Istanbul Post

Der

Der Hahn von Denizli

Auf einem Hügel über Denizli steht nun ein 16 Meter hoher Metall-Hahn. Den Kopf in die Höhe gestreckt, stolz wie seine Erbauer. Für jemanden, der unter der beeindruckenden Metallmasse des Hermann-Denkmals in Detmold aufgewachsen ist, hat mich das Bild auf den ersten Blick fasziniert. Und dann ist da noch der Hahn von Akbaba, wo ich heute lebe…

Beruhigend zivil

Die eigentliche Veränderung im Stadtbild von Istanbul begann vor mehr als 10 Jahren, wenn ich mich recht entsinne. Gigantische Fahnenmasten wurden entlang des Bosporus aufgerichtet. Und es wurde mit Wohlwollen auch von nicht wohlwollenden Kreisen vermerkt, das der damalige Ministerpräsident Erdoğan beim Gruppenbild bei Staatsbesuchen nicht auf die türkische Fahne trat, mit der man ihm seinen Platz anzeigte. Doch von dahin bis zu dem Satz "Es ist erst das Blut, das für sie vergossen wurde, die die Fahne zur Fahne macht" war es noch ein weiter Weg.

Der Hahn von Denizli ist gewiss gigantisch, doch ist er zugleich auch zivil. Stolz erklärt der Bürgermeister, zu dessen Projekten das Monument gehört, dass man sich beim Guinness Buch der Rekorde bewerben werde, denn es ist die größte Skulptur eines Hahns auf der Welt. Ich denke, er hat gute Chancen – wer würde einen größeren stählernen Hahn bauen wollen?

Er ist auf jeden Fall von jedem Platz der Stadt zu sehen. Und dies ist gut so, denn der Hahn ist das Wahrzeichen der Stadt. Denizli ist berühmt für seine besonderen Hähne. Sie krähen laut und anhaltend.

Der Hahn von Akbaba

Der Hahn von Akbaba dagegen mag vielleicht der Sorte nach auch ein Denizli Hahn sein. Doch er hat es nicht leicht. Als Dorf vor der Stadt sieht man verschiedenes Geflügel. Doch es gibt auch Einwohner, die nicht unbedingt praktische Ziele mit den Tieren verbinden. Und so ist direkt neben dem Supermarkt des Ortes auf einer Freifläche ein Tiergehege entstanden. Dort tummeln sich Enten, Hühner und Truthähne. Sie sind eine Attraktion für alle, die vorbeikommen. Es macht Spaß, ihnen zuzuschauen.

Doch die gefiederte Multikulti-Gesellschaft funktioniert nicht immer problemlos. Der Hahn des Truthahnpaares bemüht sich, seine Männlichkeit zur Schau zu stellen. Er spreizt sein Gefieder und stolziert durch das Gehege. Und wie kann Mann seine Männlichkeit besser unter Beweis stellen als durch die Überlegenheit über einen anderen Mann? Doch aus Mangel an anderen Truthähnen muss er sich an einen Hühnerhahn halten. Und so steht er da, hoch erhoben über den Hühnerhahn, spreizt sich und gluckst. Leicht rempelt er ihn durch das Gehege. Der Hühnerhahn dagegen bewahrt Haltung. Hoch reckt er den Kopf und weicht nur, soweit er muss. Vielleicht ist er so ein Beispiel für Würde und Widerstand?

Doch man sollte nicht übertreiben. Wäre der Hühnerhahn in der Position des Truthahns – er würde es wohl genauso machen.