Umrisse des neuen Stabilitätsprogramms
Vorgestellt von Wirtschaftsminister Kemal Dervis am 14.
März 2001. Quelle: Radikal. Übersetzung Stefan Hibbeler
Die Krisen vom November und Februar haben vor allem die Schwäche des
Bankensektors gesteigert und wurden zum Anlaß starker Wellenbewegungen
und Unsicherheit auf den Finanzmärkten. Ein in einem solchem Umfeld vorbereitetes
Programm muß sich strategisch aus drei Schritten zusammensetzen:
- In einem ersten Schritt müssen mit großer Geschwindigkeit Vorkehrungen
für den Bankensektor getroffen werden. die Ungewißheit im Finanzsektor
muß verringert und die Krisenerscheinungen so schnell es geht überwunden
werden.
- In einer zweiten Phase werden Devisenkurse und Zinsen Festigkeit erreichen
und so die wirtschaftlichen Akteure eine mittelfristige Perspektive
erlangen können.
- In der dritten Phase werden die makroökonomischen Gleichgewichte neu
eingerichtet und ab der zweiten Jahreshälfte die Grundlagen für ein
kontinuierliches Wachstum geschaffen.
Im Rahmen dieser Strategie wird auch die Inflationsbekämpfung entschlossen
fortgesetzt. Die für März und April zu erwartenden Preissteigerungen werden
durch eine strikte Finanz- und aktive Geldpolitik und insbesondere auch
durch die Herstellung einer gesünderen Bankenstruktur sich wieder verringern.
Durch den Wechsel zu freien Wechselkursen werden die Erlöse aus Tourismus
und Export steigen und dadurch die Zahlungsbilanz positiv beeinflußt.
Die wirksame Umsetzung des Wirtschaftsprogramms und der Strukturreformen
werden ausländische Investitionen steigern. Um diesen Prozeß zu beschleunigen,
werden die erforderliche gesetzgeberische Infrastruktur beschleunigt erstellt.
Mit dem Ziel die Einkommenspolitik, die ein wichtiges Instrument der
Inflationsbekämpfung ist, in solider Weise fortzusetzen, wird angestrebt,
die Unterstützung aller gesellschaftlichen Kreise zu erreichen.
Auf der anderen Seite werden die bereits im Jahr 2000 mit wichtigen Schritten
begonnenen Strukturreformen vor allem im Bereich des Bankwesens und der
Privatisierung mit Entschlossenheit fortgesetzt.
Eine wichtige Stütze unseres Programms beruht darauf, daß neues Vertrauen
geschaffen wird und die politische Entschlossenheit für die Lösungsvorschläge
hervorgehoben wird.
Die Bedingungen, in denen wir uns befinden, zeigen deutlich, daß in der
ersten Phase die Herstellung wirtschaftlicher Stabilität eine Vorbedingung
darstellt. Die eigentlichen Ziel des Programmes sind, die Absenkung der
Inflation auf einstellige Werte, eine Korrektur der Einkommensverteilung
unter dem Gesichtpunkt sozialer Gerechtigkeit und die Herstellung der
Rahmenbedingungen für ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum.
Die Situation im Bankensektor macht es erforderlich, sich in massiver
Weise vor allem zuerst den staatlichen Banken zuzuwenden. Dazu werden
zunächst öffentliche Mittel eingesetzt werden.
Die Liberalisierung des Energiesektors wird mit Geschwindigkeit und Entschlossenheit
fortgesetzt.
Die Inflationsbekämpfung wird sich auf mittelfristige Inflationsziele
und die Geldpolitik stützen. Die Eingriffe in den Bankensektor sind ein
wichtiges Element der Inflationsbekämpfung. Kurzfristige geldpolitische
Instrumente werden eingesetzt, um die Stabilität der Märkte zu erreichen.
Ein anderes wichtiges Standbein des Programmes ist die Einkommenspolitik
(Lohn, Preis). Es ist darum äußerst wichtig die Unterstützung aller gesellschaftlicher
Kreise zu erreichen.
Öffentliche Finanzen
Die Vorkehrungen, um die im Budget 2001 gesteckten Ausgabenziele (Netto-Budget
ohne Zinsen) zu erreichen, sind folgende:
- Die Preise importabhängiger Produkte, vor allem im Energie- und Ölsektor,
müssen ohne Zeitverzug an die Kursveränderungen angepaßt werden.
