Jahrgang 2 Nr. 2 vom 12.01.2002
 

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Die Krankheit ist diagnostiziert - die Therapie klar. Nun muß die Medizin eingenommen werden ...

Interview mit dem Generalssektretär von YASED, Abdülrahim Ariman (27.12.2001)

Die grundlegenden Informationen über YASED und Ihre Arbeit habe ich Ihrer Web-Seite entnehmen können. Vor einigen Wochen haben Sie aber in Zusammenarbeit mit der Weltbank einen Kongreß durchgeführt, bei dem es darum ging, wie die Rahmenbedingungen für Investitionen in der Türkei verbessert werden können. Würden Sie davon bitte etwas näheres berichten?

Die Konferenz war als Diskussionsplattform im Rahmen der eineinhalbjährigen Zusammenarbeit mit der Weltbankorganisation FIAS (Foreign Investment Advisory Service, eine Agentur der Weltbank) gedacht. Es gig um verwaltungstechnische Hemmnisse von Investitionen und die Feststellung der Defizite bei den Investitionsrahmenbedingungen in der Türkei. Wir haben den Kongreß veranstaltet, um die Ergebnisse der bisherigen Arbeit zu diskutieren und die nächsten Schritte zu planen. Die zweite Veranstaltung wird am 4. und 5. Februar in Ankara stattfinden. Dort ist die Zielgruppe Politiker und die Verwaltung. Bei dieser geplanten Veranstaltung wird die Information im Vordergrund stehen. Als dritter Schritt ist - sofern die Türkei die nötigen Schritte vollzieht - Ende Mai oder Anfang Juni eine große internationale Konferenz mit dem Vorsitzenden der Weltbank Wolfenson geplant, um die Ergebnisse der Welt mitzuteilen. Mit Wolfenson werden auch international prominente Unternehmerpersönlichkeiten erwartet. Die Anregung zu dieser Konferenz ging von Wolfenson aus, aber es wird gewartet, bis sich in der Türkei die angemessenen Rahmenbedingungen entwickelt haben. Zwei Studien von FIAS - "Zu den Rahmenbedingungen ausländischer Investitionen in der Türkei" und "Bürokratische Hemmnisse ausländischer Direktinvestitionen in der Türkei" - sind fertiggestellt, sie werden diskutiert und nun ist die Reihe an der Entwicklung von Maßnahmen zur Überwindung der Defizite - womit auch schon begonnen wurde. Das Schatzamt hat, gestützt auf den FIAS-Bericht, mit einem Projekt "Verbesserung der Rahmenbedingungen für Investitionen" begonnen, und einen Reformentwurf vorbereitet. Es wurde ein Koordinationsausschuß gegründet, der in 9 Untergruppen arbeitet. Der Ausschuß wird dem Kabinett Bericht erstatten. In dem Ausschuß sind drei Organisationen der Wirtschaft vertreten. Außer uns sind noch TÜSIAD (Türkischer Unternehmerverein) und TOBB (Dachverband der Türkischen Kammern und Börsen) vertreten. Auf Regierungsseite nehmen das Schatzamt, das Staatsekretariat für Außenhandel, die Staatliche Planungsagentur sowie das Finanzministerium teil.

Werden Sie die Ergebnisse der Tagung veröffentlichen?

Aufgrund der Kosten werden wir kein Buch herausgeben. Aber wer an den Präsentationen und Texten interessiert ist, kann sie von uns per E-Mail beziehen.

Auf der Web-Seite von YASED habe ich gesehen, daß YASED auch einen eigenen Bericht über das geringe ausländische Investitionsvolumen aufgestellt hat. Sie haben dort eine Reihe von Problemen festgestellt, die teilweise alle Investoren betreffen, teilweise aber auch nur für ausländische Investoren. Ist dieser Bericht nach wie vor aktuell?

Wir haben mit diesem Bericht vor einem Jahr begonnen, ihn aber stets aktualisiert, so daß sie ihn in der letzten Fassung dort finden können. Wenn es neue Entwicklungen gibt, wird der Bericht aktualisiert.

