Die Stimme von Unten
Paylaş

Kleinster Fernsehsender der Welt kommt seit 10 Jahren aus Berliner Wohnzimmer

von Claus Stille

Ali Yildirim tanzt gewissermaßen auf vielen Hochzeiten. Er ist im türkischen Krämerladen in Berlin-Kreuzberg an der Ecke ebenso zu Hause, wie auf dem grossen politischen Parkett der deutschen Bundeshauptstadt.

Dortselbst kann es beispielsweise schon einmal passieren, dass Yildirim während der Pressekonferenz des Außenministeriums plötzlich den Finger hebt, um eine Frage zu stellen.

Und die kann es in sich haben. Es ist durchaus gegeben, dass sie, so sachlich sie auch durch fundierte Recherchen unterfüttert sein mag, gleichzeitig so unerwartet scharf und brisant formuliert aus dem Munde des Fragestellers geschnellt kommt, dass schon Unruhe ausgelöst werden kann. Weil sie einigen politischen Sprengstoff beinhaltet. So etwas verstört zuweilen.

Schließlich sind heutzutage Journalisten fast flächendeckend Mangelware geworden, die noch bereit und die Lage versetzt sind, sich als tatsächliche Vierte Gewalt im Staate zu verstehen. Die es sich der Sache zuliebe noch leisten können und gar wagen aus dem üblichen Trott, Mainstreamjournalismus genannt - eine der Krankheiten unserer Zeit - auszubrechen. Wer so verfährt, ruft Aufmerksamkeit hervor. Kolleginen und Kollegen drehen dann auch gleich aufgescheucht und verwirrt die Köpfe. Auf einmal ist es nach all den üblichen Routineplänkeleien, die kaum noch jemanden vom Hocker zu reißen, möglich die Luft plötzlich wie elektrisiert flirren zu hören.
Doch Außenminister Joschka Fischer ist bekanntermaßen selten aus der Ruhe zu bringen.

Allenfalls wird er die Brille ab- und sein zerknirscht-zerknittertes Gesicht aufsetzen und vielsagend in die von einer Frau, Yildirims Mitarbeiterin Claudia Dantschke nämlich, hochgehaltene Handkamera blinzeln und mit vielsagend brüchiger Stimme etwas mehr oder weniger verbindliches ins vorgehaltene Mikrofon sagen.

Herrn Yildirim von AYPA-TV wird jedoch der Minister seine Frage nicht wesentlich anders beantworten, wie den restlichen Vertretern der grossen Fernsehanstalten.

Einzig wird möglicherweise in der Mimik seines Gesichts gar etwas Hochachtung für Ali Yildirim aufschimmern.

Das ist doch etwas. Immerhin.

Denn Ali Yildirim hat keinen grossen Apparat hinter sich, wie all die anderen. Was nicht gerade ein Vorteil ist.

Aber er hat dafür auch keine Chefredakteure, Produktionschefs und Aufsichts- oder Rundfunkräte im Nacken. Was wiederum kein Nachteil zu sein braucht...

Was allerdings letztlich sicher nichts daran ändert, dass die Antwort des Vizekanzlers in Yildirims Ohren ebenso diplomatisch verbrämt klingt, wie in denen der anderen Medienvertreter. Höchstens eine Spur höflicher vielleicht. Den Rest muß sich jeder zusammenreimen. Ist Interpretationssache.

Aber ist nicht dabeisein alles?

Und Ali Yildirim ist dabei! Daran gibt es nichts zu Rütteln.

Nun schon seit zehn Jahren.

Als der gebürtige Istanbuler 1970 ins damalige Westberlin kam, nahm er ein Studium an der dortigen Technischen Universität auf.

Später arbeitete der Druck-Ingenieur als Korrespondent türkischer Zeitungen.

Dann wurde er vereidigter Dolmetscher.

Vielleicht wurde er besonders durch die damalige aufmüpfige '68er-Generation politisiert und geprägt. Gerade in Westberlin steppte ja diesbezüglich der Bär...

Auf jedem Fall aber fiel dem Manne auf, dass "im türkischen Berlin", wie Ali Yildirim es der Süddeutschen Zeitung gegenüber nennt, der investigative Journalismus fehlte.

Und an den türkischen Medien gefiel ihm der Verlautbarungsjournalismus, die Hofberichterstattung (Yildirim) nicht. Und die national bis nationalistisch daherkommenden Veröffentlichungen türkischer Massenblätter und elektronischer Medien waren dem Diplomingenieur erst recht ein Dorn im Auge. Eine Idee wardt geboren...

1993 ging es dann los. AYPA-TV (AYPA = Ali Yildirim Presse & Werbeagentur) ging täglich eine Stunde auf Sendung. Auf dem lokalen Spreekanal. Die erste Sendung erblickte am 27.2.1993 das Licht der Welt.