- Das automatische Preisermittlungssystem für Brennstoffe wird fortgesetzt
und die Benzinsteuer an den niedrigsten angestrebten Inflationsmaßstab
orientiert.
- Das Grundprinzip in der Landwirtschaftspolitik wird das System zur
Unterstützung einkommenschwacher Bauern sein. In diesem Rahmen werden
die Unterstützungspreise das angestrebte Inflationsziel nicht überschreiten
und mit einer an den finanziellen Möglichkeiten der Institutionen orientierten
Kürzung versehen.
- Die Lohn- und Bezügeerhöhungen für die staatlichen Beschäftigten werden
sich am Inflationsziel orientieren.
- Die nicht alle betreffenden und die Entgeldgerechtigkeit nicht berücksichtigenden
Einzelinteressen werden nicht berücksichtigt.
- Die Entgelte der Arbeiter im Staatsdienst werden in einer die Beschäftigung
nicht gefährdenden Weise auf der Grundlage der Tarifverträge aus den
Jahren 1999 und 2000 unter Beachtung der Voraussetzungen des Budgets
und der finanziellen Leistungsfähigkeit der Institutionen angehoben.
Dabei wird der Gesichtspunkt der Lohngerechtigkeit zwischen Beschäftigten
des öffentlichen Sektors einbezogen.
- Die im Dezember 2000 vereinbarten einkommensrelevanten Regelungen
werden eingehalten.
- Es wird eine gesetzliche Grundlage geschaffen, die besonderen Verpflichtungen
aus Bankkrediten von der Steuer abzusetzen.
- Die Einrichtung neuer Planstellen und Institutionen, die zu neuen
Ausgaben führen sowie gesteigerte Ausgaben ohne entsprechende Quellen
werden in keiner Weise auf die Tagesordnung gebracht.
- Es werden keine Personaltransfers zwischen den zu privatisierenden
Unternehmen sowie dem Fond-Sektor und dem vom Budget erfaßten Sektor
und Staatsbetrieben vorgenommen.
- Unter Beachtung der Effizient und Effektivität der Institutionen werden
alle Beschäftigte, die das Rentenalter erreicht haben, unter Beachtung
all ihrer Rechte, verrentet.
- In vom Finanzministerium als geeignet angesehenen Haushaltstiteln
werden Blokaden eingesetzt.
- Die Verzugszinsen von Steuerschulden werden unter Beachtung des marktüblichen
Zinsniveaus unter Beachtung des Aspekts der Verhinderung von Steuerflucht,
festgesetzt.
- Die Einführung der Steuernummern wird beschleunigt.
- Abgesehen von außergewöhnlichen Erfordernissen werden neue Investitionen
nicht aufgenommen und Ausschreibungen, die das Haushaltsjahr überschreiten
nicht vorgenommen.
- Neben der Einhaltung strikter Haushaltsdisziplin werden Wege untersucht,
die öffentlichen Einnahmen zu erhöhen. Die auf diese Weise geschaffenen
Spielräume werden genutzt, um die soziale Gerechtigkeit zu verbessern
und das Schuldenniveau zu senken.
Einnahmepolitik
- Es wird eine an das Inflationsziel orientierte Einnahmepolitik angewandt.
- Außerdem wird bei der Beschäftigungssicherung im Zuge der Privatisierung
und bei der Armutsbekämpfung eine mit internationalen Organisationen
koordinierte Strategie angewandt.
- Im intensiven Dialog mit Wirtschaftskreisen und Vertretern der Beschäftigten
wird eine angemessene Einkommenssteigerung verwirklicht. Die Feststellung
der öffentlichen Gehälter erfolgt in Abstimmung zwischen der Vereinigung
öffentlicher Arbeitgeber, der Staatlichen Planungsagentur, dem Finanzministerium
und dem Schatzamt in einer gemeinsamen Strategie.
- Der oberste Planungsrat wird regelmäßig tagen, der Wirtschafts- und
Sozialrat wird über die wirtschaftliche Entwicklung regelmäßig informiert
und durch Einzelgespräche mit den Vertretern sozialer Statusgruppen
über Löhne und Gehälte eine angemessene Entwicklung erreicht.
Privatisierung
- Um die Chancen für eine Privatisierung der Telekom zu verbessern,
wird folgendes unternommen:
- Die gesetzlichen Änderungen, die eine völlige Privatisierung unter
Vorsehung eines Blockanteils von 51 Prozent und dem Verkauf der übrigen
Anteile an die Beschäftigten und die Bevölkerung beinhalten, werden
schnellstens vorgenommen. Die Deregulationsmaßnahmen für die Erteilung
von Lizenzen für mehrwertschaffende Dienste werden beschleunigt.
