Jahrgang 4 Nr. 47 vom 26.12.2008
 

Jetzt kostenlos!



 

Anders sein in der Türkei
Marginalisierung unter dem Akzent von Religion und Konservatismus

von Stefan Hibbeler

Eine von Prof. Dr. Binnaz Toprak, İrfan Bozan, Tan Morgül und Nedim Şener zusammengestellte Studie über Ausgrenzungserfahrungen nicht-konservativer Kreise in anatolischen Städten. Die Untersuchung wurde in Zusammenarbeit mit der Bosporus-Universität und des Open Society Institut erstellt.

Der Mitte Dezember 2008 veröffentlichte Bericht beginnt mit einer Auseinandersetzung mit Freiheit in traditionellen und modernen Gesellschaften. Während zum einen herausgestellt wird, dass individuelle Freiheit durch moderne Gesellschaften ermöglicht wird, wird zum anderen aber auch auf den Preis dieser Freiheit in Form höherer Anonymität hingewiesen. Als ein anderes Phänomen moderner Gesellschaften, das individuelle Freiheit bedroht, wird Totalitarismus aufgegriffen.

Die Untersuchung wurde in zwölf anatolischen Städten sowie den Istanbuler Stadtbezirken Sultanbeyli und Bagcilar durchgeführt. Bei der Auswahl der Städte wurde darauf geachtet, die Regionen der Türkei abzudecken – ausgespart wurden lediglich die Küstengebiete von Ägäis und Mittelmeer. Erfasst wurden 265 Männer und 136 Frauen, mit denen Tiefeninterviews geführt wurden. Der Kontakt zu den Interviewpartnern erfolgte über Organisationen vor Ort – beispielsweise die CHP, den Verein für den Gedanken Atatürks, Kammern, alevitischen Vereinen oder auch Frauenorganisationen. In jeder der zwölf untersuchten Städte war ein viertägiger Aufenthalt vorgesehen – Beobachtungen über die Städte sind in die verschiedenen Kapitel eingegangen.

Auf Grundlage der Interviews wurden Ergebnisse für verschiedene Gruppen zusammengestellt: junge Menschen, Aleviten, „laizistische Kreise“, Roma und Frauen. Ausgangspunkt war der im vergangenen Jahr vom türkischen Soziologen Serif Mardin in die Diskussion eingebrachte Begriff „mahalle baskisi“ (Nachbarschaftsdruck).
Ursprünglich war die Intention, tatsächlich sich auf gesellschaftlichen Druck zu beschränken. Angesichts der Erzählungen der Interviewpartner, die auch von staatlichem Druck berichteten, wurde jedoch diese Dimension in Verbindung mit der Kommunalpolitik der AKP ebenfalls aufgegriffen.

Bei der Darstellung des allgemeinen Eindrucks von der Untersuchung gehen die Autoren auch auf die Frage ein, was unter Druck zu verstehen ist. Sie bestimmen „Druck“ aus der subjektiven Perspektive der Betroffenen. Dinge, die die Autorinnen und Autoren vielleicht als Druck bewerten werden, werden von den Interviewpartnern manchmal nicht als Druck wahrgenommen. Hinzu kommt die Widersprüchlichkeit in der Bewertung sozialer Normen. Die Frage nach den Entscheidungsspielräumen und subjektiver Freiheit wird in den Gruppenaufwertungen immer wieder aufgegriffen – so beispielsweise im Frauenkapitel im Zusammenhang mit der Bewertung des Kopftuchs. Im Zusammenhang mit dem Ergebnis anderer Studien, die den Anteil der Frauen, die angeben das Kopftuch aufgrund des Drucks anderer zu tragen, gering angeben, wird die Frage aufgeworfen, ob angesichts der Vielzahl sozialer Sanktionen gegen Frauen, die das Kopftuch nicht tragen, es sich bei diesem Antwortverhalten um eine „Verinnerlichung äußeren Drucks“ handele.

Die Untersuchung versteht sich als eine Dialoginitiative. Sie liefert Material, um sich mit den Wahrnehmungen von Kreisen auseinander zu setzen, die sich an den Rand gedrängt sehen. Zugleich beinhaltet sie Vorschläge, Ausgrenzungsmechanismen aufzuheben bzw. der Wahrnehmung, ausgegrenzt zu werden, zu begegnen.

