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Jahrgang 4 Nr. 13 vom 2.04.2010
 

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Erdogan und die Zeichen der Zeit

Ein Kommentar

von Claus Stille

Sollte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan vorgehabt haben der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel (sie reist diese Woche in die Türkei), betreffs den EU-Ambitionen seines Landes mal so richtig zu zeigen, wo sozusagen die Glocken hängen - so wäre dagegen eigentlich nichts einzuwenden gewesen. Schließlich hat Angela Merkel bei ihrem Türkei-Besuch vermutlich wieder nichts anderes für den EU-Kandidaten Türkei im Gepäck, als das für Ankara verständlicherweise unannehmbare Geschenk, der inzwischen mindestens schon übers Haltbarkeitsdatum hinausgekommenen „Privilegierte Partnerschaft“. Ein alter Hut, den Ankara nicht haben will. Nicht mal geschenkt.

Tayyip Erdogan redete zwar im Vorfeld des Besuchs freilich Tacheles in Sachen EU-Kandidatur Ankaras: Er reklamierte selbstverständlich die vollwertige EU-Mitgliedschaft für sein Land.

Aber warum es sich der türkische Premier darüber noch hinaus gehend nicht verkneifen konnte seinerseits ebenfalls einen alten Hut auszukramen – die wiederholte Forderung nach der Einrichtung türkischer Gymnasien in der BRD nämlich-, bleibt das Geheimnis Erdogans. Spielte er eine Art nationale Karte, um bei den Menschen am Bosporus zu punkten? Oder ging es ihm auch ein bisschen darum, die Deutschen zu provozieren? Na, das Letztere immerhin ist ihm gelungen! Die deutschen Stammtische fauchten auf. Bierglasfuchtelnd wurde wieder einmal die Gefahr an die Wand gemalt: Bald übernehmen uns die Türken ganz, Leute wehret den Anfängen! Und die Gazetten zerrissen Erdogans Forderung in der Luft.

Was hatte Erdogan denn auch anderes erwartet, Lobeshymnen? Selbst bei türkischstämmigen Menschen in Deutschland stieß diesmal der wieder aufgewärmte Vorstoß von 2008 verstärkt auf Ablehnung. Sogar der als wahrhafter und stets geduldige Freund der Türkei bekannte Grünen-Politiker Christian Ströbele, der vor einiger Zeit noch gefordert hatte, in der BRD einen muslimischen Feiertag einzuführen, zeigte für Erdogans Ansinnen so gar kein Verständnis. Vielmehr wollte Ströbele in Erdogan Auslassungen einen „nationalen Ton“ gehört haben. Er sah dafür „innenpolitische Gründe“ ausschlaggebend, „um für die türkische Community in Deutschland auf dem nationalen Instrument zu spielen“.

Zwar hat Tayyip Erdogan recht damit, wenn er sagt, in der Türkei habe man deutsche Gymnasien und eine deutsch-türkische Universität werde es ebenfalls dort geben. Zuzustimmen ist ihm ebenfalls betreffs der Einschätzung, viele der 2,7 Millionen in Deutschland lebenden Türken hätten Probleme mit der eignen Muttersprache.

Diverse Sprachforscher würden möglicherweise sogar noch mit der von Premier Erdogan vertretenen Meinung konform gehen, wonach derjenige Mensch, welcher nicht zunächst die eigne Muttersprache beherrsche, sich auch mit dem Erlernen weiterer Sprachen schwer tue.

Ginge es nach Erdogan, wäre nicht nur die Bildung am Gymnasium, sondern danach auch noch die weitere Ausbildung „türkisch geprägt“.

Dies wäre kein Luxus, so Erdogan, sondern ein Beitrag zur Integration. Wie bitte, Herr Ministerpräsident?