- Die vordringlichste Aufgabe des Aufsichtsrates der Türkischen Telekom
ist, das Unternehmen auf die Privatisierung vorzubereiten und eng
mit der Ausschreibungskommission zusammenzuarbeiten.
- Es werden Vorarbeiten für den Verkauf der Lizenz für die dritte
Generation von Funktelefonen eingeleitet.
- Die Privatisierungen der Türkischen Luftfahrtgesellschaft (THY), des
Tabak- und Alkohlmonopolbetriebes (TEKEL) und der Zuckerfabriken werden
zügig fertiggestellt.
- Die Vorarbeiten zur Aufnahme neuer Einrichtungen in das Privatisierungsportfeuile
werden in Abstimmung zwischen der Privatisierungsverwaltung und dem
Schatzamt durchgeführt.
- Durch sofortige Änderung des Gesetzes zur Zivilluftfahrt wird die
THY von der Verpflichtung einer Preisbestätigung bei Inlandsflügen durch
die Regierung befreit.
Banksektor
Der Bankensektor gehört zu den im Rahmen des Programms am dringensten
zu lösenden Problemen. Der ohnehin problembehaftete Banksektor ist durch
die Krisen vom November 2000 und Februar 2001 weiter beschädigt worden.
Jetzt haben die Probleme eine Dimension erreicht, die die gesamte Wirtschaft
bedrohen.
Öffentliche Banken
Die öffentlichen Banken sind zur Zeit gezwungen, auf dem Tagesgeldmarkt
zu hohen Zinsen Kredite aufzunehmen. Dies ist die das Bankensystem am
stärksten bedrohende Gefahr. Um dieses Problem zu lösen muß für die drei
staatlichen Banken eine Quelle in der Größenordnung von 13 Katrillionen
TL gefunden werden. Um dieses Problem bis zu einem gewissen Grad zu lösen,
werden in der Größenordnung der aufgelaufenen Betriebsschulden unter Marktbedingungen
Staatsanleihenbriefe ausgegeben. Danach werden die Bilanzen der Staatsbanken
in dem Maße schrumpfen, wie diese Staatsanleihen beglichen werden. Ausländische
Kredite werden vordringlich zu diesem Zweck eingesetzt. Außerdem sind,
um den eingeführten Maßnahmen eine dauerhafte Wirkung zu verleihen, eine
Wiederholung zu verhindern und das Vertrauen der Märkte zu steigern, Strukturreformen
erforderlich:
- Die drei Banken erhalten einen gemeinsamen Aufsichtsrat, in den professionelle
Banker entsandt werden und der ohne politischen Druck arbeiten kann.
- Dem auf diese Weise konstituierten Aufsichtsrat wird durch die Bankenaufsichtsbehörde
eine Befugnis zur Neustrukturierung der Banken erteilt werden.
- Die Vereinigung der Emlak und der Ziraat Bank erfolgt im Rahmen des
Bankengesetzes.
- Es werden die nötigen Vorkehrungen für eine professionelles Fond-Management
des Aufsichtsrates getroffen.
- Danach werden den Staatsbanken keine Aufgaben mehr übertragen, die
zu Defiziten führen. Die Regierung wird für auf dem Bankwege für soziale
Zwecke für nötig befundene Beihilfen mit im Haushalt vorgesehenen Mitteln
begleichen. In diesem Rahmen werden die nötigen Änderungen von Gesetzen
und Verordnungen die die defizitären Aufgaben betreffen sofort durchgeführt.
- In dieser Reformphase werden nicht nur unter Betrachtung des öffentlichen
sondern des gesammten Bankwesens alle Anstrengungen unternommen eine
neue Perspektive zu entwickeln, die ein höchstes Maß an Effizienz insbesondere
für kleine und mittlere Wirtschaftsbetriebe ermöglicht.
- Grundsätzlich arbeiten die staatlichen Banken unter Marktbedingungen
und unter dem Primat der Gewinnorientierung. Darum werden weitere Filialen
geschlossen und Personal, das das Rentenalter erreicht hat, verrentet.
