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Gott steht auf wessen Seite?Die Ideologie vom Ende der Politik und die Ideologie der Politisierung Gottes sind Aussagesysteme auf dem gleichen säkular-dogmatischen Niveau(Ahmet Insel. Wir danken dem Autoren für die freundliche Bereitschaft, seinen Beitrag verwenden zu dürfen. Zuerst erschienen in der Sonntagsbeilage der Tageszeitung "Radikal" am 28. Oktober 2001. Übersetzung: Dr. Stefan Hibbeler) Der Botschafter der Taliban in Islamabad faßte in einer von NTV ausgestrahlten Rede den dogmatisch politischen Diskus in seiner ganzen Trockenheit zusammen: "Das sind Ungläubige - nur angebliche Muslime. Daß alle guten Muslime zu uns halten bedeutet, daß Allah auf unserer Seite ist. Alle Muslime müssen uns unterstützen. Außerdem ist dies keine ihnen von uns auferlegte Verpfichtung, sondern sie ist ihnen von Allah auferlegt." Die absolute Einheit, wir und sie - in diese Unterscheidung von Gutem und Schlechten Allah als Partner einzuschließen, diese Sprechweise als religiöses Verhalten einzuordnen, wäre sicher nicht komplett falsch, aber seicht und unzureichend. Eine solche Verkürzung versperrt die Sicht darauf, daß das Ausgedrückte - selbst wenn es sich der Spreche selbst nicht eingestünde - auf der Moderne beruht und eine, wenn auch in abweichender Weise den Diskurs der Moderne nutzende Sprechweise darstellt. Auch der Ausspruch von George W. Bush nach dem 11. September: "Dies ist der heilige Krieg zwischen Gutem und Bösem; Gott ist auf unserer Seite, weil wir im Recht sind." kann nicht auf religiöses Verhalten reduziert werden. In beiden Fällen handelt es sich um in der modernen Welt angesiedelte Haltungen, die politische Einheiten auf absolute und einander ausschließende Pole reduzieren und Religion in Politik verwandeln. Berechtigung durch UngerechtigkeitGehen auch beide Haltungen auf eine gemeinsame dogmatische Grundlage zurück, so treten beide Seiten natürlich unterschiedlich in Erscheinung. Auf der einen Seite das Taliban-Regime mit seiner völligen Abgeschlossenheit, die es verhindert, zwischen Phantasie und wirklichem Leben zu unterscheiden, ein Regime, das ganz dieser Phantasiewelt unterworfen ist und aus diesem Grund auch nicht von dem durch diese Phantasien geleiteten Weg in die Sackgasse abweichen kann. Auf der anderen Seite die amerikanische Führung mit ihrer Verantwortung als imperiale Großmacht, die vorsichtiger vorgeht und für unterschiedliche Entwicklungen eine Tür offenhält. Das Verstehen und die unleugbare Bedeutung dieser Unterschiede darf jedoch nicht verhindern zu sehen, daß beide Seiten auf der Grundlage dogmatischer Ideologien gegeneinander antreten. Über eine dogmatische Ideologie zu verfügen, bedeutet nicht in jedem Fall, Unrecht zu haben. Recht und Unrecht werden nach der Konjunktur eines Zeitabschnitts bestimmt und sind temporäre Wahrheiten. Aber es ist das Wesen des Dogmatismus, Recht und Unrecht zu verabsolutieren. In dieser Beziehung ist die Berechtigung der USA nach dem 11. September auf einen engen Zeitraum und durch die Verhältnismäßigkeit der Reaktion begrenzt. Genauso wie auch das Recht der sich selbst als unterdrückt ansehenden islamischen Identität zeitlich begrenzt und Bedingungen unterworfen ist. Dem amerikanischen Volk wurde durch den Anschlag vom 11. September und dem nachfolgenden bakteriologischen Angriff Unrecht zugefügt. Dieses Unrecht reicht weder vor den 11. September zurück noch über den 7. Oktober ins Unendliche hinaus. Auch den Afganen, die durch die Bombenangriffen der Amerikaner sterben, die diese aus Vergeltung für den unverzeilichen Angriff auf die USA vornehmen, geschieht Unrecht. Auch den Palästinensern, die aus Vergeltung für den getöteten israelischen Tourismusminister sterben müssen, geschieht Unrecht. Aber wir können weder bezüglichd er Afganen noch der Palistinenser das ihnen zugefügte Unrecht verabsolutierend behaupten, sie seien unter allen Umständen im Recht. Es ist möglich, daß morgen die Grausamkeit von Afganen oder Palistinensern ausgeht. Das vordergründige Problem ist nicht Religion, sondern Dogmatismus - und in dem Sinne, daß Religion zum Mittel des politischen Dogmatismus wird. Es liegt in der Natur der Religion, einen geeigneten Boden für Dogmatismus bereitzustellen. Dies ist nicht nru eine Eigenart monotheistischer Religionen. Der hinduistische Dogmatismus in Indien bleibt hinder dem whahabistischen oder dem der Mormonen nicht zurück. Die oben gezeigte Einstellung des Botschafters der Taliban behält, tauschte man die Begriffe "Allah" und "Muslim" durch andere auf eine absolute Instanz referierende Begriffe aus, den gleichen dogmatischen Ausdruck. Eine Reihe von Ideologien der modernen Welt drücken ihr Recht und ihre Überlegenheit in gleicher Weise aus. Die moderne Welt ist eine der Ideologien. Die als Denkform zu charakterisierende Ideologie dient dazu, der Welt Bedeutung zu geben, die persönliche und gesellschaftliche Existenz des Menschen