Yildirim erhielt Hilfe von der studierten Arabistin Claudia Dantschke, die zuvor bei der DDR-Nachrichtenagentur ADN (Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst) tätig gewesen und nach ihrer Arbeitslosigkeit in einer ABM (Arbeitsbeschaffungsmaßnahme) gelandet war.

Das Wohnzimmer ist Studio- und Technikraum zugleich. Videokamera und Mischpult - viel mehr ist nicht nötig. Ein riesiges Equipment sucht man bei AYPA-TV auch außerhalb des Wohnzimmerstudios vergebens. Handkamera und Mikro reichen. Geschnitten und produziert wird dann daheim.

So ist es bis heute. Auch zehn Jahre danach ist die finanzielle Decke äußerst dünn. Sogar die Sendezeit musste gekürzt werden.
Aber AYPA-TV ist noch da.
Ein David unter den Goliaths. Ali Yildirim hat es schwarz auf weiß: AYPA-TV ist nachgewiesenermaßen der kleinste Fernsehsender der Welt. So steht es immerhin im Guinessbuch. Und die müssen es ja wissen.
David heißt für das Yildirim/Dantschke-Team nicht, dass sie sich unterbuttern lassen. Auch nicht, wenn es gefährlich wird.

Da wird mutig ein Berlin-Spiegel gemacht, der für alle da sein will, die toleranter sein wollen. AYPA-TV fand heraus, dass die Islamische Föderation Berlin, die nach einem jahrelangen Rechtsstreit seit Oktober letzten Jahres als anerkannte Religionsgemeinschaft den Islamunterricht an Berliner Schulen erteilen darf, Verbindungen zu der vom deutschen Verfassungsschutz wegen radikaler Umtriebe beobachteten Islamistischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) hat.
Natürlich wehrte IGMG sich gerichtlich. Zeichen dafür, der Wohnzimmersender hatte in ein Wespennest gestochen. Vergeblich. Inzwischen entschied ein Gericht: der kleinste Fernsehsender der Welt darf bei seinen Behauptungen bleiben.
Das war nicht der einzige Fall.

Deshalb wird Ali Yildirim auch schon einmal "Der türkische Bednarz" genannt. Klaus Bednarz leitete jahrelang das beliebte und, von manchen - aus gutem Grund - auch - gehaßte politische Magazin "Monitor" im Ersten Deutschen Fernsehen ARD.

Mit dem ehemaligen "Monitor"-Chef teilt der gebürtige Istanbuler nicht nur die Vorliebe für Strickpullover. Auch er möchte den Dingen auf den Grund gehen...

Wenn Ali Yildirim kritisch gegenüber den Ansichten und Handlungen seiner Landsleute ist, muss er sich sich hin und wieder auch mal als Nestbeschmutzer beschimpfen lassen.

Andererseits aber ist Yildirim in seiner Funktion als Werbefachmann bei seinen Handel treibenden türkischen Landsleuten wiederum herzlich willkommen.

Ob ein Spot für einen türkischen Supermarkt, eine Dönerbude oder die Reklame für das Spezialitätenrestaurant irgendwo in Berlin - für die AYPA-Leute ist das kein Problem. Sie sind zur Stelle. Machen ihre Arbeit. So gut sogar, dass es sich herumspricht. Ali Yildirim ist längst kein Unbekannter mehr.

Auch seine "grossen" Fernsehkollegen berichten schon einmal gerne über den David, den Exoten Ali Yildirim, der den Kampf gegen die Goliaths der Medienwelt nicht scheut.

Auch wenn die Schulden wachsen, man deshalb nicht immer ganz aktuell sein kann, die Sendezeit gekürzt werden mußte, die Beiträge in unregelmäßigen Abständen gesendet werden und stets abhängig von den nötigen Werbeeinnahmen sind, was die Existenz des kleinsten Fernsehsenders der Welt immer etwas bedroht: AYPA-TV denkt nicht daran, aufzugeben. Das könnte seinen Feinden auch so passen!
Diese mutige Haltung verdient Respekt. Nachmachen ist erwünscht!

Es geht um Integration, Bildungsprobleme, die Beziehungen der Türkei zu Deutschland und umgekehrt und den Alltag der Berliner nichtdeutscher Herkunft.
Die Berichte sind vorwiegend auf Deutsch. Und mögen die Sendungen von AYPA-TV nicht immer so flott und locker über den Sender gehen, wie die der grossen Fernsehfunker - es könnte alles in allem in unserer manchmal schon all zu aalglatt gewordenen Medien(un)welt sogar als ein sympathischer Aspekt zu Buche schlagen: Denn AYPA-TV ist eine Stimme von Unten, selbstbewußt gemacht von Fernsehenthusiasten, die für ihre Sache (und die Sache ihres Publikums) brennen.
Das ist den Sendungen anzusehen.
Den Zuschauern von AYPA-TV und namentlich seinen Machern sind - mindestens - weitere zehn Jahre zu wünschen.
Trotz knapper Kassen und mitunter böser Zungen wider sie!
Klagen nicht auch die Großen darüber?