Istanbul Post

Die

Die Stadtsanierung in Kirazlıtepe

Wörtlich übersetzt heißt der Name der zum Istanbuler Stadtbezirk Üsküdar gehörenden Siedlung "Kirschbaumhügel". Klingt schön… Die Siedlung liegt unterhalb des berühmten Aussichtsberges Çamlıca und blickt auf den Bosporus. Ich vermute, dass die Besiedlung in den 1970er Jahren begonnen hat. Es war die Zeit der Gecekondu, der über Nacht erbauten Häuser. Viele von ihnen sind über die Jahre auf ansehnliche Größen gewachsen. Gedanken über Statik und Bausicherheit hat man sich nicht gemacht.

Mit einer Presseerklärung vom 25. Juli 2019 hat die Bezirksverwaltung Üsküdar darauf aufmerksam gemacht, dass nun die zweite Phase der Stadtsanierung begonnen habe. Bisher seien 293 der 566 als "riskant" eingestuften Gebäude abgerissen worden. Bis 2021 sollen 1.900 neue Wohnungen errichtet werden. Diese Wohnungen sollen an die Besitzer der abgerissenen Häuser übergeben werden. Kosten werden ihnen keine entstehen erklärt Bürgermeister Hilmi Türkmen. Außerdem betonte er, es werde kein Haus gegen den Willen der Besitzer abgerissen.

Mit Beginn der Abrissarbeiten gab es immer wieder Presseberichte über Widerstände in der Siedlung. Dabei traten zwei Aspekte in den Vordergrund. Ein Anwalt der Anwohner erklärte, es gäbe keine Garantien dafür, dass die neuen Wohnungen tatsächlich kostenfrei an die alten Besitzer abgegeben würden. Der zweite Grund ist die Belastung durch die Abrissarbeiten. Neben großer Staubentwicklung wurde den Berichten zufolge der Bauschutt über längere Zeit einfach liegen gelassen. Man fürchtet sich vor Ungeziefer.

Folgt man den Abbildungen, die der Presseerklärung des Stadtbezirks beigefügt war, so die Siedlung nach der Neubebauung dann so aus:

 

Das Finanzierungsmodell für solche Stadtsanierung besteht in der Regel aus der Schaffung zusätzlichen Wohnraums. Durch dessen Verkauf sollen dann Abriss- und Neubaukosten finanziert werden. Dieser Weg scheint auch in Kirazlıtepe gewählt worden zu sein. Die abgebildeten Häuser umfassen fünf Stockwerke, vorherrschend ist zurzeit in der Siedlung eine Bebauung von 3-4 Stockwerken. Vorgesehen sind den Illustrationen zufolge breite Straßen. Dagegen scheinen die Häuser recht eng beieinander zu stehen. Ob einem die gewählte Architektur gefällt, ist ein treffliches Diskussionsthema. Der springende Punkt ist wohl aber, dass niemand im Vorfeld gefragt wurde.

Das andere Problem ist das Management des Übergangsprozesses. Die Menschen in Kirazlıtepe leben in den kommenden drei Jahren inmitten von Baustellen. Neben Dreck und Lärm bedeutet dies zudem einen bedeutenden Baustellenverkehr. Und wenn man von Dreck spricht, sollte man sich die Warnungen vor Augen halten, dass der anfallende Staub nicht nur lästig, sondern teilweise auch giftig ist. Ob im Vorfeld der Abrissarbeiten die Gebäude auf die Verwendung von asbesthaltigen Baustoffen geprüft wurden, bleibt offen. Es ist jedoch wenig wahrscheinlich, weil diese Kontrollen in den meisten Fällen unterbleiben.

Ein anderes Fragezeichen ist der Verkehr und die übrige Infrastruktur nach Fertigstellung des Projektes. Wie viele zusätzliche Wohnungen geschaffen werden, lässt sich der Pressemitteilung nicht entnehmen. Nur das Gesamtvolumen von 1.900 Wohnungen ist angegeben. Der vergleichsweise zentralen Lage zufolge dürften die Wohnungen insbesondere für den gehobenen Mittelstand interessant sein. Selbst wenn bei der Planung an die Errichtung zusätzlicher Parkplätze gedacht wurde, dürfte das eigentliche Problem im zusätzlichen Verkehr bestehen. Und dann bleibt noch die Frage, ob auch an eine Neudimensionierung von Trink- und Abwassersystemen sowie die Aufstockung der Stromversorgung gedacht wurde.

Warum die Skepsis? In der vergangenen Woche berichteten wir über eine Studie der Bahçeşehir Universität, die feststellte, dass 2018 der Verkehr in Istanbul langsamer lief als im Vorjahr. Die Ursachen dafür waren nicht Gegenstand der Studie, doch lassen sie sich vermutlich auf die Stadtplanung und Siedlungspolitik zurückführen.