Murat Kurnaz: Für 3000 Dollar in die US-Hölle verkauft
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Von Claus Stille

Am Montag dieser Woche um 22.45 Ur trat erstmals der in Bremen lebende Türke Murat Kurnaz vor deutsche Fernsehkameras, um in der Sendung "Beckmann" der ARD in einem Interview mit dem Journalisten Reinhold Beckman über seine fast fünfjährige Inhaftierung im völkerrechtswidrigen US-Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba und der Vorgeschichte dazu Auskunft zu geben.
Die US-Behörden hatten Murat Kurnaz vor kanpp zwei Monaten den deutschen Behörden übergeben.

Murat Kurnaz wirkte entgegen früheren Fotos fülliger. Vielleicht entsteht dieser Eindruck dadurch, dass Herr Kurnaz nun lange, bis zur Schulter reichende Haare und einen bis fast zum Bauch langenden Bart trägt.
Er hat noch Schwierigkeiten große Schritte zu machen.
Seine Augen leuchten nicht auch nicht mehr so wach und jugendlich unbekümmert frisch wie früher. Hinter dem ernsten Blick, in dem auch etwas von beunruhigender Angst aufscheint, kann der Betrachter nur einen Bruchteil davon ahnen, was dieser inzwischen 24-jährige Mann erlebt hat.
Von Reinhold Beckmann auf Haartracht und Bartwuchs angesprochen, antwortete Murat Kurnaz, als Gläubiger Moslem trage er beides entsprechend der Sunna (Brauch; wie es im Islam nach dem Religionsstifter Mohammend üblich ist).

Als ihn die US-Amerikaner die Nachricht von seiner Freilassung übermittelten, glaubte der Guantanamo-Häftling dies erfahrungsgemäß nicht. Denn das hatten sie ihm nicht nur einmal in den fünf Jahren versprochen.
Befragt darüber, was mit ihm während der Haft geschehen ist, hat Murat Kurnaz bislang noch niemand aus seinem engeren Umfeld. Weder Freunde noch seine Familie. Murat ahnt: sie wollen ihn nicht an das Schlimme erinnern, was ihm angetan wurde.

Am 3. Oktober 2001 flog der damals 19-jährige Kurnaz von Frankfurt/Main nach Karatschi. Ein Jahr vorher hatte er, dessen Eltern keine sonderlich religöse Menschen sind,  plötzlich seine religösen Wurzeln entdeckt.
Er, der früher wie viele andere junge Menschen auch Diskotheken besuchte, entschied sich nun stattdessen für den Besuch in der Moschee.
Zu viele seiner Freunde hatte er an Drogen und Alkohol verloren.
Die Eltern Rabiye und Metin Kurnaz mögen sich nicht sonderlich über die in Murat erwachte Religiösität Sohnes gefreut haben - respektiert aber haben sie es allemal.
Vor seiner Abreise heiratete ihr Sohn in der Türkei noch ein siebzehnjähriges Mädchen.
Am vierten Tag, nachdem Kurnaz in Pakistan eingetroffen war, begann der Krieg der USA gegen Afghanistan.

Wie er es sich vorgenommen hatte, besuchte der Türke aus Bremen eine bekannte Koranschule in Pakistan. Die Menschen von dieser Missionsbewegung dort seien freundlich und immer nett zu ihm gewesen. Vorstellen, dass dort auch Terroristen verkehrten oder von ihnen unterstützt wurden, kann er sich nicht.
Als seine Studien und damit seine Reise am 1. Dezember 2001 beendet sind und er auf dem Weg zum Flughafen ist, um nach Deutschland zurück zu fliegen, wird er als einziger Hellhäutiger bei einer Kontrolle durch die pakistanische Polizei aus dem Bus gefischt. Auf dem Revier wird er ausgefragt, ob er US-Bürger oder Journalist aus Deutschland oder ob er ein Polizist sei.
Schließlich wird Kurnaz an die USA ausgeliefert. Offenbar sogar verkauft: für 5000 Dollar! (Später wird ihm ein US-Vernehmer auf Guantanamo sagen, dass es "nur" 3000 Dollar waren)

