Istanbul Post

Eine

Eine Momentaufnahme vom Bürgerkrieg in Syrien

Nach einer Offensive der Regierungstruppen Anfang Mai und wochenlangem Bombardement haben der Al Kaida Ableger HTS (dunkelgrün) und oppositionelle Milizen (hellgrün) am 6./7. Juni eine Gegenoffensive begonnen. Sie erzielten einige Geländegewinne im Norden der syrischen Provinz Hama. Ein russischer Beobachtungsposten wurde evakuiert. Ein Kampfflugzeug der Regierungstruppen wurde angeschossen, konnte jedoch auf einem Regierungsflughafen notlanden. Ein kleiner roter LKW am unteren Rand der Karte ist mit der Meldung verbunden, dass die Zivilbevölkerung aus dem Kampfgebiet flieht.

Was wir alles nicht wissen

Die einzelnen Angaben zum Verlauf der Kämpfe zeigen, dass sowohl HTS als auch die übrigen Milizen der Opposition über westliche Waffen – z.B. TOW-Raketen - verfügen. Da der Luftraum über den letzten von der Opposition kontrollierten Gebieten durch die russische Luftabwehr kontrolliert wird, können diese Waffen nicht auf dem Luftweg an die Milizen gekommen sein. Eine Seeverbindung besteht nicht. Die einzige Landgrenze verläuft zur Türkei bzw. den von der türkischen Armee kontrollierten Gebieten in Nord-Syrien. Im Mai war ohnehin gemeldet worden, dass die türkische Regierung Waffenhilfe an die Milizen geleistet habe. An wen und in welchem Umfang bleibt jedoch offen.

Auch das Ziel der Oppositionsoffensive ist unklar. Naheliegend ist, dass psychologische Ziele verfolgt werden. Während der syrischen Regierung und ihren Verbündeten klar gemacht wird, dass die Milizen trotz wochenlanger Bombardierung kampffähig sind, wird den Anhängern der Milizen in Idlib gezeigt, dass etwas unternommen werden kann.

Vermutlich wäre der Kampf um das letzte von der Opposition kontrollierte Gebiet im Nord-Westen von Syrien bereits im vergangenen Jahr beendet worden. Doch es ist von 2,5 Millionen Menschen die Rede, die aus ganz Syrien hierher geflüchtet sind. Ihre einzige Fluchtalternative bei einer Einnahme von Idlib wäre die Türkei. Nicht zuletzt aus diesem Grund trafen die russische und türkische Regierung ein Abkommen. Der Angriff auf Idlib unterbleibt, es wird eine entmilitarisierte Zone geschaffen und die Türkei sorgt für eine Entwaffnung der Milizen.

Doch die Pufferzone wurde von beiden Seiten wiederholt verletzt. Und eine Entwaffnung der Milizen hat nicht stattgefunden. Die steigende Dosis der Gewalt kann in diesem Zusammenhang als Druckmittel verstanden werden, mit dem beide Seiten auf die Erreichung des vereinbarten Zustands hinwirken wollen.

Zu den humanitären Aspekten gehört dabei auch die Lage der Flüchtlinge in Idlib, die beschädigte und unzureichende medizinische Infrastruktur, das Nahrungsmittelproblem. Die Lage der Kriegsgefangenen beider Seiten bleibt ein Geheimnis.

Die Menschen in Idlib sind Spielball eines großen Spiels, bei dem sich die internationalen Akteure viel Zeit lassen. Der politische Prozess zur Befriedung Syriens ist seit langem in einen Stillstand verfallen. Und weil es überwiegend Syrer sind, die sterben oder verstümmelt werden, ist der Druck auf die Regierungen, die offen oder verdeckt am Krieg beteiligt sind, gering.