| ||||
|
Jetzt kostenlos! | ||||
Krise und ZahlenSeit einigen Wochen ist das wirtschaftliche Klima in der Türkei von einem außerordentlichen Pessimismus geprägt. Damit verbunden ist eine ausgesprochen negative Wahrnehmung der türkischen Wirtschaft im Ausland. Wirft man jedoch einen Blick auf die unterschiedlichen Zahlen, die in der Diskussion verwandt werden, besteht zwar zur Beschönigung kein Anlaß - jedoch auch nicht zur Panik. So findet sich beispielsweise in der Cumhuriyet vom 25. Juli mit Hinweis auf die Konföderation der türkischen Gewerbetreibenden eine Angabe, nach der seit Jahresanfang 52.800 Betriebe geschlossen worden seien. Vergleicht man diese Werte mit den Angaben des Staatlichen Statistikinstitutes vom 20. Juli, so erhält man den Wert von 10.090 geschlossenen Unternehmen, Kooperativen und Firmen. Die folgenden beiden Grafiken zeigen den Vergleich zum Vorjahr, das bis November 2000 nicht als Krisenjahr angesehen wurde. Die linke Grafik zeigt die Firmeneröffnungen, die rechte die Firmenschließungen (Quelle: Staatliches Statistikinstitut)
Nun sind gelegentlich auch Einwände gegen die staatliche Statistik erhoben worden. Solange jedoch nicht dargelegt werden kann, daß Werte tatsächlich ausgeklammert wurden, können sie nicht einfach außen vor gelassen werden. Ähnliche Wahrnehmungsunterschiede ergeben sich auch, wenn man die amtliche Statistik zum produktiven Sektor berücksichtigt. Folgt man dem öffentlichen Eindruck, so ist die Produktion weitgehend zum Stillstand gekommen. In seinem Bericht vom 18. Juli zu den Erwartungen im produktiven Sektor veröffentlichte das Staatliche Statistik-Institut folgende Grafik zur Kapazitätsauslastung der herstellenden Industrie:
Wieder zeigt sich, daß die Werte für das Jahr 2001 deutlich negativer sind als die des Vorjahres. Gleichzeitig zeigt sich jedoch auch, daß von einem Produktionszusammenbruch nicht gesprochen werden kann. Bei den Börsen-Bilanzen zeigt sich wiederum, daß trotz Wirtschaftskrise einzelne Branchen durchaus Gewinnerwartungen hegen. Dies trifft insbesondere immer dann zu, wenn eine geringe Verschuldung bei Ausbruch der Krise vorlag und wenn die Absätzmärkte im Ausland liegen. Demgegenüber ist die Inlandsnachfrage unmittelbar mit Ausbruch der Krise im Februar schlagartig zurückgegangen und hat sich bisher kaum erholt. Da es bisher keine funktionierende Arbeitslosenversicherung in der Türkei gibt, liegen kaum zuverlässige Arbeitslosenzahlen vor. Auch hier gilt, daß die Arbeitslosigkeit drastisch zugenommen hat. Doch in welchem Ausmaß bleibt angesichts unterschiedlicher Zahlen unklar. Demgegenüber ist überdeutlich, wer die Hauptleidtragenden der Krise sind: Die Erhöhung der Mindestlöhne um nur 15 Millionen TL auf Druck der Arbeitgeberseite bürdet die schwerste Last der Krisenbewältigung dem Bevölkerungskreis mit dem geringsten Einkommen auf. Da - wie erst am 25. Juli wieder in der CNN-Sendung Ankara-Kulisi zu hören war - 51 Prozent des Steueraufkommens sich aus der Lohnsteuer ergeben, ist auch deutlich, wer hauptsächlich für die hohen staatlichen Schulden und Zinsen aufkommt. |
|
|||