Das bedeutet auch, daß die dort aufgeführten Probleme nach wie vor vorhanden sind.

Ja.

Als ich in der Tageszeitung "Radikal" über den Kongreß las, wurden Sie mit den Worten zitiert, daß wenn die Hemmnisse für ausländische Investitionen behoben werden, die Türkei ein Niveau ausländischer Direktinvestitionen von 35 Milliarden Dollar erreichen könnte. Wie sind Sie auf diese Zahl gekommen?

Brasilien hat ein jährliches ausländisches Investitionsaufkommen von 33,5 Milliarden Dollar. China hat ein ausländisches Investitionsvolumen von 105 Milliarden Dollar. Wenn wir davon ausgehen, daß die Türkei den Rang 2 unter den sich entwickelnden Ländern einnimmt, kann man von einem Minimum von 35 Milliarden Dollar ausgehen.

Es wird viel über die Probleme gesprochen. Dabei treten vor allem Korruption und Bürokratie in den Vordergrund. Sehen die ausländischen Investoren die Türkei tatsächlich so?

Tatsächlich sieht ein Drittel der ausländischen Investoren in der Türkei das Land so. Im Bericht der FIAS werden als vordergründigste Themen Instabilität und Inflation genannt. Aber 35 Prozent der Befragten haben Korruption als das wichtigste Problem genannt. Alle finden es wichtig, aber ungefähr ein Drittel bewertet Korruption als das wichtigste Problem. Bürokratie muß im Zusammenhang mit Korruption gedacht werden. Wenn in der Struktur des Staates Bürokratie auftritt, stellt sich im Allgemeinen auch das Problem der Korruption ein. Das gilt aber natürlich auch im Umkehrschluß: Wenn die Bürokratie aufgehoben würde, sänke die Korruption auf das niedrigste denkbare Niveau.

Was wird eigentlich mit Bürokratie gemeint? In Deutschland beispielsweise seit Jahren über Bürokratie diskutiert. Dabei tritt aber immer wieder ein Dilemma auf: Auf der einen Seite gibt es schutzwürdige Interessen der Gesellschaft - wie beispielsweise den Umweltschutz - und auf der anderen Seite das Problem von Ineffizienz in der Staatsstruktur mit verteilten Befugnissen. Wo würden Sie die Probleme der Türkei auf dem Gebiet der Bürokratie verorten?

Das grundsätzliche Problem der Türkei ist die lange Verfahrensdauer. Es kann sein, daß die Zahl der nötigen Unterschriften in einem Genehmigungsverfahren in Deutschland und in der Türkei genauso groß ist. Aber Verfahren, die in Deutschland zwei Wochen oder einen Monat dauern, benötigen in der Türkei ein bis zwei Jahre. Niemand sagt, daß es keine Kontrolle des Umweltschutzes geben sollte. Aber sie muß schnell erfolgen und klare Ergebnisse bringen. Wenn ein Investor auch drei Jahre nach der Investitionsentscheidung nicht anfangen kann, wird es zu einer sinnlosen Bürokratie mit einem idealen Nährboden für Korruption. Wir sprechen dann nicht mehr von Bürokratie, sondern von Verwaltungshemmnissen. Leider sind die Bearbeitungszeiten in der Türkei im Vergleich mit anderen Ländern - der FIAS-Bericht enthält auch dazu Angaben - 8 bis 10mal solang. Und darum kann die Türkei, obwohl sie über die nötigen Voraussetzungen verfügt, um nach China die meisten ausländischen Direktinvestitionen anzuziehen, seine Potentiale nicht verwirklichen.

Wurde über die Ursachen der langen Verfahrensdauern geforscht?

