Istanbul Post

Das

Das Geld und das wirkliche Leben

Folgt man Devisenkursen, Börse und Zinsen, so befindet sich die türkische Wirtschaft in einem deutlichen Aufstieg. Doch Produktion und Beschäftigung sprechen eine andere Sprache. Die jüngsten Zahlen zur Zahlungsbilanz sind ein Beispiel. Das Defizit ist stark gesunken und beläuft sich für das ganze Jahr 2018 auf 27,6 Mrd. Dollar. Die Kehrseite ist, dass mit den gesunkenen Importen auch die Produktion sinkt. Im Dezember sank die Industrieproduktion um 9,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat und um 1,4 Prozent (bereinigt um saisonale und kalendarische Einflüsse) gegenüber dem Vormonat. Im dritten Quartal 2018 erreichen die Produktionseinbußen ein Niveau von 7,5 Prozent. Parallel dazu steigt die Arbeitslosigkeit (saisonbereinigt) über 12 Prozent.

Ein Detail der Zahlungsbilanz

Auch wenn man nicht unbedingt von einem Boom auf den Finanzmärkten sprechen kann, spiegeln Börse und Devisenkurse deutlich größere Stabilität wider als die Realwirtschaft. Dazu tragen verschiedene Faktoren bei. Mağfi Eğilmez wies in einem Beitrag auf seiner persönlichen Webseite darauf hin, dass zwei Drittel des Zahlungsbilanzdefizits 2018 durch Devisen unbekannten Ursprungs bezahlt wurden. Das übrige Drittel ging auf Kosten der Zentralbankreserven. Eğilmez hebt hervor, dass ein solches Verhältnis die Frage umso dringender macht, um was es sich bei diesen unregistrierten Zuflüssen handeln könnte. Er geht davon aus, dass es sich um Bankguthaben von Türken im Ausland handelt, die angebrochen werden, um Verpflichtungen in der Türkei zu begleichen (Was voraussetzt, dass die Zahlung nicht auf dem Weg einer internationalen Überweisung erfolgt).

Doch der Aufschwung türkischer Werte (Aktien und Wertpapiere) wird nicht unbedingt mit volkswirtschaftlichen Indikatoren, sondern vor allem mit dem steigenden Realzins erklärt. Solange die türkische Zentralbank an ihrer Hochzinspolitik festhält, bleiben Anlagen in der Türkei attraktiv und gewinnt die Türkische Lira an Stabilität bzw. Wert. Die Kehrseite der Medaille: ohnehin rückläufige Wirtschaftsaktivitäten werden von hohen Finanzierungskosten begleitet.

Kosten der Verschleierung

Die Diskrepanz zwischen Finanzmärkten und den realen Wirtschaftsaktivitäten ist nicht unbedingt Türkei-spezifisch. Maßgeblich für die breitere Bevölkerung ist dabei jedoch die Realwirtschaft. Und hier wird mit einigen temporären Maßnahmen versucht, die Lage positiver darzustellen als sie ist. Es ist nicht nur verpönt, von Krise zu sprechen, es kann einem auch den Vorwurf des Landesverrats einbringen. Und wurde zunächst mit Kontrollen und Druck versucht, die Inflation unter Kontrolle zu bringen, so tritt nun Staats-Dumping hinzu. Ironisch hat dies bei einem türkischen Kommentator zu der Feststellung geführt, die Türkei sei weltweit das  einzige Land, in dem Brücken und Autobahnen vom Privatsektor erstellt, Obst und Gemüse jedoch vom Staat verkauft werden.

Die Kosten für eine solche Bewältigungsform sind mindestens dreifach: (1) Der Versuch, Kosten zu verschleiern, verursacht neue Kosten, die in ungeklärter Höhe die öffentlichen Haushalte belasten (z.B. durch Übernahme von Transport- und Personalkosten beim Gemüsehandel durch Kommunen oder Zinssubventionen durch Staatsbanken). (2) Die Weigerung, sich mit Ursachen für die Wirtschaftsprobleme auseinanderzusetzen verzögert nachhaltige Lösungen. (3) Bis Ende März wird diese Haltung der Politik noch mit nachsichtigem Verständnis angesichts der bevorstehenden Kommunalwahl aufgenommen. Doch niemand ist sich sicher, ob es bei den aktuellen wirtschaftspolitischen Konzepten wirklich nur um die Kommunalwahl geht oder ob sie nicht auch danach angewendet werden.