Jahrgang 2 Nr. 0 vom 21.08.2001
 

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17. August 1999: Zwei Jahre danach

Gespräch mit Pfarrer Gerhard Duncker über die Erdbebenhilfe der evangelischen Gemeinde Istanbul

Pfarrer Gerhard Duncker aus der evangelischen Kirche von Westfalen ist seit 1993 durch die EKD in die Evangelische Gemeinde deutscher Sprache in der Türkei nach Istanbul entsandt. Das Ehepaar Gudrun und Gerhard Duncker hat in der Gemeinde von Istanbul die Hilfsaktionen vor Ort koordiniert.

IP: Am 17. August vor zwei Jahren wurde die Türkei vom ersten der zwei verheerenden Erdbeben des Jahres 1999 heimgesucht. Das Epizentrum lag bei Adapazari. Wie haben Sie diese Nacht erlebt?

Duncker: Unsere beiden Töchter waren während ihrer Semesterferien zu Besuch bei uns, die Familie war nach längerer Zeit einmal wieder beisammen. Als es kurz nach drei Uhr morgens passierte, riss es uns aus dem Schlaf, es war als würde ein Eisenbahnzug quer durchs Haus fahren. Erdgrollen, wackelnde Wände, die Scheiben klirren 45 Sekunden lang. Unmittelbar danach fiel der Strom aus. Die Familie versammelte sich bei Kerzenlicht in der Küche. Ich konnte noch per Mobiltelefon meine Eltern in Deutschland erreichen, und mitteilen, dass wir wohlauf waren, dann brach das Mobilfunknetz auch zusammen.

Wir hatten Freunde zu Gast bei uns, eher zufällig, denn sie wollten eigentlich am Vorabend nach Yalova, um einige Zeit in ihrem Ferienhaus dort zu verbringen; sie hatten aber die letzte Autofähre verpasst, so blieben sie die Nacht bei uns. Sie berichteten später, dass ihr Haus völlig zerstört worden war.

Im Lauf des Tages klappte dann die Stromversorgung wieder, und abends sahen wir die ersten Schreckensbilder im Fernsehen, aber das Ausmass der Katastrophe war uns immer noch nicht klar.

Am nächsten Tag rief der Armenische Patriarch an, und wir fuhren auf seinem Schiff mit nach Izmit, um uns ein eigenes Bild der Lage zu machen. Als wir dort waren, erst da wurde uns der wirkliche Schrecken bewusst.

IP: Auf solche Situationen ist kaum jemand vorbereitet. Wie kam es dann trotzdem so schnell zu den Hilfsaktionen für die überlebenden Opfer?

Duncker: Wir haben die erste Trinkwasserladung mit unserem eigenen Jeep hingebracht. Wir haben Wasser in Flaschen gekauft und den Wagen damit bis unters Dach vollgeladen und sind los. Wasser war es, was zuerst und am allerdringendsten gebraucht wurde, seit drei Tagen gab es kaum noch Trinkwasser dort.

Später kam ein Anruf meiner Bank in Deutschland, sie wollte wissen, wer die spontan bei ihr eingegangenen Spendengelder entgegennehmen könnte. Natürlich konnten wir. Man sagte mir, so um die 20000 Mark würden wohl zusammenkommen. Es wurden 1.4 Millionen. Man kann wirklich von einer Spendenflut sprechen.

Als die ersten Gelder eintrafen, haben wir zunächst bei Metro das nötigste zusammengekauft, für etwa 6000 Mark jede Woche. Jeden Samstag fuhren wir ins Katastrophengebiet und haben verteilt. Später haben wir nicht mehr bei Metro, sondern in den in unserer Nachbarschaft gelegenen Bakals eingekauft, die haben uns Sonderpreise gemacht. Die Familien der Inhaber waren eingespannt, sie haben die Sachen bedarfsgerecht zusammengepackt, und 10 Frauen unserer Gemeinde haben sie dann mit ihren privaten Autos ins Krisengebiet gebracht.