Weihnachten 2001 bringt ihn das US-amerikanische Militär nach Kandahar in Afghanistan. Man wirft Kurnaz vor, Mitglied von Al Kaida zu sein.
Für den jungen Mann beginnt der Weg in die Hölle.
Er wird tagtäglich geschlagen. Muß mit anderen Gefangenen nackt in der Kälte stehen oder sitzen. Folter aller Art müssen sie über sich ergehen lassen. Auf einem eingeblendeten Foto des "Stern" erkennt Herr Kurnaz genau das Lager, in welchem er eingesperrt gewesen war.
Dort hatten sie ihm die Hände gefesselt, an Ketten aufgehängt. "Man wird alle paar Stunden umgehangen", berichtete Murat Kurnaz, "damit man noch nicht stirbt und noch ausgefragt werden kann."
Seelisch und körperlich sei er ein paar Mal kurz an der Grenze vorm Sterben gewesen. Manchmal in Ohnmacht gefallen. Er erhielt Elektroschocks und wurde wieder und wieder mit dem Kopf unter Wasser getaucht. Und es setzte Schläge zuhauf. Wenn er zugäbe, er sei von Al Kaida, versprach man ihm, dass Schluss mit alldem sei. Er aber sagte ihnen, er würde nicht lügen.
Kurnaz sollte Papiere unterschreiben, worin stand, er sei von Al Kaida. Doch Murat tat ihnen diesen Gefallen nicht.
Er war völlig abgemagert, spürte überall am Körper nur noch Schmerzen.
Als ihm und die anderen die US-Schergen auch noch mit Erschiessen drohten, wobei sie ihnen Pumpguns an die Köpfe hielten, hätten sie nur gelacht: denn sie waren ja längst so gut wie tot. Das Erschiessen wäre für sie dagegen eine Erlösung gewesen.

Die US-Soldaten warfen ihm vor, sein Visum für Pakistan gefälscht und Kontakt zum Terrorpiloten Mohammed Atta gehabt zu haben und zu wissen, wo sich Al Kaida-Chef Bin Laden aufhält.
Murat Kurnaz aber konnte ihnen nur sagen, weder mit dem einen noch mit dem anderen je zutun gehabt zu haben. Erst recht nichts mit den Anschlägen des 11. September 2001 auf das World-Trade-Center in New York.

Dann erzählt Kurnaz von einer Begegnung mit zwei deutschen Militärs im US-Lager von Kandahar. Er hatte sie anhand ihrer anders aussehenden Uniformen und der deutschen Flagge daran erkannt.
Sie sagten zu ihm in perfektem Deutsch, er habe sich "die falsche Seite ausgesucht". Er musste sich die Hände auf den Rücken fesseln lassen. Die US-Amerikaner brachten ihn hinter einen LKW und ließen ihn dort mit dem Kopf nach unten auf den Boden fallen.
Dann hätten ihn die deutschen Soldaten an den Haaren gezogen und gefragt: "Weißt Du wer wir sind?" Ohne seine Antwort abzuwarten, hätten sie gesagt, sie seien
die "deutsche Kraft. KSK." (das Kommando Spezialkräfte, eine Sondereinheit der deutschen Bundeswehr, die in Afghanistan stationiert ist und im Geheimen operiert und höchstwahrscheinlich auch den USA zuarbeitet; d.A.).
Dann ließen sie ihn wieder auf den Boden knallen und lachten über ihn. Einer hat ihn noch getreten. Murat Kurnaz sagte Reinhold Beckmann, er würde diese beiden Männer jederzeit ganz bestimmt wieder erkennen.

Am 2. Februar 2002 wurde der Gefangene Kurnaz dann ausgeflogen. Aber nicht in die Türkei, wie er zuerst dachte, sondern - wie sich später herausstellte - unter schrecklichen Bedingungen nach Guantanamo auf Kuba. Der Flug dauerte über zwanzig Stunden.

Dort begann der zweite Teil der Fahrt in die Hölle. Schon während der Busfahrt ins Camp verabreichten ihn seine Bewacher wieder Schläge und Tritte.
Da schließlich mussten alle Neuankömmlinge stundenlang im Schneidersitz und mit verbundenen Augen auf dem Boden verharren.
Dann landete Murat Kurnaz in einem winzigen Käfig im Freien. In der unbarmherzigen Hitze. Ohne Waschbecken. Ohne Toilette. Er dachte dies sei nur vorübergehend. Als er einen benachbarten Gefangenen mit Händen und Füßen befragt (denn dieser versteht weder Türkisch noch Englisch), wie lange er denn schon da drin sei, zeigt dieser ihm mit den Fingern: Zwanzig.
Kurnaz dachte also: 20 Stunden. Doch es stellt sich heraus, er hatte 20 Tage gemeint!

