Istanbul Post

Die Devisen-Krise

Der neue Absturz der Türkischen Lira begann genau zur Monatswende. Ausgelöst wurde der Kursverfall vor allem durch die Verhängung von Sanktionen gegen zwei türkische Minister durch die US-Regierung. Zwei weitere Sanktionen haben das Gesetzgebungsverfahren weitgehend durchlaufen.

Während der Unternehmerverband vor diesen Ereignissen noch betont hatte, dass jeder Dollar-Kurs über 4,30 TL jeder ökonomischen Logik widerspräche und "spekulativ" sei, erreichte der Kurs bereits zum Wochenbeginn die psychologisch wichtige Schwelle von 5 TL. Am 10. August beschleunigte sich der Wertverfall auf 12 Prozent gegenüber dem Vortag und erreichte einen Spitzenwert von 6,30 TL pro Dollar.

Angesichts dieser rasanten Entwicklungen ist niemand in der Lage einzuschätzen, wie die Entwicklung weitergeht. Angesichts der schnellen und hohen Schwankungen dürften die normalerweise eingesetzten statistischen Schätzmethoden kaum zuverlässig sein.

Was ist passiert?

Das hohe Niveau der Devisenschulden des türkischen Privatsektors, das die Einnahmen um 217,3 Mrd. Dollar übersteigt, war bereits seit mehr als einem Jahr problematisiert worden. Hinzu kommen Kreditrückzahlungen in Höhe von 69,5 Mrd. Dollar bis zum Jahresende. Hierbei entfällt ein Anteil von 51 Mrd. Dollar auf die Banken, der Rest auf Unternehmen außerhalb des Finanzsektors.

Betrachtet man die Zahlungsbilanz, so zeigt sich auch im Juni erneut, dass die internationalen Anlagen auf den Finanzmärkten zurückgegangen sind. Das Niveau der internationalen Direktinvestitionen ist seit Jahren auf ein niedriges Niveau zurückgefallen. Die einzigen positiven Nachrichten sind, dass zum einen das Zahlungsbilanzdefizit im Juni rückläufig ist und zum anderen die Einnahmen aus dem Tourismus stark angestiegen sind.

Stark angestiegen ist jedoch auch der internationale Index für Kreditausfallrisiken. Mit einem CDS von 400 Punkten erreichte die Türkei die bisher schlechteste Bewertung.

Und die Folgen…

Solange sich die Kurse nicht wieder stabilisiert haben, kann eine detaillierte Einschätzung der Folgen nicht vorgenommen werden. Es ist aber äußerst unwahrscheinlich, dass die Türkische Lira selbst bei einer umfassenden Beilegung der Konflikte mit den USA auf ihr altes Niveau zurückkehrt.

Bereits zuvor hatte der Wertverlust von Mai/Juni 2018 zu einem sprunghaften Anstieg der Erzeugerpreise geführt. Bisher ist dieser Anstieg jedoch nur zum Teil auf die Verbraucherpreise durchgeschlagen. Es ist anzunehmen, dass in den kommenden Monaten der Anstieg der Inflation alle bisherigen Schätzungen übersteigt.

Eine zweite Folge ist die Belastung der Unternehmensbilanzen. Es wird davon ausgegangen, dass aufgrund der stark gestiegenen Finanzierungskosten die Unternehmen ihre Aktivitäten drosseln werden. Eine weitere Reaktion ist die bereits in vielen Sektoren eingetretene Verlängerung der Zahlungszeiträume, die weitere Finanzierungsrisiken für die Gläubigerunternehmen birgt. Höhere Inflation und ein absehbarer Beschäftigungsrückgang wiederum dürfte der Preis sein, den die Bevölkerung erwartet.

Suche nach Auswegen

Während sich die Spekulationen häufen, die Türkei müsse sich um Hilfe an den Internationalen Währungsfond IMF wenden, beginnt die Diskussion in der Türkei langsam das Für und Wider von Zinserhöhungen zu überschreiten. In der Wirtschaftszeitung Dünya entwarf Güven Sak, der Leiter des Think Tanks TEPAV der Union der türkischen Kammern und Börsen, die Umrisse einer Strategie. Ausgangspunkt müsse zunächst sein, den aktuellen Wertverlust der Türkischen Lira zu dämpfen. Dazu sei erforderlich, keine weiteren Zweifel an der Unabhängigkeit der Zentralbank aufkommen zu lassen und klare Regeln für den Staatshaushalt aufzustellen. Als zweiten Punkt nennt er die Wiederherstellung des Ansehens der türkischen Justiz. Neben diesen beiden Schritten als "Erste Hilfe" bedarf es eines mittelfristigen Programms, das insbesondere die Reform des Bildungswesens und der Hochschulbildung in den Mittelpunkt stellt. Ein weiterer Schritt wäre im Zuge der Entwicklung des Präsidialsystems die lokalen Verwaltungen aufzuwerten. Und schließlich benötige die Türkei eine neue "Story", d.h. attraktive Leitgedanken, die international zu Investitionen im Land beitragen.

Doch so interessant die Programmskizze klingt – die Verwirklichung dürfte schwierig werden. Zwar spricht auch Staatspräsident Erdoğan von einer Justizreform, doch haben die letzten Reformen immer darauf gezielt, die Kontrolle über Richter und Staatsanwälte zu erhöhen. Zwar verfügt der Staatspräsident über Erfahrung in der Kommunalpolitik und die AKP über eine Tradition, die Kompetenzen kommunaler Verwaltungen aufwerten zu wollen. Doch hat die Politik der letzten Jahre immer auf eine weitere Zentralisierung der Entscheidungsstrukturen gezielt.

Ob die AKP schließlich unter wirtschaftlichem Druck bereit ist, sowohl in der Rechts- als auch in der Kommunal- und Wirtschaftspolitik pragmatische Kurskorrekturen durchzuführen, ist offen. Angesichts des stark beschädigten Vertrauens wird man vermutlich zunächst konkrete Fortschritte sehen wollen, bevor man Absichtserklärungen Glauben schenkt.