Jahrgang 2 Nr. 0 vom 30.11.2001
 

Jetzt kostenlos!



 

Streit um Ausstrahlung des Film "Salkim Hanim'in Taneleri" im Staatsfernsehen TRT

Der Film hatte bereits vor zwei Jahren nach seinem Kinoerfolg für Diskussionen gesorgt. Er markiert eine wichtige Phase im Bemühen um die Verarbeitung und Bewertung der Politik der türkischen Republik gegenüber den nichtmuslimischen Minderheiten. Die Ausstrahlung des Filmes im Staatsfernsehen TRT hat nun zu einer neuen heftigen Polemik geführt. Der MHP Abgeordnete Cakar bewertet die Ausstrahlung des Filmes als 'Vaterlandsverrat' und erstatte Strafanzeige. Die Ausstrahlung des Filmes unterminiere die staatliche These, daß kein Völkermord an den Armeniern stattgefunden habe. Nun könnten die Armenier kommen undmit Hinweis auf den Film sagen, daß das türkische Staatsfernsehen selbst einen Beleg für die historische Unterdrückung der Armenier ausgestrahlt habe.

Pikanterweise stammt die Romanvorlage vom ANAP-Abgeordneten und Staatsminister Karakoyunlu, der Cakar vorwarf, das Buch nicht gelesen zu haben oder zumindest nicht verstanden zu haben.

Beängstigend ist vielleicht weniger die Diskussion selbst - trotz aller strafrechtlicher Drohgebärden, sondern die politische Haltung, die von Cakar zum Ausdruck gebracht wird. Läßt die MHP kaum eine Gelegenheit verstreichen, an die 'nationale Einheit' zu appellieren, so bemüht sie sich gleichzeitig darum, Druck auf Andersdenkende auszuüben. Cakar geht auf den historischen Hintergrund des Filmes überhaupt nicht ein. Er ist für seine Herangehensweise völlig nebensächlich. Selbst wenn Völkermord und Besitzsteuer wahr sein sollten, so gebiete es 'die nationale Einheit', dies abzuleugnen. Das Problem liegt aber doch gerade hier: Im Versuch zu leugnen, wird der Weg zum Selbstverständnis und dementsprechend auch dazu, verstanden zu werden, verbaut. Die Vertreibung und die Abwanderung eines Großteils der nichtmuslimischen Minderheiten hat die Türkei viel gekostet. Am schwersten wiegt dabei wohl der Verlust 'kulturellen Kapitals'. Kulturelles Kapital ist jedoch ein Schlüssel zu Innovation und Entwicklung - und ein Blick in die osmanisch-türkische Geschichte zeigt, welchen Beitrag Armenier, Griechen und Juden hier geleistet haben. Der Versuch, auf kulturellem Gebiet mittels Strafanzeige und Denunziation als 'Vaterlandsverräter' 'Homogenität' herzustellen, beschört Stagnation herauf. Wenn nicht schlimmeres.

 

 

Archiv

Zurück