An einigem, was Premier Erdogan da äußerte, ist durchaus etwas Wahres. Anderes wiederum – namentlich die „türkisch geprägte“ Ausbildung (was ist darunter eigentlich genau zu verstehen? - muss automatisch kritische Fragen aufwerfen und Ablehnung in der deutschen Mehrheitsgesellschaft (einschließlich bei vielen Türkischstämmigen) hervorrufen.

Und noch eines: deutsche Gymnasien in der Türkei werden in der Regel von Kindern gutbetuchter Türken besucht.

In Deutschland jedoch sind Bildungsprobleme eher bei sozial schwachen Schichten der Bevölkerung anzutreffen. Und zwar egal welcher nationalen Abkunft die Kinder und Jugendlichen sind.

Nichtsdestotrotz können Bildungseinrichtungen mit türkischem Hintergrund in Deutschland (die es im übrigen bereits gibt:) – so sie nicht nur für Türken, sondern allen offen stehen – durchaus eine Bereicherung der bundesdeutschen Bildungslandschaft sein. Auch dem Integrationsgedanken können sie förderlich sein.

Erdogans Vorschlag – so kann man es dann aber auch sehen – könnte bei vielen Menschen in Deutschland aber auch so ankommen, wie bei dem Berliner Grünen Özcan Mutlu. Nämlich als „Versuch der Verfestigung der Andersartigkeit“.

Gleichermaßen ist dem Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde (TGD) in Deutschland, Kenan Kolat, vollumfänglich beizupflichten, wenn er die Meinung vertritt, dass, wenn der Unterricht in solchen von Erdogan geforderten Gymnasien „komplett auf Türkisch stattfinden soll“, dann halte er das für einen Fehler.

Ebenso ist dem Vorsitzenden der TGD in Niedersachsen nachzufühlen, dass er Erdogans Vorschläge für Quatsch hält, und dem Premier vorschlägt, sich doch um die Probleme in der Türkei zu kümmern.

Aber halten wir doch den Ball flach: Erdogan ist ein Politiker, ist ein Politiker. Und Regierungschef obendrein. Da gehört eben bei manch einem Vertreter (oder Vertreterin) dieser Spezies eine gewisse Portion Populismus mit dazu. Wir kennen das ja auch in Deutschland zur Genüge. Ich möchte hier nur die verachtenswerten innenpolitischen Hetzreden des deutschen Außenministers Westerwelle (FDP) gegen sozial Schwache als schlechtes Beispiel ins Feld führen.

Manchmal gehen den Politikern eben die Pferde durch. Was nicht heißen muss, dass wir, das Volk, auch alles ohne Widerspruch hinnehmen müssen. Und Tayyip Erdogan, in dessen Körper und Geist offenbar noch immer der passionierte Fußballer von Früher steckt, kennen wir als politischen Spieler, der ab und an zu Schnellschüssen neigt. Ich erinnere nur an die kürzlich von ihm ausgestossene Drohung, alle illegal in der Türkei lebenden Armenier könnten ausgewiesen werden. Mancher Schuss geht da schnell nach hinten los. Kollateralschäden?

Erdogan warf Deutschland vor, die Zeichen der Zeit nicht erkannt zu haben. Was man so oder so sehen kann. Ich meine, Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan könnte für sich beanspruchen, die Zeichen der Zeit vollends richtig erkannt zu haben, wenn er aktiv eine Lanze für die Mehrsprachigkeit an deutschen Schulen gebrochen hätte. Türkische Schulen und eine – was auch immer darunter zu verstehen ist - türkisch geprägte Ausbildung im Anschluss daran dürfte hingegen weniger die Integration vorantreiben, sondern nur das Voranschreiten von Segregation befördern, steht zu befürchten. Leider aber hat Herr Erdogan nur wieder einmal Krawall gemacht. Und unter Umständen womöglich damit auch manch einen verprellt, der eigentlich von Herzen Befürworter eines EU-Beitritts der Türkei ist. War es das wert, Herr Erdogan?

 

 

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