Jugendliche
Die Befragung von jungen Leuten über ihre Erfahrung mit sozialem Druck erfasste verschiedene Gruppen und Dimensionen.
Generell wird eine hohe Intoleranz gegenüber auffälliger Kleidung, Frisuren und anderen Elementen persönlichen Stils erzählt. Lange Haare oder Ohrringe bei Männern, Frauen mit Hose oder ohne Kopftuch berichten darüber, dass sie auf der Straße angesprochen werden. Für Studenten kommt noch die Kontrolle durch Vermieter hinzu: es wird beispielsweise berichtet, dass Vermieter Besuche von Angehörigen des anderen Geschlechts verbieten. Bei Studentinnen kommt noch hinzu, dass Vermieter Wert darauf legen, dass die Studentin abends nach Einbruch der Dunkelheit nicht ausgeht. An Universitäten wird von Druck durch nationalistische Gruppen (ülkücüler) berichtet. Ob in der Universität oder auf der Straße wird berichtet, dass Beschwerden über Übergriffe, Angriffe und Beleidigungen von Behörden nicht verfolgt wird. Als ein weiteres Problem wird geschildert, dass sich in anatolischen Städten junge Männer und Frauen kaum treffen können.
Kurdische junge Leute berichten außerdem über Anfeindungen aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit, die bis zu Beleidigung, Benachteiligung und tätlichen Angriffen reichen. Am häufigsten kam von dieser Gruppe die Klage, dass sie sich nicht in ihrer Muttersprache unterhalten oder Musik hören können.

Laizistische Kreise
Generell berichten Personen, die dem Verein für das Denken Atatürks oder der CHP angehören, dass ihr Eintreten für den Kemalismus und eine laizistische Ordnung inzwischen Mut erfordert. Manche fürchten berufliche oder geschäftliche Nachteile aufgrund ihrer politischen Orientierung. Im Allgemeinen berichten Personen, die den laizistischen Kreisen zugeordnet wurden, nicht über direkte Gewalt oder Drohungen. Jedoch wird ihnen vorgeworfen, sie seien ungläubig, PKKler oder Kommunisten.

Das öffentliche Leben im Ramadan
Aus vielen anatolischen Städten wird berichtet, dass während des Ramadans tagsüber Restaurants und Bars, aber auch Kantinen öffentlicher Gebäude geschlossen sind. In vielen öffentlichen Gebäuden wird auch der Tee-Service eingestellt. Rauchen auf der Straße wird vielfach nicht toleriert. Um Druck zu entgehen, tun manche so als ob sie fasteten.

Aleviten
Aleviten berichten über zahlreiche Formen der Diskriminierung – von Beleidigungen bis zur wirtschaftlichen Ausgrenzung. Verbreitet ist die Tendenz, die Zugehörigkeit zu den Aleviten zu verheimlichen. Dies stößt jedoch angesichts typisch alevitischer Namen und alevitischer Wohnviertel auf Grenzen. Heiraten über Konfessionsgrenzen werden nicht gern gesehen – die Toleranz für solche Ehen ist in den vergangenen Jahren gesunken. Von Aleviten zubereitete Nahrungsmittel werden von einigen Sunniten zurückgewiesen. Ein Kleinhändler berichtet, dass Sunniten bei ihm nicht einkaufen. Die Bezeichnung als ‘kızılbaş“ wird als Diskriminierung empfunden – die Legende vom „mum söndü“, derzufolge das Cem-Ritual der Aleviten in eine Orgie ausarte, wird immer noch erzählt. Aleviten berichten außerdem darüber, dass sie bei Einstellungen im öffentlichen Dienst benachteiligt werden. Andere berichten, dass Aleviten, die bereits im öffentlichen Dienst tätig waren, verdrängt wurden. Zu den Problemen der Gemeinde gehört außerdem, dass sie im Zentrum der Städte über kein Cemevi (Gebetsstätte) verfügen.

Frauen
Die meisten Gesprächspartner erzählten dem Untersuchungsteam, dass sich ihrer Meinung nach die Städte, in denen sie leben, zum schlechteren entwickelten. Auch wenn es in vielen Städten – auch beispielsweise in Batman und Trabzon – Lokale mit Alkoholausschank im Stadtzentrum gibt, die von Männern wie Frauen besucht werden, fiel den Autoren auf, dass Nachts Frauen aus dem Straßenbild weitgehend verschwanden. Frauen berichten insbesondere über die soziale Kontrolle auf der Straße, die sie einschränkt. Diese Kontrolle bezieht sich auf den Kleidungsstil, die Orte, die sie besuchen können und die Menschen, die sie treffen können. Aus vielen Städten wird von einer Haremlik/Selamlik Ordnung im gesellschaftlichen und öffentlichen Leben berichtet: Männer und Frauen berühren sich nicht in der Öffentlichkeit und leben in weitgehend räumlich getrennten Welten. Der soziale Druck, dem sich Frauen ausgesetzt sehen, geht wiederum häufig von Frauen aus.