Die Gefangenen wurden ständig verlegt. Kurnaz alle zwei Stunden. Damit man nicht einschläft. Wer dennoch einschläft, wurde von den US-Wächtern mit Pfefferspray traktiert und geschlagen, gefesselt und dann abermals verlegt.
Das ging mehrere Wochen so. Ab und zu ging es wieder mal zum Verhör. Dort sicherte ihm der Vernehmer zu, wenn er zugäbe, was sie von ihm verlangten, hätte alles ein Ende.
Doch Murat Kurnaz gab nichts zu. Und unterschrieb auch nichts. Das Vertrauen in seinen Gott, sagte er, habe ihn die nötige Geduld und körperlich-geistige Kraft dazu gegeben.

Im ersten Brief, den er den Eltern nach Bremen schicken darf, erwähnt er von all der furchtbaren  Drangsal nichts. Er hatte es zuvor versucht. Doch Karten oder Briefe mit derlei, den US-Behörden natürlich nicht genehmen Inhalt, hatten keinerlei Chance auf Beförderung in die Heimat. Für soetwas hagelte es höchstens Schläge. Oder sogenannte
"Wärme-Kälteschocks" in der Zelle mittels Klimaanlage.
Murat nahm auch einmal an Hungerstreiks der Gefangenen teil. Für den Fall hat sich das unmenschliche System auf Guantanamo spezielle Plastikstühle ausgedacht und bauen lassen. In denen sitzen dann die Nahrungsverweigerer in unbequemer Stellung. Die Zwangsernährung findet über extra große Schläuche statt, welche man brutal durch die Nase einführt. Bei Herrn Kurnaz drei Mal solange und schmerzhaft, bis er stark blutete...

Es dauerte lange bis er dort einen ersten Besuch von drei deutschen Beamten erhielt. Einer von denen hatte zynisch zu ihm gesagt, er sei "hier auf einer karibischen Insel und solle sich erstmal entspannen".
Er kam später 2004  noch einmal allein zu ihm ins Lager. Seinen Namen nannte er nicht.

Zu diesem Zeitpunkt des TV-Gesprächs bat Reinhold Beckmann Murats Mutter, Rabiye Kurnaz, an den Tisch. Sie wollte bisher keine Einzelheiten über die Haft ihres Sohnes erfahren, auch nun im Fernsehen nicht, weshalb sie sich außerhalb des Studios aufgehalten hatte.
Die Frau hatte fünf Jahre alle Kraft daran gesetzt, ihren Sohn wiederzubekommen. Sie schrieb Briefe an den US-amerikanischen Präsidenten, den deutschen Außenminister Joschka Fischer und den türkischen Außenminister.

Nun hat die Mutter ihren Sohn zwar wieder. Aber richtig, wie Frau Kurnaz mit bewegenden Worten erzählte, noch immer nicht. Denn die schlimmen fünf Jahre haben ihren Murat sehr zurückhaltend werden lassen. Das braucht sicher noch Zeit. Die schlimme Islolationshaft blieb nicht ohne Folgen.
Die Mutter bedankte sich zum Ende der Sendung ausdrücklich bei Bundeskanzlerin Angela Merkel, die sich entgegen ihrem Vorgänger Gerhard Schröder, bei ihrem Besuch im Februar 2006 bei US-Präsident G.W.Bush für den Bremer Kurnaz einsetzte. Und bei allen anderen, die sich um ihren Sohn bemüht haben.

Später stießen noch Siegfried Kauder, der Vorsitzende des BND-Untersuchungsausschusses des Deutschen Bundestages, zur Runde, sowie der deutsche Rechtsanwalt von Murat Kurnaz, Bernhard Docke, und der Journalist Hans Leyendecker.

Bernhard Docke erhob noch einmal schwere Vorwürfe gegen die deutschen Behörden. Denn schon 2002 hätte Kurnaz frei sein können. Die USA hielten ihn damals bereits für unschuldig.
Auch die deutschen Behörden schätzten damals ein: der Bremer stellt keine Gefahr für Deutschland dar.