Dazu sind einige Informationen in der FIAS-Studie über bürokratische Hemmnisse enthalten. Ein Grund ist Korruption, ein weiterer Protektion, Vorbehalte gegen Ausländer und ähnliches. Aber nur letzteres gilt speziell für Ausländer - alle anderen Hemmnisse betreffen alle Investoren. Manchmal ist es auch so, daß Investoren grundsätzlich skeptisch betrachtet werden und darum besonders intensiv geprüft wird. Darum hat in der letzten Zeit eine Kapitalflucht aus der Türkei eingesetzt. Nicht nur die ausländischen Investoren gehen, sondern auch die türkischen Unternehmer gehen nach Bulgarien und Rumänien. Warum? Weil ihnen dort gesagt wird, "Wenn du deine Maschinen in Istanbul einpackst und herbringst, bekommst du hier alle Genehmigungen". Das schafft attraktive Bedingungen, die es bei uns nicht gibt.

Sie haben kurz zuvor die Vorteile von Investitionen in der Türkei angesprochen. Worin bestehen die Vorteile des Standorts Türkei?

Zunächst ist die Türkei ein großer Markt mit 65 Millionen Menschen. Es ist eine junge Bevölkerung, die vor der Krise über eine Kaufkraft von 6500 Dollar verfügte. Heute ist sie auf ca. 4000 Dollar zurückgegangen. Gehörte die Türkei vor der Krise zu den 12 größten Märkten der Welt, so ist sie heute immer noch unter den ersten 20. Ein zweiter Faktor ist das Hinterland der Türkei. Sie liegt zwischen Osteuropa, Mittelasien und Nahost. Es gibt Verkehrsverbindungen und zum Teil auch kulturelle Bindungen wie die zu den mittelasiatischen Turkstaaten oder die muslimischen Beziehungen zu den arabischen Ländern. Es gab auch immer Beziehungen zu Griechenland und Bulgarien. Damit ist die Türkei ein guter Ausgangspunkt für Unternehmungen. Außerdem verfügt die Türkei über zwei Ressourcen, die für internationale Investitionsentscheidungen von großer Wichtigkeit sind: eine entwickelte Industrie und ein ausreichend ausgebildetes Arbeitskräftepotential. Im letzten Investitionsbericht der UN war in diesem Zusammenhang von den "backward linkages" die Rede: Ein Investor sucht eineinhalbjährigen Umfeld, in dem er die nötigen Ressourcen für sein Unternehmen beschaffen kann. Dies gilt für Materialien ebenso wie für Arbeitskräfte. In der Türkei ist beides vorhanden. Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen sind, trotz aller angesprochenen Mängel in der Umsetzung, günstig: Es gibt keine Beschränkungen für ausländische Investitionen. Erwirtschafteter Gewinn kann ins Ausland transferiert werden. Sie können eine hundertprozentig ausländische Firma gründen. Aber auf der anderen Seite gibt es die Probleme mit dem Steuerrecht - dieses und jenes Problem ...
Um auf die negativen Faktoren zu kommen: Seit 1994 herrscht in der Türkei politische Instabilität. Die Türkei befindet sich seit 20 Jahren in einer wirtschaftlichen Instabilität. Die Türkei hat eine der höchsten Inflationsraten der Welt und dies dauerhaft: steht ihr mal Brasilien oder mal Rußland zur Seite - in der Türkei ist die Inflation beständig hoch. Aus rechtlicher Sicht ist die Türkei besonders gehandikapt. Es gibt Probleme sowohl im gesetzlichen Rahmen als auch bei der Umsetzung. Und darüber hinaus hat sich in der letzten Zeit, vor allem seit Ausbruch der Krise, auch noch eine ablehnende Haltung gegenüber ausländischen Investoren herausgebildet.

Das ist ein neues Phänomen?

Es hat vor allem in den vergangenen zwei Jahren zugenommen. Wenn es um die Erklärung der Wirtschaftskrise geht, so gehört es zu den am häufigsten zu hörenden Sätzen:"Die Krise haben die Ausländer hervorgerufen. Die Stabilität der Devisenkurse wird durch die Ausländer verhindert. Sie wollen türkische Unternehmen billig aufkaufen und zumachen." Manche Kreise haben begonnen, diese Vorbehalte zu nähren. Das ist natürlich äußerst hinderlich und bedauerlich. Wenn man nun noch die Krise in der Türkei und die weltweite Krise nimmt, kommen bei dem ohnehin zurückgehenden Volumen ausländischer Investitionen weltweit auch keine in die Türkei.

