Jahrgang 2 Nr. 0 vom 18.08.2001
 

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Schwäche der Türkischen Lira - Vertrauenskrise?

Von Montag bis Donnerstag hat sich der Verkaufspreis des US-Dollar von 1.385.669 TL auf 1.485.666 TL, d.h. um 7,43 Prozent erhöht. Dies ist ein Wert, der auch für die inflationsgewohnte Türkei außergewöhnlich ist. Außergewöhnlich ist auch, daß seit Beginn der neuen Aufwärtsentwicklung zu Beginn der vergangenen Woche keine Stellungnahmen von Seiten der Regierung oder der Zentralbank erfolgten. Auch erfolgten keine Interventionen.

 

 

Auf den Devisenmärkten herrscht eine massive Verunsicherung. Zwar hatte man sich vom Übergang zum Verkauf von Devisenoptionsscheinen eine Beruhigung der Preisentwicklung versprochen, doch konnte die gestrige offizielle Aufnahme des Optionsscheinhandels angesichts der Ungewißheit keine positiven Impulse zeitigen.

Als wichtige Ursache für den Devisenpreisanstieg wird zunächst angeführt, daß die türkische Zentralbank nicht in ausreichendem Maße Devisen verkauft, so daß ein Devisenmangel eintritt. Angesichts der Preisunsicherheit sind zur Zeit jedoch auch die sonstigen Inhaber größerer Devisenbeträge nicht bereit, diese in TL zu tauschen. Als ein weiterer Grund wird die sogenannte "Dollarisation" angeführt. Damit ist gemeint, daß zunehmend auch für Geschäfte im Binnenhandel auf Devisenbasis abgerechnet wird. Dies gilt insbesondere auch für Kredite, aber auch für Alltagsgeschäfte wie den Erwerb von Import-Elektrogeräten im Einzelhandel.

Mit dem Anstieg der Devisenpreise verschieben sich erneut die Gleichgewichte auf den Finanzmärkten. Am Dienstag konnte die neue Schuldaufnahme des Staates nur mit einem weit höheren Zinssatz (98 %) erfolgen, als veranschlagt wurde. Stark betroffen ist auch die türkische Börse, die massive Rückschläge hinnehmen mußte und auf Devisenbasis berechnet, beständig an Wert verliert.

Angesichts dieses Szenarios und insbesondere mit Blick auf die Entwicklung seit Ausbruch der Februar-Krise ist es vielleicht nicht richtig von einer "Vertrauenskrise" zu sprechen. Vielleicht wäre es sinnvoller an "ökonomische Rationalität" zu denken. Durch die vielfältigen wirtschaftspolitischen Manipulationen dieses Jahres hat die TL beständig an Wert verloren. Dieser Wertverlust liegt bei weitem über dem Ertrag jedes Anlageinstrumentes. Es ist auch für die nahe Zukunft nicht absehbar, daß sich daran etwas ändert. Man kann darum eigentlich nur davon ausgehen, daß diejenigen, die über freie Finanzreserven verfügen, schlecht beraten sind, wenn sie diese in TL investieren oder anlegen.

Dies gilt insbesondere auch für den sogenannten "realen" Sektor, in dem tatsächlich Wertschöpfung erfolgt. Angesichts der Ungewißheiten hinsichtlich des Wertes der nationalen Verrechnungseinheit weichen die Akteure auf zuverlässige Verrechnungseinheiten aus. Ein Produzent wird darum zunehmend sowohl seine Zuliefer- als auch seine Absatzbeziehungen auf Devisenarbeit vornehmen - auch wenn er ausschließlich Binnenhandel betreibt. Auf diese Weise steigt - neben spekulativen Entwicklungen - die Devisennachfrage. Apelle gesellschaftlicher oder politischer Preise, das eigene Geld nicht außer acht zu lassen, helfen dann nicht weiter. Solange der türkische Staat nicht selbst Schritte unternimmt, den Wert seiner Währung sicherzustellen, ist jede Entscheidung zugunsten der Türkischen Lira irrational.

Nun gibt es Spekulationen darüber, daß hinter dem Schweigen der Regierung und der Zentralbank zum Devisenpreisanstieg eine bewußte Politik stehen könne. Das Verfahren ist vergleichbar mit dem bereits früher als "Devisenspekulation" geschmähten: Man nimmt Schulden auf Devisenbasis zu einem Zeitpunkt auf, zu dem die Devisen besonders hoch stehen. Mit diesen Devisen löst man billig Binnenschulden auf TL-Basis ab. Durch den Verkauf der Devisen wird wiederum der Devisenpreis gesenkt. Der Effekt ist eine Verringerung der Schuldenlast.

Nun ist die Verringerung der Schuldenlast - wenn diese Hypothese stimmen sollte - tatsächlich eine vordringliche Aufgabe der Wirtschaftsverwaltung. Problematisch daran ist jedoch, daß dabei die gesamte Wirtschaft nachhaltig erschüttert und der Preisauftrieb verstärkt wird. Nach der aktuellen Energiepreispolitik beispielsweise muß in den nächsten Tagen nach einem Devisenpreisanstieg um 7,43 Prozent eine Erhöhung der Energiepreise in eben dieser Höhe erfolgen. Gegen Ende Juli hatte die Regierung jedoch in ihren Gesprächen mit dem Internationalen Währungsfond erklärt, daß es wichtig sei, gerade im Sommer eine niedrige Inflationsrate zu erzielen, sollen die Erwartungen bis zum Jahresende nicht völlig revidiert werden. Problematisch dürfte angesichts der erneut wachsenden Unsicherheit eine Senkung der Zinsen werden. Das Zinsniveau ist sowohl im Hinblick auf die Binnenschulden als auch im Hinblick auf die Wirtschaftsentwicklung problematisch. Die Zinsentwicklung am vergangenen Dienstag zeigt, daß ein Emporschnellen der Devisenpreise auch die Zinsen in die Höhe treibt.

Dossier Wirtschaftskrise

 

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