Der Journalist Leyendecker weiß von den drei deutschen Beamten, die Kurnaz auf Guantanamo vernommen hatten (wobei dieser sich auf deren Vorschlag hin und natürlich um endlich nach Hause zu kommen, bereit erklärte,  als V-Mann für den Verfassungsschutz zu arbeiten).
Nachdem die Beamten aber zurück in Deutschland waren, habe man doch an der Zuverlässigkeit Kurnaz' gezweifelt. Und verfolgte die Sache nicht weiter. Weil man sich auch sagte: der ist ja auch kein Deutscher, sondern Türke. Sollten sich doch die Türken darum kümmern.
All das wurde unter hochkarätigen Staatsdienern abgehandelt und beschlossen: der damalige BND-Chef August Hanning, Geheimdienstkoordinator Ernst Uhrlau und der damalige Kanzleramtsminister und heutige Außenminister Frank-Walter Steinmeier bildeten die Runde.

Als das erwähnt wird, bemängelte Siegfried Kauder - der sich im übrigen zu keiner persönlichen Eintschätzung des Falles einließ, sondern sich die ganze Zeit über hinter seinem Amt des Vorsitzenden des U-Ausschusses versteckte - dass wohl die Presse "glaubt, die Politik treiben zu müssen."
Der Journalist Leyendecker glaubt das nicht, sondern dass es "gut wäre, wenn die Politiker selbst an Aufklärung interessiert wären."
Es reiche nicht, den Fall Kurnaz als eine Frage von Pech und Unglück und was da sonst noch zusammengekommen ist hinzustellen. Alles müsse bis ins Letzte aufgeklärt werden. Überdies stellte Leyendecker die berechtigte Frage: "Wer geht heute hin und entschuldigt sich bei dem Mann?" (bei Murat Kurnaz, d.A.)

Eine berechtigte Frage. Denn, wie Anwalt Docke sagte, habe es von Seiten der deutschen Bundesregierung bisher keine Geste gegenüber Herrn Kurnaz gegeben.
Einzig habe der Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen Murat Kurnaz besucht und in Bremen wieder willkommen geheißen.
Den Rechtsanwalt hätten, als er den Bericht, warum sein Mandant 2002 nicht freigekommen sei, gelesen habe, "das Entsetzen und die kalte Wut gepackt".
Immer wieder habe er sich die Jahre bei der Bundesregierung für Kurnaz eingesetzt. Dort jedoch habe man sich immer wieder "hinter dem türkischen Pass versteckt" und gesagt, ihnen seien die Hände gebunden.
Nun aber sei klar: die Bundesregierung hatte eine Möglichkeit 2002 seinen Mandanten "aus Guantanamo herauszuholen". Aber, dass diese "fahrlässig nicht wahrgenommen wurde", sei "eine schwere historische Verantwortung", die auf der alten rot-grünen Bundesregierung liege.

Murat Kurnaz ist Ungeheuerliches widerfahren. Er möchte wieder ein ganz normales Leben wie vorher führen. Möglicherweise im gelernten Beruf des Schiffbauers arbeiten.
Und der 24-jährige möchte auch wieder heiraten.
Denn die Frau, die er 2001 heiratete ist - wie er erst bei seiner Rückkehr nach Deutschland erfuhr - inzwischen von ihm geschieden.
Zum Schluß sagte Murat, er unterscheide sich nicht von anderen in Deutschland. Er sei hier geboren und aufgewachsen und fühle sich als Deutscher.

Möge er sich hier auch wieder von ganzen Herzen wohlfühlen können
Eine Vorausetzung dafür ist sicherlich auch die Auflösung aller in seinem Falle aufscheinenden Rätsel und die klare Benennung der vorgekommenen Ungeheuerlichkeiten. Wenn einige Begebenheiten sich tatsächlich bewahrheiten sollten, stünde Deutschland ein handfester Skandal ins Haus.
Aber dieses reinigende Gewitter muss sein, wollen in Zukunft solche unakzeptablen und eines demokratischen Rechtsstaates unwürdigen Entgleisungen vermieden werden.

Die Sendung war um 0.00 Uhr zu Ende. Man schlief nicht gut danach...