Vor zwei Wochen gab es eine weitere Diskussion in den Medien: Die Türkei werde im Ausland nicht ausreichend präsentiert. Aus Irland war der Direktor der dortigen Investitionsförderungsagentur zu Besuch in der Türkei. Glauben Sie auch, daß die Vorteile von Investitionen in der Türkei im Ausland nicht genügend bekannt sind?

Um die Vorteile hervorheben zu können, müssen die Nachteile beseitigt werden. Solange die Probleme, über die wir gesprochen haben, weiterbestehen, können die Vorteile nicht in den Vordergrund treten. Zwar wird immer wieder davon gesprochen, daß die Türkei sich nicht ausreichend präsentiert, - aber die Türkei zu präsentieren ist auch gar nicht so einfach. Die Menschen im Ausland kennen die Defizite und wenn wir von den Vorteilen sprechen, weisen sie darauf hin, daß auch eine Menge Nachteile bestehen. Wenn sie ohne von den Nachteilen zu sprechen, nur auf die Vorteile hinweisen, zeigen sie nur eine Seite der Medaille, aber ihr Gegenüber kennt die andere Seite ...

Die türkische Regierung hat in diesem Jahr eine Reihe von Projekten begonnen, um die Attraktivität der Türkei für ausländische Investoren zu verbessern. Auf der Internetseite der Staatskanzlei findet sich sogar eine Liste mit Firmen, die auf der Suche nach Investoren sind. Was denken Sie über solche Kampagnen?

Der Erfolg solcher Kampagnen hängt von der Lösung der bestehenden Probleme ab. Die Ausländer kennen die Türkei sehr gut. Man muß ihnen zeigen, daß die Probleme und Schwierigkeiten behoben sind. Solange sie das nicht gemacht haben, bleiben alle Kampagnen wirkungslos. Wenn Sie China zum Vergleich nehmen - so kann die Türkei nur 1/7 der Investitionsmenge anwerben, obwohl es von den Voraussetzungen her gesehen, gleich danach kommt. D.h. Solange die Rahmenbedingungen nicht hergestellt sind - nicht bloßes Gerede davon, daß man der beste sei - können Sie die Menschen nicht überzeugen. Es bleibt also nur die Verbesserung der Rahmenbedingungen. Wenn gesehen wird, daß damit ernsthaft begonnen wird, kommen die Investoren auf jeden Fall. In der Vergangenheit war es immer so, daß in den Reformphasen auch die ausländischen Investitionen zunahmen. Was passiert, wenn Probleme auftreten, kann man aber sehen, wenn man die Türkei mit anderen Ländern vergleicht. Während in der Türkei das Niveau ausländischer Investitionen gleichblieb, stieg es in Brasilien um das 7fache.

Gibt es Ihrer Meinung nach eine kurzfristige Perspektive zur Überwindung der Probleme oder ist es nur langfristig möglich?