zu entwerfen, und ist eine Form der Stinnstiftung. Dabei entstehen keine von Menschen, Gesellschaft und Geschichte losgelösten Wahrheiten - es ist die Besonderheit der Moderne, die Welt auf menschliches Niveau zurückzuführen. So betrachtet ist das zentrale Problem nicht Religion, sondern deren Ideologisierung. Das Problem ist, daß Religion zu politischem Glauben und zur Richtschnur verwandelt wird. Dies führt, in welch widersprüchlicher Weise auch immer, zur Säkularisierung der Religion. Religion als Ganzheit dogmatischer Wahrheiten wird zur politischen Haltung und zur Ausdrucksform politischer Projekte. Es gibt Ideologien, die nicht den religiösen Diskurs nutzen, aber dennoch genauso oder sogar noch dogmatischer sind. Könnte man beispielsweise sagen, daß ein einfacher deutscher Nationalsozialist oder ein überzeugter russischer Bolschewist der Stalin-Ära sich ein weniger dogmatisches Verhalten als der Botschafter der Taliban zueigen gemacht haben? Nicht nur für die islamische Religion - für alle zeitgenössischen Religionen ist die Beziehung von Sekularisierung und Politisierung gültig. Denn die Moderne ist ein Zeitalter, in dem nicht die Ideologien aufgehoben sind, sondern im Gegenteil eiens, in dem alle Glaubensformen durch Sekularisierung ideologisiert werden. In der heutigen modernen Welt, die die Verantwortung der Menschen stärker in den Vordergrund stellt, ist der kürzeste Weg, dieser Verantwortung zu entgehen, Dogmatismus. Denn durch die undiskutierbare Wahrheit werden die erforderlichen Entscheidungen und die Verantwortung für die Aktion aufgehoben. Allah 1 - USA 0Ob es uns gefällt oder nicht: die Sekularisierung gilt auch für die Taliban. Sonst könnte man sagen, daß der Botschafter der Taliban auf dem Hintergrund der klassischen islamischen Modelle eine schwere Sünde beginge. Tatsächlich macht der Botschafter Allah zu seinem Partner, wenn er sagt "Allah ist auf unserer Seite". Indem er Allah zum Partner menschlicher Intervention auf der Welt macht, ihn auf die Welt holt, verweltlicht er ihn. Dieses Verhalten, das gemäß dem klassischen Islamverständnis als "Vielgötterei" bewertet würde, kann nur in einer Welt gezeigt werden, in der die Religion sekularisiert zu einem Mittel gemacht wird. Wie würden sie sonst das Graffiti einen Tag nach dem 11. September an einer Wand in einem Pariser Vorort kommentieren: "Allah 1 - USA 0" ? Sekularisierte dogmatische Ideologien bringen, erreichen sie die politische Macht, unausweichlich Totalitarismus hervor. Es ist kein Zufall, daß die Taliban anordneten, daß Angehörige des hinduistischen Glaubens an ihrer Kleidung einen gelben Stern tragen mußten. Auch ist es kein Zufall, daß alle Manifestationen des Geschlechtlichen verteufelt wurden. Sekularisierte dogmatische Ideologieren hegen allem Menschlichem gegenüber eine Form der Abscheu. Denn indem sie das Ideal des Übermenschen, d.h. den Gottmenschen herausstellen, sehen sie in den in den Verführungen der Welt lebenden Menschen nur Würmer. Darum werden sie auch nicht in das "WIR" einbezogen. Die Haltung des Dichters Ismet Özel nach dem Blutbad von Sivas macht deutlich, daß Dogmatismus eine größere Kontinuität als Islamismus hat. Diejenigen, die die Toten von Sivas oder New York als niedrige Würmer betrachten, die all jene, die in Afganistan getötet werden als nicht beachtenswerte nichtswürdige Wesen erachten, schauen durch eine ähnlich dogmatische Brille auf diese "Kreaturen". Die Aufspaltung in zwei Seiten, "Sie" und "Wir", mit ihren totalitären und dogmatischen Implikationen, führt zur inneren Versöhnung, weil sie menschliche Verantwortung einer sekularisierten Erhabenheit unterordnet und ausliefert. Sie führen nur aus, was ihre Verpflichtung vor "Gott", vor der "Partei", vor dem "Staat" ausmacht. Daß sie es selbst sind, die die Spaltung in "Wir" und "Sie" vornehmen, und daß sie es selbst sind, die töten, beleidigen und erniedrigen, gestehen sie sich nichteinmal selbst ein. Die Ideologie vom Ende der Ideologie ist auf derselben Ebene einzuordnen. Vergangenes Jahr erklärte der Chef eines der größten europäischen Unternehmens, Vivendi: "Das klassische politische Zeitalter ist abgeschlossen. Die Führung müssen nunmehr die Verbraucher und die Industriellen übernehmen". Aber bringt diese Führung der Marktakteure, die fraglose Unterwerfung unter "hidden hand" des Marktes, die Erforderlichkeit sich gemäß der "Religion des wirtschaftlich Erforderlichen" klaglos zu fügen, nicht auch zu einem solchen dogmatischen Glauben, der hinter dem des Botschafters der Taliban nicht zurückbleibt? Die Ideologie vom Ende der Ideologie und die Ideologie von der Politisierung des Göttlichen sind Aussagen auf dem gleichen sekular-dogmatischen Niveau. Wenn Sie fest entschlossen sind, ihre menschliche Existenz nicht einer äußeren Kraft auszuliefern, vergessen Sie nicht, daß sie nicht verpflichtet sind, naiv für eine Seite Partei zu ergreifen.
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