß, der Mörder habe aus nationalistischen Motiven gehandelt. Doch schon bald machten sich Zweifel breit. Nicht etwa was den Täter anbelangt. Das Gericht muss dessen Schuld noch beweisen und ein dementsprechendes Urteil sprechen. Nein, was die Zweifel angeht, so nährten sie vor allem Vermutungen, wonach der jugendliche Täter lediglich als ein mehr oder weniger willfähriges Werkzeug zu betrachten sei. In den Händen von wem? Dies wird indes schwer zu klären sein. Der Verdacht liegt nahe, dass das vielleicht nie bzw. erst nach dem Ablauf vieler Jahre ans Tageslicht kommen wird. Fethiye Cetin, die Anwältin von Hrant Dink sowie dessen Familie drückt das so aus: „Gehen Sie auf die Straße und fragen Sie irgendwen, wer die Mörder von Hrant Dink sind, man wird Ihnen mit Sicherheit sagen, dass der Täter und seine Komplizen lediglich Ausführende sind (…)“. Fakt scheint jedenfalls zu sein: Im türkischen Polizeiapparat wurden vor dem Mord an Dink schwere Fehler gemacht. Wäre das nicht geschehen, das Attentat auf den armenischen Journalisten hätte aller Wahrscheinlichkeit nach verhindert werden können. Wer aber hatte überhaupt ein Interesse daran, Hrant Dink zu töten? Stammten die Hintermänner des jugendlichen Mörders (gewissermaßen: die Schreibtischtäter) aus dem Dunstkreis bzw. direkt aus die Strippen ziehenden Zentrale des schwer zu fassenden Gebildes, das Ministerpräsident Erdogan einst mit der Bezeichnung „tiefer Staat“ umschreiben pflegte? Oder stehen die Auftraggeber des Mörders im Zusammenhang mit „Ergenekon“? Am vergangenem Sonntag beschäftigte sich das ARD-Kulturmagazin titel thesen temperamente mit einem Buch, das sich mit Fall auseinandersetzt, und dessen Autor. Das Buch trägt den Titel „Mord an Hrant Dink und die Lügen des Nachrichtendienstes“. Der Autor ist nicht etwa irgendein daher gelaufener Provokateur, sondern der bekannte und mit mehreren Preise ausgezeichnete Journalist und Schriftsteller Nedim Sener. Sener arbeitet für die große türkische Tageszeitung Milliyet. Sener hat nach eigenen Angaben den Fall „Hrant Dink“ sehr akribisch recherchiert. Dabei stieß er auf zahlreiche Unstimmigkeiten. Sener schreibt in seinem Buch, der Polizei sei der Mordplan nachweislich bekannt gewesen. Warum aber verschwieg man das absichtlich? Warum beschützte die Polizei Dink während der für das Attentat infrage kommenden Zeit nicht? Nedim Sener ging diesen Fragen in seinem Buch nach. Der Journalist machte aber dabei Fehler. Fehler, die ein Journalist in der Türkei wohl lieber vermeidet: Sener begnügte sich nicht mit offiziellen Informationen. Er recherchierte auf eigne Faust weiter. Dabei erhielt er Hinweise, die auf das Fehlverhalten bzw. die Verantwortungslosigkeit von Beamten hindeuten. Nedim Sener glaubt nun: Hätte er die staatlichen Quellen als glaubwürdig akzeptiert, wäre er für seine „Aufklärungsarbeit“ n der Türkei sicherlich reich und berühmt geworden... Da ihm das jedoch nicht genügen konnte: weil es ganz einfach seiner Auffassung von seriösen Journalismus widersprach, steht Sener gewissermaßen bereits jetzt mit anderthalb Beinen im Knast. Die türkische Staatsanwaltschaft leitete gegen Nedim Sener nicht weniger als drei Verfahren ein. Eines der Verfahren – man wundert sich nicht – läuft gegen den Autor wegen „Verunglimpfung staatlicher Organe“. Kann man in der optimistischen Annahme, die Türkei ginge auch jetzt noch weiter ihren Weg hin zu mehr Demokratie und Rechtsstaatlichkeit (den sie unter der AKP-Regierung durchaus begonnen hat einzuschlagen) darauf hoffen, dass das harte Vorgehen gegen Sener eine Art Spuk ist, der sich auch wie ein solcher verflüchtigen wird? Bis dato leider nicht. Denn dagegen spricht leider die kritische Fragen aufwerfende Tatsache, dass Seners Prozess vor dem Istanbuler Gerichtshof für Schwerverbrechen (!) verhandelt wird. Zu Bedenken ist dazu: Sener ist der festen Überzeugung, dass die Polizisten, welche fehlerhafte Entscheidungen getroffen, bzw. auf vorliegende Erkenntnisse betreffs einer geplanten Straftat vielleicht gar nicht reagiert haben ,vielleicht völlig ungeschoren, mit lapidaren Bewährungs- oder Geldstrafen davonkommen werden. Dafür spricht, dass man deren Fälle vor einem Gericht für kleinere Verbrechen verhandeln wird. Noch etwas: Dass die Relationen zwischen den einzelnen angeklagten Straftaten(ohne der türkischen Justiz zu nahe treten zu wollen) eigentlich gar nicht stimmen können, lässt sich schon am jeweils dafür von der Staatsanwaltschaft beantragtem Strafmaß ablesen. Für den Mörder von Hrant Dink sind 20 Jahre Haft gefordert. Dem Journalisten Nedim Sener drohen im Vergleich dazu für seine „Straftaten“ jedoch nicht weniger als 32 Jahre Haft! Dabei hätte er doch eigentlich das ausdrückliche Lob des Staates und seiner Organe verdient. Und von außer Landes her hätte man voller Stolz auf die Türkei blicken können. Der Journalist und Autor Nedim Sener verkörpert m. E. das Gesicht einer neuen, demokratischen und rechtsstaatlich orientierten Türkei der Zukunft. Die gegen ihn in Anschlag gebrachten juristischen Vergeltung-, Bestrafungs- und Abschreckungssinstrumente stehen allerdings mit dieser Zukunft schwer in Kollision und tragen das zornige Gesicht einer anderen Epoche, die man eigentlich bereits als abgelebt zu den Akten gelegt geglaubt hatte. Womöglich geschehen ja noch Zeichen und Wunder? Fragen sind allerdings weiterhin angebracht. Wie wir alle wissen, gilt sicherlich auch für die türkische Gerichtsbarkeit das alte Advokatenwort: Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand. Nedim Sener selbst gab sich gegenüber „ttt“ eher pessimistisch. Da derzeit die türkische Regierung in ihren Bemühungen um einen EU-Beitritt nachgelassen habe, rechnet der angeklagte Aufklärer auch kaum mit Druck von außerhalb der Türkei. Hoffen wir, dass das Gerichtsurteil wegen eines Buches gegen Sener so ausfällt, dass dadurch nicht dessen junges Leben ruiniert wird. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Für den vor knapp vor drei Jahren ermordeten Hrant Dink kommt jedwede Hoffnung zu spät. Nicht jedoch für die von ihm gehegten Vorstellungen von einem friedlichen Miteinander aller in der Türkei lebenden Menschen. |
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