Beides. Wenn die richtigen Schritte gemacht werden und die Rahmenbedingungen geschaffen werden, wird die Türkei ausländisches Kapital anziehen. Aber von einem Tag zum anderen werden dabei nicht 35 oder 40 Milliarden Dollar herauskommen. Das wird sich langsam entwickeln. Der Grund ist, daß um die 35 oder 40 Milliarden Dollar zu erreichen, es nicht genügt, den gesetzlichen Rahmen zu verändern. Es muß ein investitionsfreundliches Klima geschaffen werden. Unser irischer Gast hat erklärt, daß dort jeder Taxifahrer um die Wichtigkeit ausländischer Investoren weiß und sich bewußt ist, daß er den Investor in seinem Taxi ordentlich behandeln muß. Wenn aber eine Ablehnung vorhanden ist - und bei uns ist die gegen ausländisches Kapital zu einer Kultur geworden, wir werden mit einer Paranoia vor Kapitulationen (Handelsprivilegien des Osmanischen Reiches an die europäischen Großmächte) aufgezogen - dann dauert es auch nach der Überwindung der anderen Schwierigkeiten noch, bis sich die ausländischen Investitionen voll entfalten. Aber zu Anfang kann die Türkei 5 oder 10 Milliarden Dollar im Jahr anziehen. Aber um mehr zu erreichen, müssen sich Einstellungen ändern. Weltweit gibt es eine Reihe von Investitionsagenturen, die damit Werben, daß sie Grundstücke und andere Anreize kostenlos zur Verfügung stellen. Wenn wir dies in der Türkei versuchten, würde es einen empörten Aufschrei geben, daß man den Ausländern auf den Leim geht. Unser irischer Gast hat erklärt, daß man dort eine Berechnung macht: Grundstückskosten, Kredithilfen usw. Nach 7 Jahren wird dann geprüft, was die Betriebsansiedlung eingebracht hat. Gibt es einen Überschuß, so war es eine richtige Entscheidung. In der Türkei ist der Übergang zu einer solchen Herangehensweise nötig.

Um zu einer solchen Veränderung zu kommen, bedarf es wohl gesellschaftlicher und politischer Diskussionen. Sehen Sie bei den politischen Parteien einen solchen Diskussionsbedarf? Kommen die Parteien auf Sie zu?

Das fängt langsam an. Vor nicht allzu langer Zeit tauchte in keinem Partei- oder Regierungsprogramm der Punkt "Förderung ausländischer Investitionen" auf. Nun ist es ins Regierungsprogramm aufgenommen worden. Es ist in eine Reihe von Parteiprogrammen eingegangen - nicht bei allen Parteien - aber es ist ein Anfang. Aber das genügt nicht. Um das Investitionspotential auszuschöpfen bedarf es eines gesellschaftlichen Konsensus dahingehend, daß ausländische Direktinvestitionen nützlich sind, und daß man Anstrengungen unternehmen muß, um sie einzuwerben. Natürlich wird es Gegenstimmen geben - wie in anderen Ländern auch - aber es ist wichtig, daß die Mehrheit davon überzeugt ist. Wenn dies gegeben ist, wird die Regierung und die Verwaltung beeinflußt. Wie hat man das in anderen Ländern gemacht? In Irland beispielsweise haben die politischen Parteien vor dreißig Jahren eine Grundsatzerklärung verabschiedet, daß ausländische Investitionen einen Grundpfeiler der Entwicklung des Landes darstellen und gefördert werden müssen. Wenn alle Parteien sich zu einer solchen Deklaration bekennen, dann vertrauen die Investoren darauf. In die Türkei ist ein solches Vertrauen nicht vorhanden: einer kommt und sagt "gut" - dann kommt ein anderer und erklärt "schlecht". Und bei der Türkei reicht es auch nicht zu sagen, ausländische Investitionen seien erwünscht, weil sich nicht mehr mit bloßen Worten zufriedengibt. Wenn will Handeln sehen. Erst sind alle für ausländische Investitionen, aber wenn es an die Umsetzung geht, treten unendliche Probleme auf. Die Gesetze können noch so gut sein. Wenn sie nicht entsprechend angewandt werden, ist das bedeutungslos. Gegen das vor 24 Jahren erlassene Gesetz zur Regelung ausländischer Investitionen ist ein gutes, modernes Gesetz, gegen das wir keine Einwände haben. Aber die Umsetzung funktioniert nicht. Damit wird den vorhandenen Unsicherheitsfaktoren in der Türkei ein weiterer hinzugefügt: man weiß im Ausland inzwischen, daß es in der Türkei nicht genügt, daß eine Gesetzesänderung vorgenommen wird. Unser Staatspräsident tritt auf und erklärt, daß in der Türkei Rechtstaatlichkeit hergestellt werden müsse. Das bedeutet aber auch, daß der höchste Repräsentant des Staates der Auffassung ist, daß in der Türkei heute keine Rechtsstaatlichkeit herrscht. Das heißt das in der Türkei unter rechtlicher Sicht ein schwerwiegendes Problem besteht.

