Jahrgang 2 Nr. 0 vom 21.08.2001
 

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Der Fluch der guten Tat - eine Spendenaktion zur Erdbebenhilfe

Ein Artikel in der New York Times hatte auch in der Türkei großes Aufsehen erregt. Am Beispiel des Nachclub "Leila"waren die krassen Einkommensunterschiede in der Türkei dargestellt worden. Der Artikel wurde zur Munition in der Debatte, ob angesichts der Wirtschaftskrise eine soziale Revolte bevorstehe oder nicht. Nun traten die Betreiber des Clubs an die Öffentlichkeit. Angesichts der ausgelösten Diskussionen, habe man zunächst darüber nachgedacht, das "Leila" zu schließen. Statt dessen habe man jedoch beschlossen, den Abenderlös des 17. August, d.h. am Jahrestag des Marmara-Erdbebens, den Erdbebenopfern zukommen zu lassen. Gespendet wurden 54,5 Milliarden TL.

Die Frage, ob eine soziale Revolte bevorstehe, war vor allem im April angesichts der militanten Demonstrationen der Gewerbetreibenden in Ankara diskutiert worden. Sie flackerte immer wieder auf, wenn besonders negative Statistiken veröffentlicht wurden oder wenn wieder eine Aktion vor dem Amt des Ministerpräsidenten stattfand.

Als die Debatte über den Club Laila die Kommentarspalten der Tageszeitungen füllte, gab es jedoch auch besonnene Stellungnahmen: so merkte der Kommentator Bila (Milliyet) merkte in einer Fernsehsendung nüchtern dazu an, daß die krassen Einkommensunterschiede weder etwas Neues seien noch daß sie erstmals auf die Tagesordnung gekommen seien.

Tatsächlich hatte sogar das Tourismus-Ministerium auf seinen Webseiten eine Statistik, aus der hervorgeht, daß die 10 Prozent der Bevölkerung mit dem höchsten Einkommen über 40 Prozent des Gesamteinkommens verfügen.

Geht man nun hinsichtlich der Spende des Laila, 54.5 Milliarden TL, davon aus, daß an diesem Abend die Einnahmen wegen des Benefiz-Charakters der Veranstaltung, höher war, als an anderen Abenden, so bleibt trotzdem deutlich, daß hier Gelder in einem Maße ausgegeben und eingenommen werden, die für das Groß der Türken unerschwinglich sind.

Eine soziale Revolte ist bisher nicht eingetreten. Statt dessen wirken die verschiedenen sozialen Hilfssysteme - vor allem Familie und Nachbarschaft - um die größte Not zu verhindern. Daß diese Systeme dabei überlastet werden und Schaden nehmen, kann kaum bezweifelt werden. Sowohl die ansteigende Scheidungsrate als auch die Diskussion über den Werteverfall in der Türkei macht dies deutlich.

Nun werden von den Reichen des Landes immer wieder auch große Geldbeträge gespendet. Die Aktion des Laila ist kein Einzelfall. Im April hatte die Bildungsstiftung "Türk Egitim Gönülleri Vakfi" ebenfalls Milliarden-Beträge in einer spektakulären Medienaktion an einem Tag gesammelt. Wohltätigkeit bei Staatsversagen? Natürlich ist es schön, wenn Menschen anderen durch Spenden helfen. Ist jedoch das Einkommensgefüge in einer Weise zerrüttet wie in der Türkei, wird gerade durch die Höhe der Spenden die soziale Ungerechtigkeit nur hervorgehoben. Bezogen auf den Anlaß der Spenden wird dies nochmals unterstrichen: ob es sich um Spenden für Bildungszwecke oder für die Erdbebenopfer handelt - deutlich ist, daß der türkische Staat nicht über die Mittel verfügt, sein ohnehin sehr weitmaschiges Netz von sozialen und Bildungsleistungen zu finanzieren. Betrachtet man jedoch die Verteilung des Steueraufkommens, so wird ein großer Teil der staatlichen Einnahmen finanziert durch Lohnsteuerabzüge und Mehrwertsteuer, d.h. von der Bevölkerungsmehrheit.

Ein politisches Konzept, mehr Gerechtigkeit herzustellen, ist bisher nicht in Sicht.

Stefan Hibbeler

 

 

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