Jahrgang 2 Nr. 0 vom 29.09.2001
 

Jetzt kostenlos!



 

Gibt es islamische Demokratie, Mr. Lewis?

Princetons Islam-Historiker Bernard Lewis über Terror und nahöstliche Modernisierungen Bernard Lewis, der Doyen der US-amerikanischen Islam-Forschung, ist im Mai dieses Jahres 85 Jahre alt geworden. Er lehrte an der Universität in Princeton und hat seit John F. Kennedy sämtliche
amerikanischen Präsidenten beraten. Auf deutsch erschien zuletzt im WienerPassagen-Verlag sein Buch "Kultur und Modernisierung im Nahen Osten".

Welches Kalkül sehen Sie hinter dem Anschlag auf die USA?

Der Anschlag wird oft mit Japans Überfall auf Pearl Harbor verglichen.
Wie bei Pearl Harbor war es keine isolierte Aktion, sondern es
ist die Eröffnungssalve für das, was ein siegreicher Krieg sein
soll. Japan hatte gehofft, die Amerikaner seien unmilitärisch
und feige und durch einen derartigen Schrecken leicht aus Asien zu vertreiben. Bei der jüngsten Aktion mag man sich gedacht haben: Amerikaner sind verweichlicht, können keine Opfer ertragen. Daher ähnelt sich auch das Ziel: Die Amerikaner, die Vorposten ihrer Wirtschaft, ihre korrumpierende Kultur und ihre lokalen Komplizen
aus den Regionen des Islam zu vertreiben.

Können die USA bei ihren Gegenmaßnahmen überhaupt auf befreundete arabische Staaten bauen?

"Freundschaft" kann zweierlei bedeuten: Einerseits eine tiefe
gegenseitige Verpflichtung auf der Basis gemeinsamer Prinzipien, andererseits eine zeitweilige Abmachung, die auf der Annahme von geteilten Interessen beruht. Im zweiten Beispiel ist es ein Einvernehmen mit einem autokratischen Herrscher, das nur gilt, solange er seine Meinung nicht ändert.

Ein Schlüssel für den gegenüber den USA angestauten Hass liegt in den ungelösten Problemen des Nahen Ostens. Ihr jüngstes Buch handelt von Kultur und Modernisierung in der Region. Wie bestimmen Sie "Kultur"?

Intellektuelle und soziale Aktivitäten in Literatur, Kunst, Architektur, Musik und die Haltung zur Wissenschaft. Dazu zählt auch die soziale Stellung der Frau. Heute wird dieser Kultur-Begriff oft ausgeweitet.

Auf Kritik antworten Traditionalisten: Das ist ein Teil unserer
Kultur - also müssen wir es nicht ändern. Und: Niemand von außen hat ein Recht, uns zu kritisieren.

Ihre These ist, ohne Demokratisierung der arabischen Staaten sei der Konflikt in Nahost letztlich nicht zu lösen.

Es gibt keinen dauerhaften Frieden zwischen einer Demokratie und einer Diktatur. Sicher, es gibt viel Unverständnis. Doch einige Regimes brauchen einen äußeren Feind und einen Zustand des Konflikts. Wenn manche arabische Staaten Israel nicht hätten, müssten sie es erfinden. Ich hege keine Hoffnung für den sogenannten
Friedensprozess ohne den Prozess einer echten Demokratisierung.

Was beinhaltet Demokratisierung?

Es gibt gerade in der englischsprachigen Welt die Tendenz zu
denken, Demokratie sei unsere Lebensart, der natürliche Zustand der Menschheit. Jede Abweichung von ihr sei entweder ein Verbrechen oder eine Krankheit. Dies ist zu einfach. Ich nehme das Wort Demokratie, weil es üblich ist. Der anglo-amerikanische Weg ist der beste, der bisher entstand: Er funktioniert.

Aber das ist nicht die einzige Version?

Sicher nicht, es kann andere geben. Wenn man eine islamische Demokratie entwickeln will, bitte, unbedingt. Ich wäre ja froh.

Der Islam hat ja vielfältige Traditionen.

Spricht man über den Islam, so geht es um eine vierzehnhundertjährige Geschichte. Es ist ein Riesenerbe an Gesetzen, Tradition, Wissenschaft, Philosophie: eine ganze Zivilisation. Es kann dabei auf viel gebaut werden.

Wie steht es im Iran?

Dort meint man, eine Islamische Republik geschaffen zu haben. Ich erkenne daran nicht viel Islamisches. Sie haben etwas, was es in der islamischen Geschichte nie zuvor gab: Papsttum, Kardinalskollegium und Inquisition.

Welche demokratischen Elemente gibt es im Islam?

Zum Beispiel das islamische Konzept der Staatsführung nach dem Shar'ia-Gesetz. Es ist vertraglich, konsensual und wird als Pakt zwischen dem Herrscher und den Beherrschten verstanden, in dem beide Pflichten und Rechte haben. Das Gleichheitsprinzip vor dem Gesetz ist ein Element. Ferner das Prinzip der Toleranz, zwar limitiert, aber es kann ausgebaut werden. Ein weiteres Element, das im Westen lange fehlte: Akzeptanz der verschiedenen Religionen,
Hautfarben, Ethnien. Oder das Prinzip der Shura-Beratung, nicht äußere demokratische Kontrolle, aber Beratung innerhalb der Regierung.

Sie haben geschrieben, in Nah- und Mittelost gibt es im Grunde nur zwei Modelle, die Türkei und den Iran.

Alle Ideologien gerade im arabischen Raum sind bankrott. Nur
zwei scheinen noch zu leben. Die eine ist die Idee der säkularen Demokratie, einer im westlichen Stil offenen Gesellschaft. Das ist es, was sie unter recht großen Schwierigkeiten in der Türkei zumindest im Prinzip versuchen. Das andere Modell folgt der Ideologie des islamischen Staats, die offizielle Ideologie im Iran. Beide bieten eine Diagnose an, was falsch lief und ein Rezept, es zu kurieren. In arabischen Ländern dominiert die islamische Variante, aber es gibt dort auch den demokratischen Trend, der nicht so offen vertreten werden kann. Daher wissen wir nicht, wie stark er wirklich ist.

Wie steht es um die einstige Domäne unter arabischen Herrschern: die Wissenschaften?

Es gab zuletzt wenig ernsthafte Debatten in den Sozialwissenschaften. Sie versuchen es jetzt. Um dies zu entwickeln, braucht man aber Meinungsfreiheit. Sie müssen in der Lage sein, Probleme frei zu erörtern. Dies geht nicht in einer geschlossenen Gesellschaft. Außerhalb islamischer Regionen heißt es, der Fehler liege im Islam. Die Religion habe als Bremse gewirkt, die den freien Ideenaustausch verhinderte. In der osmanischen Türkei aber unterschied man zwischen Religion und Fanatismus. Der Islam sei in Ordnung, Fanatismus aber verderblich. Wäre der Islam wirklich das Problem, warum dann nicht schon im Mittelalter, als man die Weltspitze der Wissenschaft repräsentierte? Ich glaube, die Frage ist nicht, was der Islam den Muslimen angetan hat, sondern was diese mit dem Islam gemacht haben.

Das Gespräch führte Wolfgang Schwanitz.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Potsdamer Neuesten Nachrichten.

Dossier Islamdiskussion

 

Archiv

Zurück