Eigentlich ist zur Gewährleistung von Rechtstaatlichkeit ein gut funktionierendes Gerichtswesen erforderlich.

Dazu bedarf es einer Justizreform. Das ist die wichtigste Voraussetzungen. Wenn man sich auf das Rechtssystem nicht verlassen kann, gibt es keine Grundlage mehr für Vertrauen. Das gilt nicht nur für die Gerichte. Regierung und Verwaltung müssen gesetze geradlinig anwenden. Es darf keinen Unterschied zwischen der Charakteristik des Gesetzes und seiner Ausführung geben. Aber wenn das Gesetz sagt "mach dies" und man es nicht tut - dann verstößt man gegen das Gesetz. Dann braucht man die Gerichte. Aber auch hier haben wir Probleme. Die Gerichte sind ungenügend, die Richter sind unzureichend. Eine umfassende Weiterbildung von Richtern und Staatsanwälten muß vorgenommen werden. Im Bereich des Schutzes des geistigen Eigentums ist es vorgekommen, daß ein Raubdrucker festgenommen und vor den Richter geführt wurde und der sagte: "Der Raubdrucker verkauft zu niedrigen Preisen und ist darum für die Gesellschaft nützlich." Dabei hat in westlichen Gesellschaften der Schutz von Patenten und Copyright einen sehr hohen Stellenwert. Wenn sie Marken, Patente oder Copyright nicht schützen, kommen auch keine Investoren. Auch im Bereich Sicherstellung von fairem Wettbewerb gibt es Mängel. Auf der anderen Seite entspringen aus der unzureichenden Rechtsanwendung neue Probleme wie beispielsweise Bestechungen. Wenn also ein Staatspräsident erklärt, daß die Rechtsstaatlichkeit in seinem Land nicht gewährleistet ist, dann werden Investoren auch kein Vertrauen fassen - zumindest solange nicht, wie der Präsident nicht erklären kann, daß die Mängel behoben und der Zustand der Rechtstaatlichkeit erreicht worden ist.

In diesem Jahr hat die Türkei eine schwere Wirtschaftskrise durchlebt. Hat diese Krise auch Ihre Mitgliedsfirmen betroffen?

Sie hat sie sehr schwer betroffen. Zum Beispiel sind alle Automobilfabriken in der Türkei zugleich auch Mitgliedsfirmen von YASED. Diejenigen, die nicht für den Export produzieren, sind in eine sehr schwierige Lage geraten. Der Verkauf ist um 75 Prozent gefallen. Aber auch die anderen Hersteller von Gebrauchsgütern - seien es solche für den sofortigen Verbrauch oder langlebige Konsumgüter - sind schwer betroffen. In einem Land, in dem der Autoverkauf um 75 Prozent gesunken ist, können sie auch keine Kühlschränke verkaufen. Vielleicht ist der Automobilsektor wegen der hohen Anschaffungskosten von Autos noch ein wenig stärker betroffen. Bei der Krise von 1994 war es nicht so - aber jetzt haben die meisten Firmen Einbußen zu verzeichnen.

Hat es aus diesem Grund eine Kapitalflucht gegeben?

Bisher kann man von keiner Kapitalflucht sprechen. Aber es gibt Firmen, die abwandern. Das ist das erste Mal so. Aber eigentlich braucht man sich nicht zu wundern, wenn zu einer Zeit, in der türkische Unternehmen abwandern, sich auch die ausländischen Firmen aufmachen. Da die ausländischen Investoren jedoch eher auf längere Sicht planen, zeigen sie bisher noch Geduld. Alle sind in Abwartehaltung. Wenn sie in einem fremden Land eine Investition auf lange Sicht gemacht haben, dann ist es nicht leicht, abzuwandern. In der Türkei ist immer eine Hoffnung auf Verbesserung. Die Türkei wird nicht wie Argentinien. Es gibt die Unterstützung und das bedauerliche Ereignis hat - so tragisch es klingt - der Türkei genützt. Die daraus folgende Unterstützung hat die Verhandlungen mit dem IMF erleichtert. Und weil Hoffnung auf die Überwindung der Schwierigkeiten vorhanden ist, warten die Menschen ab. Aber das geht nicht endlos.

