Istanbul Post

Die

Die vielen Gesichter einer Krise

"Einen Kasten Feigen umsonst für alle, die 100 Dollar tauschen. Es lebe die Türkische Lira" (Devisenkampagne eines Obsthändlers in Istanbul-Ümraniye am 16. August 2018)

Noch wird nur zaudernd von einer Krise gesprochen. Aber der Begriff "Kurs-Krise" fällt häufiger. Von "Krieg" und "Spekulation" ist die Rede. Doch dies ändert wenig an den schweren Kursverlusten der Türkischen Lira.

Die Folgen für den Alltag sind zunächst nur bei genauerem Hinsehen erkennbar. Interesse an einem elektrischen Moped? Der Blick auf die Webseite eines türkischen Herstellers zeigt, dass die zuvor in TL angegebenen Preise in Dollar geändert wurden. Dahinter steht vermutlich, dass der einheimische Hersteller einen großen Teil seiner Teile aus dem Ausland importiert und hier nur zusammenschraubt.

Dies gilt für sehr viele Produkte – von Textilien und Bekleidung bis hin zu Maschinen und Anlagen. Nur haben nicht alle Sektoren die Chance, ihre Preise in Devisen anzugeben.

Doch vermutlich trifft die Entwicklung zunächst den Handel und dann die Erzeuger. Bereits in der vergangenen Woche war gemeldet worden, dass die Zolllager überquellen, weil bestellte Waren mit Blick auf die Devisenkurse nicht abgeholt werden. Da diese Waren nicht zum Spaß bestellt wurden, wird sich dies in absehbarer Zeit im Verschwinden von Waren aus den Regalen oder in Produktionsausfällen niederschlagen.

Betrachtet man die Entwicklung aus der Sicht von Industrieunternehmen, stellt sich nicht nur beim Bezug von Importteilen ein Problem. Auch die Finanzierungskosten sind gestiegen. Zum einen haben sich für Unternehmen, die in TL verkaufen, Devisenkredite als ausgesprochen teuer erwiesen. Zum anderen haben sich in den vergangenen Monaten jedoch auch aufgrund der steigenden Zinsen die TL-Kredite als zunehmend teuer herausgestellt. Die Chance, die erhöhten Kosten an die Endabnehmer abzugeben, hat sich aufgrund rückläufiger Nachfrage verringert.

Wirtschaftsverbände klopfen bei der Regierung an. Beihilfen sind gefragt, die Nachfrage muss gesteigert werden, um eine Kettenreaktion zu vermeiden. So ist meist die Argumentation. Doch Finanzminister Albayrak hat erst am 10. August versprochen, dass drastische Einsparungen vorgenommen und die Haushaltsbilanz verbessert werde.

Und so mutiert die Kurs-Krise in eine Produktionskrise.

Dass US-Präsident Trump die Rede von Albayrak nutzte, um seinen Zoll-Tweet abzusetzen, war eine offensichtliche Böswilligkeit – aber wirksam. Doch auch ohne die Intervention aus Washington hätte die Rede vermutlich wenig zur Stabilität der Türkischen Lira beigetragen. Albayrak hatte bereits vor der Rede darauf hingewiesen, dass sie sich um die Leitgedanken des neuen Wirtschaftsprogramms drehen werde, nicht aber das Wirtschaftsprogramm enthalte. Zu den konkreten Aspekten gehörte, dass der Finanzminister davon ausgeht, dass in diesem und im kommenden Land ein "soft landing" der überhitzten türkischen Wirtschaft erfolgen soll. Es komme dann eine Phase des nachhaltigen Wachstums von weiteren zwei Jahren und schließlich die zweijährige Phase der gerechteren Verteilung. Auch wenn sich niemand an der Einschätzung von jeweils "zwei Jahren" aufgehalten hat: allein die Ankündigung, dass die Regierung von ihrer Doping-Politik beim Wachstum ablassen wolle, wurde als "zufriedenstellen" wahrgenommen. Um einen wirksamen Schutz vor weiter rückläufigem Investorenvertrauen bieten zu können, hätte die Rede jedoch konkretere Hinweise auf Schritte und Maßnahmen enthalten müssen.

Zu den makabren Details gehört dabei, dass die Befürworter des Präsidialsystems die ganze damit argumentiert haben, dass schnelle Entscheidungen getroffen werden. Doch das ganze Wirtschaftsmanagement seit der Präsidentschaftswahl zeigt, dass alle Maßnahmen, die kein Geld kosten, aber den Verfall der TL stoppen könnten, auf die lange Bank geschoben werden. Dazu gehören insbesondere plausible Schätzungen und Vorgaben für volkswirtschaftliche Indikatoren, allen voran Wirtschaftswachstum, Zahlungsbilanz und Inflation.

Doch Staatspräsident Erdoğan lässt sich so leicht nicht unterkriegen. Eine Durchhalterede folgt der anderen. Der Ton schwankt zwischen Trotz und Pathos auf der einen Seite und Drohungen auf der anderen.  In der Zwischenzeit haben Bankaktien zu Beginn der Nachmittagsperiode der Börse Istanbul um 15 Prozent an Wert verloren.