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Jahrgang 4 Nr. 9 vom 26.02.2010
 

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„Goldener Bär“: Hin und weg von Türkischem Honig („Bal“)

von Claus Stille

Das Glück war dem Türkischen Film schon einmal auf deutschem Boden hold. Nur das liegt nun immerhin schon sechsundvierzig Jahre zurück. Damals, im Jahr 1964, wurde dem Streifen „Trockener Sommer“ des türkischen Regisseurs Metin Erksan in Westberlin der „Goldene Bär“ - der Hauptpreis der Berlinale – zugesprochen.

Nun, bei den 60. Berliner Filmfestspielen, überzeugte die Festival-Jury der Berlinale abermals ein türkischer Film. Und zwar so stark, dass dieser mit dem „Goldenen Bären“ prämiert wurde. Das Votum für den Streifen „Bal“ (Honig) des Regisseurs Semih Kaplanoglu war eindeutig ausgefallen: „Bal“ hieß es, sei mit Sicherheit der beste Film der diesjährigen Berlinale gewesen.

Semih Kaplanoglu freute sich natürlich selbstverständlich sehr für sein Team und den Film „Bal“ über die Auszeichnung. Ihn fest in der Hand umklammert haltend, reckte Kaplanoglu den „Goldenen Bären“ bei der Preisverleihung in die Höhe. Schmunzelnd erzählte der Regisseur, dass sich dem Team beim Dreh in den anatolischen Wäldern ein Bär bis auf 10 Meter Entfernung genähert habe. Dieser Bär, war sich Semih Kaplanoglu mit einem freundlichen Augenzwinkern in Berlin ziemlich sicher, sei gewiss „nun auch hier irgendwo“ in der Nähe.

Wer wollte das anzweifeln?! Schließlich lieben Bären Honig. Und der Bär gehört nun einmal ganz selbstverständlich in die Stadt Berlin, deren Wappentier er ist.

In „Bal“ erzählt Kaplanoglu in ruhigen, lyrischen Bildern – dabei auf künstliches Licht und den Einsatz von Musik verzichtend – eine Kindheit im ländlichen Anatolien. Der Film lässt uns in die Welt des sechsjährigen Grundschülers Yusuf (gespielt von Bora Altas) blicken, die aus den Bergen und Wäldern seiner Heimat besteht.

All das dürfte auf die Kinozuschauer eine beträchtliche, ja: außergewöhnliche Wirkung entfalten. Dank sparsam eingesetzter Dialoge - was besonders die einmalige Atmosphäre des Waldes samt all dessen Geräuschen, denen dadurch viel Raum gegeben ist, stark hervortreten lässt – wird „Bal“ zu einem Erlebnis, das sehr tief die Seele des Zuschauers ansprechen kann.

Kann deshalb, weil man sich auf das Erlebnis „Bal“ wirklich ganz einlassen muss. Semih Kaplanoglus neuestes Werk ist tatsächlich in der dem Genres wohl am nächsten kommenden Bedeutung ein Film. Denn ein solcher sollte sich ja eigentlich in der Hauptsache über Bilder mitteilen. Weniger aber via übermäßige Plappereien. Das tut „Bal“. Und es tut gut. Wie gesagt: Wenn man sich darauf einlässt. Der Film hat Seele. Erreicht das zu einem nicht unbeträchtlichen Teil per Entschleunigung.

Wie gut täte doch ein Mehr von diesem Weniger unserer inzwischen beinahe nur noch hektisch dahinschnurrenden, so oberflächlichen Welt! Da fastfood und flatrates für alles und jedes zum (unsinnigen) Nonplusultra stilisiert werden, der Einzelne aber scheinbar nichts mehr zählt. Höchstens er rechnet sich.

Semih Kaplanoglu „warnt“ in Presseinterviews, dass die Art und Weise wie sein Film erzählt wird, möglicherweise von manchem als langweilig empfunden werden könnte. Der Regisseur aber geht dieses „Risiko“ bewusst ein. Denn er bezweckt ja etwas damit! Und das funktioniert letztlich auch.

In diesem Sinne wird „Bal“, als Filmkunstwerk sicher seine Zuschauer finden, aber vielleicht nie zum Kassenschlager in den großen Multiplexen dieser Welt werden. Das ist aber auch nicht schlimm. Im Gegenteil! Die Cineasten werden „Bal“ zu schätzen wissen und lieben.

Kaplanoglus „Bal“ bildet den Abschluss einer filmischen Trilogie: „Yumurta (Ei), „Süt“ (Milch) und nun „Bal“ (Honig). In allen drei Filmen trägt die Hauptfigur den Namen Yusuf. Dessen Lebensgeschichte wird sozusagen rückwärts erzählt: Yusuf, der Alte, der Student, das Kind...

Der kleine Yusuf wird in „Bal“ aus der heilen Welt der Natur, des wunderschönen Waldes, kommend, in die harte Realität geworfen, welche durch den Tod des Vaters abrupt in dessen Leben tritt.

Semih Kaplanoglu äußerte, er habe den Film in der Hauptsache der Natur gewidmet. Ausdrücklich, um darauf hinzuweisen, dass die unglaublich schöne Natur, auch in der Region, wo „Bal“ gedreht wurde, von Zerstörung bedroht ist. Denn ein Kraftwerk könnte dort gebaut werden. Mittels den für seinen Film erhaltenen Preis wolle er auch dazu beitragen, die Natur dort zu retten. Kaplanoglu gegenüber dpa: „Mich interessiert die Seele des Menschen, sein Geist. Ich frage mich, was damit passiert in unserer Gegenwart. Nehmen wir die Industrialisierung. Sie schenkt uns viel, nimmt aber auch viel. Wie verändert das unser Leben?“ Dies, so der Filmemacher, seien für ihn durchaus politische Fragen. „Ich blicke mit meinem Wissen des Erwachsenen durch die Augen eines Kindes, das Momente erlebt, die unwiederbringlich sind.“

Semih Kaplanoglu wurde 1963 in der Ägiäsmetropole Izmir geboren. Anfang der 1980er Jahre studierte er an der Fakultät für Bildende Künste der staatlichen Dokuz Eylül Universitesi seiner Geburtsstadt. Er beendete sein Studium in der Fachrichtung Kino und Fernsehen im Jahr 1984 mit dem 40-minütigen schwarz-weißen Kurzfilm „Mobapp“.

Nach 46 Jahren also hat es nun mit „Bal“ endlich wieder einmal ein türkischer Film geschafft, einen goldenen Treffer bei der Berlinale zu landen.

Angesichts von so berückend in Szene gesetzten Bildern des so angenehm entschleunigt von der Leinwand fließenden Filmes „Bal“ - gewissermaßen gleich der natürlichen Fließgeschwindigkeit langsam abtropfenden türkischen Qualitätshonigs, gewonnen in den wunderschönen Wäldern Anatoliens - konnte eben der Goldene Berliner Bär wohl auch gar nicht anders, als hin und weg zu sein.

Auch die Kinozuschauer, so sie sich wirklich ganz auf Kaplanoglus Streifen einlassen, werden sozusagen über kurz oder lang auf den „Geschmack“ kommen...

 

 

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