Unter Staatsgarantie genommene (verstaatlichte) Banken
Die Fondbanken werden hinsichtlich ihres Liquiditätsbedarfs nach einem
ähnlichen Verfahren behandelt wie die staatlichen Banken und Probleme
bereitende kurzfristige Verpflichtungen nach einem Plan beglichen.
Bei der Durchführung aller Maßnahmen bezüglich der Fondbanken werden
die im Dezember 2000 erteilten Garantien für Kapitaleigner und Kunden
aufrechterhalten.
Die gesetzlichen Grundlagen für die Eintreibung der Forderungen der Fondbanken
werden unverzüglich vorgenommen.
Die Lösung der Probleme der Fondbanken soll bis Abschluß des Kalenderjahres
2001 erfolgen.
Geldpolitik
Mit der Freigabe der Wechselkurse erhielt die Geldpolitik der Zentralbank
einen neuen Rahmen. Auch unter den neuen Umstände bleibt das vordringliche
Ziel der Geldpolitik die Preisstabilität. Zur Unterstützung des einzigen
und eigentlichen Zieles der Preisstabilität gehört auch die Gewährleistung
der Stabilität der Finanzmärkte zu den Prioritäten der Zentralbank. Zur
Schaffung von Stabilität auf dem Finanzmarkt ist die Lösung der Probleme
der Staatsbanken und die Verringerung des durch sie verursachten Drucks
sowie die Veröffentlichung der den gesamten Bankensektor betreffenden
Politik von großer Bedeutung.
Die Zentralbank wird im Rahmen der unten aufgeführten Ziele eine aktive
Geldpolitik anwenden. Demnach wird die Zentralbank unter Beachtung ihres
eigentlichen Zieles gemäß ihrer eigenen Bilanz das Bruttoinlandsprodukt
und die Devisenreserven als operationelle Ziel einsetzen. Die Zentralbank
wird durch eine an der Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts orientierte
Geldemission eine die Inflation erhöhende Geldmengenvergrößerung verhindern.
Auch wenn die Proportionen der Devisenreserven gemäß des alten Programms
in wesentlichem Maße gestört sind, werden sie zur Förderung der Kreditibilität
des neuen Programms als Signalmechanismus verfolgt und es ist erforderlich,
sie zusammen mit den Zielvorgaben für die Devisenreserven wahrzunehmen.
Im Kontext freigegebener Devisenkurse kann die Zentralbank durch Interventionen
kurzfristig extreme Schwankungen ausgleichen, sie wird jedoch nicht langfristig
seine Höhe bestimmen.
Das einzige und eigentliche Ziel, Preisstabilität zu gewährleisten, wird
im neuen Gesetz zur Stärkung der Stellung der Zentralbank offen und deutlich
festgelegt. Die Zentralbank wird ihre aktive Geldpolitik fortsetzen, das
Wirtschaftswachstum kontrollieren, ihren Einfluß auf mittel- und kurzfriste
Zinssätze wirksamer einsetzen und durch die Entwicklung der nötigen Voraussetzungen
zur Steuerung nach Inflationszielen übergehen.
Sofortige Maßnahmen
- Die Verabschiedung eines Nachtragshaushalts, der die Auswirkungen
der Februarkrise berücksichtigt sowie die Änderung im bestehenden Budget
(Limit der Neuverschuldung, Übernahme von Defiziten).
- Vornahme der erforderlichen Änderungen im Bankengesetz
- Vornahme der nötigen Gesetzesänderung für die Aufhebung der verbliebenen
Staatsfonds
- Änderungen im Konkursgesetz zur Erleichterung der Liquidierung von
Banken.
- Verabschiedung eines neuen, den Normen der EU entsprechenden Zentralbankgesetzes
- Verabschiedung eines Gesetzes, das den Blockverkauf von 51 Prozent
der Anteile an der Türk Telekom ermöglicht.
- Verabschiedung des Tabaks- und des Zuckergesetzes
- Verabschiedungen der Änderungen im Gesetz zur Regelung öffentlicher
Ausschreibungen sowie betreffend der Verstaatlichung
- Verabschiedung eines Schuldenaufnahmegesetzes
- Verabschiedung der erforderlichen Änderungen im Zivilluftfahrtsgesetz.
- Vornahme der erforderlichen Gesetzesänderungen sowie Änderungen in
Verordnungen die die Übernahme defizitärer Aufgaben betreffen.
- Änderung im Steuergesetz zur Ermöglichung der Steuerabzugsfähigkeit
von Bankkrediten.
|