Jahrgang 2 Nr. 0 vom 13.07.2001
 

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Anhaltend schlechte Stimmung

Die Telekomkrise und der anschließende Streit mit dem Internationalen Währungsfond (IMF) sind der Türkei teuer zu stehen gekommen: Stark gestiegene Devisenpreise, hohe Zinsen und eine Börse, die am Mittwoch beinahe wieder ihren Tiefststand zum Ausbruch der Februar-Krise erreichte.

Die Stimmung ist schlecht und eines der häufigsten Argumente dafür, daß trotz aller eingeleiteten Reformen keine Entspannung eintritt, ist, daß das Vertrauen in die Regierung verloren gegangen sei.

Tatsächlich hat die Türkei mancherlei hinnehmen müssen. Nach der überraschenden Abwertung im Februar richteten sich alle Hoffnungen auf Kemal Dervis und daß von seinem Stab entwickelte Erneuerungsprogramm. Trotz aller Auseinandersetzungen trat bis Ende Mai tatsächlich eine kurzfristige Beruhigung ein. Der Anstieg der Devisenpreise verlangsamte sich, das Zinsniveau senkte sich und die Börse pendelte nach einem rasanten Anstieg auf einem Niveau, das ca. 40 Prozent über dem Krisentiefststand lag. Seit drei Wochen ist jedoch davon nichts mehr zu spüren.

Die Auseinandersetzung um den Vorstand der Telekom wurde als Zeichen dafür gewertet, daß die politischen Kreise versuchen, im neuen Gewand die alte Politik weiterzubetreiben. Doch schien die Krise - wenn auch nicht mit völliger Befriedigung - durch Kompromiß beigelegt, als der IMF die Bewilligungssitzung für die zweite Kredittranche verschob. Seit dem 5. Juli sind wieder alle Leitindikatoren aus den Fugen. Am 11. Juli, als nach der Neubesetzung des Telekomvorstandes, der staatlichen Übernahme von fünf Privatbanken und der Ankündigung von IMF und Weltbank, daß nunmehr die Kreditbedingungen erfüllt seien, alle Probleme beseitigt schienen, setzte sich das nächste Krisenszenario in Gang. Dieses Mal wird die Entwicklung in Argentinien dafür verantwortlich gemacht. Doch ist den Kommentatoren anzumerken, daß ihnen nur noch mit Mühe ökonomische Erklärungen für die Marktreaktionen einfallen. Statt dessen ist immer häufiger von Nervosität die Rede.

Ein Zeichen für das Maß an Unsicherheit ist wohl auch die Geschwindigkeit, mit der sich Gerüchte ausbreiten. Am 5. Juli soll das Gerücht, daß Ministerpräsident Ecevit gestorben sei, maßgeblich zum Rückgang der Börse beigetragen haben. Am Montag kursierte das Gerücht, daß sich die ausländischen Anleger aus dem türkischen Markt zurückzögen. Auch würde die Bankenaufsicht auf Druck des IMF einige Großbanken übernehmen.

Solche Gerüchte erweisen sich als haltbare als wirkliche Nachrichten. Sie setzen Geld in Bewegung und schaffen dadurch Tatsachen. Es genügt also nicht, einfach nur auf die Fakten zu verweisen. Selbst ein Live-Interview im Fernsehen konnte das kursierende Gerücht über Ecevits angelbliches Ableben nicht sofort entkräften.

Angesichts der heftigen Ausschläge der Börse und den damit zu erzielenden Gewinnspannen wird immer wieder der Verdacht geäußert, daß solche Gerüchte zu Spekulationszwecken in die Welt gesetzt und die Börse manipuliert wird. Doch ist die keine Erklärung: Säßen die Anleger nicht auf dem Sprung, könnten sich durch Gerüchte nicht solche Wirkungen erzielen lassen.

Nun könnte man sagen, daß die Finanzmärkte zwar ein wichtiger Bestandteil einer Volkswirtschaft seien. Sie sagen aber nur bedingt etwas über den tatsächlichen Zustand der Wirtschaft aus. Sie interessieren das Volk nur am Rande. In einer Nachrichtensendung wurden Passanten in der zentralanatolischen Stadt Cankiri gefragt, was ihnen die Abkürzung IMKB sage. Die meisten wußten keine Antwort. Die Entwicklungen an der Börse hielten sie für einen Vorwand, ihnen noch mehr Geld aus der Tasche zu ziehen.

Doch die Unsicherheit ist allgegenwärtig. Längerfristige Investitions- und Geschäftsentscheidungen lassen sich in einem Milieu, das durch hohe Zinsen, niedrige Nachfrage und ungewissen Preisen charakterisiert ist, nur schwer treffen. Die Daten des Staatlichen Statistikinstitutes über die Produktion im Mai sprechen hier eine deutliche Sprache.

Es wird über verschiedene Auswege aus dieser Sackgasse nachgedacht. Manche Ökonomen plädieren dafür, ein Mindestmaß an Sicherheit über die Entwicklung der Wechselkurse zu geben. Nicht daß damit zu einer Fixierung zurückgekehrt werden soll, aber zumindest die Rahmenentwicklung soll deutlich gemacht werden. Angesichts der Politiklinie des IMF scheint eine solche Lösung jedoch kaum wahrscheinlich. Statt dessen wende sich die Wirtschaftspolitik jetzt dem Zinsniveau zu. Gelingt es, ein glaubwürdiges Konzept für die Absenkung der Zinsen zu entwickeln, könnten die Devisenkurse sinken auch auch dem produktiven Sektor wieder auf einem halbwegs erträglichen Niveau Kredite offen stehen.

 

 

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