Zwei weitere Kapitel beschäftigen sich mit Roma und türkischen Christen. Der Roma-Abschnitt ist vergleichsweise kurz und gibt – ähnlich wie bei den Aleviten – die Erfahrung wieder, dass die Gesprächspartner dazu tendieren, in der Öffentlichkeit ihre Identität als Roma zu verbergen suchen – dies aber nicht zuletzt aufgrund ihrer Adresse nur bedingt möglich ist. Außerdem wird von Benachteiligung bei sozialen Unterstützungen sowie einer Vermischung von ethnischen und religiösen Motiven bei der Ausgrenzung berichtet (Roma können keine „echten“ Muslime sein). Im Abschnitt über die türkischen Christen wird insbesondere auf die Ereignisse um den Mord an Missionaren in Malatya eingegangen. Die Schilderungen vermitteln einen Eindruck von der Wirkung, die die Morde auf die Gemeinde hinterlassen haben.

Jenseits gesellschaftlicher Marginalisierung: staatliches Handeln
Wie bereits oben angesprochen, war ursprünglich einziges Ziel der Untersuchung gesellschaftliche Ausgrenzung zu untersuchen. In sehr vielen Erzählungen taucht jedoch auf, dass staatliches Handeln direkt mit dem erlebten sozialen Druck zusammenfällt. Im Ramadan-Kapitel beispielsweise wird von Befragten erzählt, dass auch in staatlichen Einrichtungen tagsüber Kantinen schließen. Aleviten berichten über eine gegen sie gerichtete Personalpolitik im öffentlichen Dienst. In einem gesonderten Kapitel hat das Untersuchungsteam diese Erzählungen zusammengestellt und mit anderen Daten kombiniert.
Die Verstrickung des Staates in Ausgrenzung wird unter den Themen Benachteiligung im öffentlichen Dienst aufgrund von parteiorientierter Personalpolitik, Alkoholverbote in Städten, besondere Arbeitszeitregelungen im öffentlichen Dienst, um die Teilnahme am Freitagsgebet zu ermöglichen und die „kutlu dogum haftasi“ (eine Veranstaltungswoche anlässlich des Geburtstags des Propheten) dargestellt. Im Zusammenhang mit der Personalpolitik im öffentlichen Dienst wird auch einer Reihe von Vorwürfen Raum gegeben, die sich auf die Einflussnahme des staatlichen Arbeitgebers auf die Gewerkschaftszugehörigkeit beziehen – es wird von Vergünstigungen für Mitglieder von Memur-Sen sowie Druck zum Übertritt von einer anderen Gewerkschaft nach Memur-Sen berichtet.

Die Aktivitäten der Anhänger von Fetullah Gülen
Ziel der Untersuchung war es eigentlich nicht, auch die Wirkung der Aktivitäten religiöser Gemeinschaften zu untersuchen. Es zeigte sich jedoch an vielen Orten, dass die Interviewpartner von sich aus auf die Fetullah Gülen Anhänger (Fetullahcilar) eingingen. Es wird darauf hingewiesen, dass die Gemeinschaft in vielen anatolischen Städten starken Einfluss auf Bildung und Geschäftsleben hat. Davon, dass direkt von der Gemeinschaft sozialer Druck ausgeübt wird, wird nicht berichtet, wohl aber davon, dass Geschäftsleute, die nicht der Gemeinschaft angehören bzw. ihr nicht nahe stehen, in Geschäften benachteiligt werden. Besonderen Einfluss übt die Gemeinschaft insbesondere durch ihre Dershane (private Einrichtungen für Ergänzungsunterricht) und Wohnheime aus. Auch findet sich die Feststellung, dass ein Unterschied zwischen der toleranten und intellektuellen Haltung der Führungskräfte der Gemeinschaft in der „Provinz“ konservativere Haltungen gegenüberstehen.

Empfehlungen
Die Studie endet mit einigen Empfehlungen, die zur Aufweichung von Ausgrenzungsmechanismen beitragen sollen. An ihrer Spitze steht der Vorschlag, einen Ombudsman einzurichten. Durch transparentes staatliches Handeln könne zudem Misstrauen abgebaut werden. Außerdem werden alle Kreise aufgerufen, sich aktiv in die Überwindung von Ausgrenzung einzubringen.

 

Anders sein in der Türkei

Anders sein in der Türkei
Marginalisierung unter dem Akzent von Religion und Konservatismus

Über die Legende von der Toleranz

Studie zu Ausgrenzung in anatolischen Städten löst Diskussionen aus

Ein Bordell in Isparta - ein Sittengemälde

 

Archiv

Zurück