Istanbul Post

Konjunkturprognosen

Auch wenn die politisch Verantwortlichen nicht müde werden zu erklären, dass die Auswirkungen der Währungskrise vom August nur kurzfristig zu wirtschaftlichen Belastungen führten, deuten einige Analysen darauf hin, dass sowohl die Dimension als auch die Dauer beträchtlich unterschätzt werden. In einem Beitrag auf seiner Webseite hat der Wirtschaftsjournalist Uğur Gürses eine Analyse der Zahlungsbilanz vorgenommen. Neben dem Ergebnis vom August 2018, in dem die Zahlungsbilanz erstmals seit drei Jahren wieder einen Überschuss auswies, greift er dabei außerdem den Zeitraum April-Juli und April-August heraus.

Vorboten

Gürses greift für seinen Vergleich vier Werte aus der Zahlungsbilanz auf: das Bilanzergebnis, die Bilanz des Finanzkontos, den Rechenfehler (Devisen ungeklärter Herkunft) sowie die Reserven. Entscheidend für die Bilanz des Finanzkontos ist einfließendes Kapital aus dem Ausland. Gürses zeigt, dass bereits mit der Entscheidung zu vorgezogenen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen im April der Devisenzufluss stark zurückgeht. Im Zeitraum April-Juli 2018 weist die Bilanz des Finanzkontos einen Überschuss von 4,6 Mrd. Dollar auf. Im Vorjahreszeitraum waren es noch 18,82 Mrd. Dollar gewesen. Das Zahlungsbilanzdefizit sank gegenüber dem Vorjahreszeitraum um rund 1,1 Mrd. Dollar auf 16,778 Mrd. Dollar. Finanziert wurde das Defizit mit Devisen ungeklärter Herkunft in Höhe von 7,904 Mrd. Dollar sowie einem Rückgang der Reserven um 4,626 Mrd. Dollar.

Im August 2018 weist die Zahlungsbilanz zwar einen Überschuss von 2,592 Mrd. Dollar auf, doch zeigt die Bilanz des Finanzkontos einen Devisenabfluss von 14,354 Mrd. Dollar. Der Rückgang der Reserven lag bei 8,075 Mrd. Dollar. Im Zeitraum April bis August liegt der Gesamtrückgang der Reserven bei 12,701 Mrd. Dollar.

Das Ergebnis der Devisenverknappung war ein dramatischer Wertverfall der Türkischen Lira. Gürses charakterisiert die Entwicklung im August 2018 als "plötzlichen Stopp" (des Devisenzuflusses), der von internationalen Finanzinstitutionen als eine der größten Bedrohungen für die türkische Volkswirtschaft bewertet wird.

Betrachtet man die Ursachen hinter dieser Entwicklung, so greift die Erklärung mangelnden Vertrauens der internationalen Anleger in das türkische Präsidialsystem als Hauptursache vermutlich zu kurz. In diesem Zeitraum wurde zugleich auch über die Struktur der türkischen Auslandsschulden sowie über die Zinserhöhung der US-Zentralbank (FED) diskutiert.

Doch auch wenn man die nicht-politischen Faktoren in die Analyse einbezieht, ergibt sich kein ermutigendes Bild für die weitere Entwicklung: FED kündigt weitere Zinserhöhungen an, die US-Handelspolitik führt weiterhin zu Verunsicherungen insbesondere im Hinblick auf die Wahrnehmung der Stabilität von Schwellenländern und die Struktur der türkischen Auslandschulden lässt sich nicht kurzfristig verbessern.

Dies führt zu dem Schluss, dass auch wenn die Türkische Lira nach der Freilassung des US-Pastors Brunson und Bemühungen, die Beziehungen zu den USA wieder zu verbessern, wieder an Wert gewonnen hat, diese Stabilisierung vermutlich nicht nachhaltig ist.

Konsequenzen für die Industrie

Auch zu den Auswirkungen der Währungskrise auf die Wirtschaftssektoren liegen erste Daten vor. Die Industrieproduktion ist August um 1,7 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gestiegen. Bereinigt um kalendarische und saisonale Einflüsse ist sie jedoch um 1,1 Prozent gegenüber dem Vormonat gesunken. Kommentatoren gehen davon aus, dass dieser Rückgang sich in den kommenden Monaten fortsetzen wird.

Zudem gibt es aus zwei wichtigen Industriesektoren schlechte Nachrichten. Sowohl beim Kraftfahrzeughandel als auch bei Haushaltsgeräten ist der Absatz seit Jahresbeginn um 16 Prozent zurückgegangen. Es ist davon auszugehen, dass dieser Trend auch in den kommenden Monaten anhält, sollte nicht erneut aus politischen Gründen mit Steuersenkungskampagnen die Nachfrage wieder anzukurbeln.

Spannend dürfte sich in diesem Zusammenhang die Verhandlung um die Neufestsetzung des Mindestlohns gestalten. Bereits jetzt fordern Gewerkschaften unverzüglich eine Anhebung auf über 2000 TL. Die Unternehmen, die auf der einen Seite mit einem Anstieg der Erzeugerpreise um rund die Hälfte und politischem Druck zur Senkung der Preise ausgesetzt sind, werden kaum bereit sein, eine solch starke Erhöhung zu tragen. Doch gelingt nicht eine annehmbare Lastenverteilung, steht sowohl der soziale Frieden in Gefahr als auch eine Stagnation der Binnennachfrage im Raum.