Was ist ihre wichtigste Erwartung für das kommende Jahr?

Wenn die Türkei die richtigen Schritte einleitet - und das muß sehr schnell und entschlossen erfolgen, um die Krise zu überwinden - dann wird sehr schnell ein Zustrom von Investitionen erfolgen. Wenn das nicht geschieht, dann werden sie nicht kommen. Sie sind allen Vorteilen der Türkei zum Trotz bisher nicht gekommen. Die Investitionen in der Türkei liegen unter denen in Malta oder Burkina Faso - das bedeutet, die Türkei hat ein Problem. Die Türkei muß dieses Problem genau lokalisieren - was eigentlich bereits geschehen ist. Die FIAS-Berichte haben sie hervorragend zusammengestellt. Die Diagnose für die Krankheit ist gestellt. Auch die Therapie ist klar - diese Medizin müssen Sie schlucken ... Wenn Sie gesund werden wollen, müssen sie die Medizin einnehmen. Nehmen Sie sie nicht ein, geht die Krankheit weiter und wird schwerwiegender.

Also sehen Sie das kommende Jahr als Umsetzungsjahr?

Wenn die vorbereiteten Schritte verwirklicht werden, und dafür setzen wir uns ein und arbeiten in den bereits angesprochenen Ausschüssen mit - dabei wird auch an die Gründung einer Investitionsagentur gedacht, wenn die Türkei die Botschaft geben kann, daß die Probleme in Ordnung gebracht werden - dann werden auch die Investitionen steigen.

Wenn ich mich an das Stabilitätsprogramm vom Vorjahr erinnere, dann habe ich es als eines in Erinnerung, das sehr einleuchtend wirkte und auf das große Hoffnungen gesetzt wurden. Als das Programm zusammenbrach sind gleich zwei Sachen mit zusammengebrochen: Zum einen die Stabilität - Devisenkurs, Zinsen usw. - und zum anderen Vertrauen und Hoffnung. Wenn beides zusammenbricht ist das Ausdruck einer tiefen Krise. Aber jetzt kommt langsam wieder Hoffnung auf. ...

Als das Programm im Frühjahr zusammenbrach, hatten wir diese Hoffnung nicht. Das wir sie jetzt wieder haben, ist äußerst erfreulich. Wir müssen aber alle Vorkehrungen treffen, damit solche Krisen nicht wieder auftreten können. Als im November 2000 das Stabilitätsprogramm ins Wanken kam, waren wir im Januar in der Hoffnung, das Problem gemeistert zu haben. Und genau da ist die Februarkrise ausgebrochen. Wenn es uns nicht gelingt, eine Wiederholung zu verhindern, können wir in Argentinien sehr gut verfolgen, was passiert. Die Türkei muß wieder zu Wachstum und mehr Beschäftigung übergehen. Die Probleme in Argentinien haben vor allem hier ihren Ausgangspunkt. Die Inflation in Argentinien ist negativ - die Preise fallen. Argentinien hat kein Außenhandelsdefizit. Wenn sie auf diese Fakten schauen und sich vorstellten, sie wären in der Türkei gegeben, dann wären alle Probleme gelöst. Aber eines der größten Probleme Argentiniens ist genauso wie hier die Korruption. Das zweite Problem ist, daß es Argentinien nicht gelungen ist, zum Wirtschaftswachstum überzugehen. Wenn das Wachstum stagniert und die Bevölkerung steigt - auch der Bevölkerungsanstieg ist mit dem in der Türkei vergleichbar - bleiben Menschen arbeitslos. Die Menschen können ein oder zwei Jahre Geduld haben, aber irgendwann kommt es zur Explosion. Gelingt es darum der Türkei nicht, ein Wirtschaftswachstum zu gewährleisten, werden hier die gleichen Probleme auftreten.


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