Jahrgang 2 Nr. 0 vom 25.06.2001
Dossier

Jetzt kostenlos!



 

Fazilet Partisi und die islamistischen Strömungen in der Türkei

Nach mehr als 25 monatiger Prozeßzeit erging das Schließungsurteil gegen die Tugendpartei. Im Mittelpunkt des Urteils stand der Vorwurf, daß die Tugendpartei (Fazilet Partisi, FP) sich zum Brennpunkt verfassungsfeindlicher Bewegungen entwickelt habe. Festgemacht wurde dieser Vorwurf an der Auseinandersetzung über das Tragen einer bestimmten Form von Kopftuch (Türban) im Parlament.

Mit dem Urteil wurde nun die vierte Partei der mit "Milli Görüs" charakterisierten Linie islamisch-konservativ orientierten Parteien verboten. Spielte die Auseinandersetzung zwischen religiösen und republikanisch-säkularistischen Kräften bereits im Osmanischen Reich eine zentrale Rolle bei der Auseinandersetzung um die Modernisierung von Staat und Gesellschaft, so legte die Milli-Görüs-Strömung einen bis jetzt 30jährigen Weg zurück.

Zwar trat 1974 die MSP mit ihrem Vorsitzenden Erbakan in eine Koalitionsregierung unter Führung von Bülent Ecevit ein, zu einem wesentlichen Machtfaktor auf der politischen Bühne in Ankara wurde der politische Islam jedoch erst in den 90er Jahren.

Vorausgegangen war dem der Militärputsch, der für den Bedeutungsgewinn von Nationalismus und Islam im gesellschaftlichen und politischen Leben eine wichtige Rolle spielte. Gleichzeitig hatte der seit den 80er Jahren um sich greifende Bürgerkrieg in den Ostprovinzen große Bevölkerungsgruppen entwurzelt und in die städtischen Zentren getrieben.

Für die westliche Wahrnehmung spielten wohl zwei Faktoren eine entscheidende Rolle: Die Entwicklung im Iran nach der Machtübernahme des islamistischen Mollah-Regimes und der Guerrilla-Krieg in Afghanistan gegen die sowjetischen Interventionstruppen. Malte ersteres das Schreckgespenst fanatischer Volksmassen in einem Feldzug gegen den Westen an die Wand so wurde jeder Erfolg der afghanischen Freischärler als Erfolg gefeiert. Es war die Rede von einem "grünen Gürtel", der in der strategischen Konkurenz der beiden Großmächte die Sowjetunion schwächen und isolieren sollte. Auf diese Weise wurde eine ohnehin bereits vorhandene gedankliche Verbindung zwischen Islam und - gutem oder schlechtem - Terrorismus in der öffentlichen Diskussion erneuert und verfestigt.

Auch heute noch ist in Deutschland das Verhältnis zum Islam alles andere als entspannt. Einen Niederschlag findet das beispielsweise in der Diskussion über einen möglichen Beitritt der Türkei zur EU. Indem die EU der Türkei gegenüber als Wertegemeinschaft dargestellt wird, wird auch die Fremdheit des Landes hervorgehoben. Sei die Türkei auch immer das demokratischste islamisch geprägte Land, so gehört sie doch einer fremden Kulturtradition an ...

Nicht zuletzt aus diesem Grunde fällt es westlichen Beobachtern nicht immer leicht, sich mit der Entwicklung islamistischer Strömungen in der Türkei auseinanderzusetzen.

 

 

Politisches "aus" für Necmettin Erbakan?


Revision der Wohlfahrtspartei vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof


Reaktion Kutan


Anklageschrift (Auszug)


Urteil Tugendpartei (Text)


Urteil FP (Meldung)


Nachfolger


Offene Fragen (Komm.)


Neue Parteien (7.07.)


Europäischer Menschenrechtsgerichtshof bestätigt Schließung der Wohlfahrtspartei


Erste Veröffentlichungen zu Programmen im Zuge der Parteineugründungsprojekte

 

Personen

Necmettin Erbakan


Recep Tayyip Erdogan


Abdullah Gül


Recai Kutan

 

Links

Fazilet Partisi


Policy Watch

Beiträge

Geschichte islamist. Part.
Islamismus in Deutschland
Flügel in der Tugendpartei

 

Archiv

Zurück