Bei einer der ersten Fahrten trafen wir rein zufällig mit Herrn Willers, einem Repräsentanten der deutschen Hilfsorganisation "Help" zusammen. Er war eigentlich zum Minenräumen im Kosovo, man hatte ihn von dort abgezogen und in die Türkei geschickt, um einen Anprechpartner für deutsche Hilfslieferungen zu finden. Das wurden dann wir, die evangelische Gemeinde. Kurz danach kam die erste Hilfslieferung des deutschen Aussenministeriums: 40 Tonnen, unter anderem 800 Zelte und 12000 Decken. Das war natürlich mit unseren Privatfahrzeugen nicht mehr zu bewältigen. Der Transport wurde von Mercedes Benz Türk übernommen, man stellte Lastwagen und Fahrer kostenlos zur Verfügung.

IP: Wie muss man sich das praktisch vorstellen, solche Mengen müssen zunächst gelagert werden, spezifischer Bedarf muss ermittelt werden, man muss verteilen. Wie haben Sie das bewältigt?

Duncker: Mercedes hatte uns betriebseigene Lagerhallen zur Verfügung gestellt. Dort waren an die 80 Gemeindemitglieder ehrenamtlich im Einsatz. Für die Verteilung vor Ort hatten wir ein Bon-System ausgetüftelt. Wir gingen durch die Zelte und verteilten farbige Zettel, zum Beispiel bedeutete ein grüner Bon: die Familie braucht Babynahrung, rot hiess Windeln, blau Winterstiefel usw. Anhand dieser Codierung haben wir die Sachen verteilt.

Viel Arbeit hat die Babynahrung gemacht. Die Etiketten mussten übersetzt werden, viele Eltern befürchteten, die Nahrung enthielte Schweinefleisch; auch die "Waschzettel" der Medikamente wurden übesetzt, weil sonst eine sachgerechte Anwendung kaum erfolgt wäre. Manche gut gemeinte Spende konnten wir gar nicht gebrauchen. Wir erhielten zum Beispiel eine grössere Menge Schwarzbrot. Die Türken essen aber kein Schwarzbrot, so haben wir das Brot verkauft und von dem Erlös Dinge gekauft, die tatsächlich gebraucht wurden.

IP: Sie haben über Lieferung von Verbrauchsgütern hinaus auch nachhaltige Projekte in Angriff genommem. Ich meine die Grundschule und die 35 Holzhäuser.

Duncker: Ja . Es gingen soviele Spenden ein, dass wir uns auch an so etwas wagen konnten. Wir haben für ein halbes Jahr eine hauptamtliche Mitarbeiterin eingestellt, die türkisch, englisch und deutsch spricht. Die Kosten wurden von "Help" übernommen. Bis Ende 1999 waren über 500000 Mark eingegangen. So konnten wir in Ferizli bei Adapazarý eine fünfklassige Grundschule bauen, die im März 2000 eröffnet wurde.

Bei Edirne an der bulgarischen Grenze fanden wir durch Vermittlung eines deutschen Ingenieurs eine Parkettfabrik, die uns die Einzelteile für die 35 Holzhäuser zuschnitt. Alles Material wurde hier im Land besorgt. Zusammengebaut wurden die Häuser dann von den zukünftigen Bewohnern selbst. Im Juni 2000 konnten wir das Dorf übergeben.

IP: Wenn Sie zurückschauen, gab es durch die Erdbeben Veränderungen für die evangelische Gemeinde in Istanbul?

Duncker: Ja. Viele Deutsche haben die Türkei verlassen, sie wollten nicht weiter unter der Bedrohung durch weitere Erdbeben leben, das waren vor allem Familien mit Kindern. Andererseits haben wir auch zahlreiche Eintritte in die Gemeinde verzeichnen können.

IP: Herr Duncker, vielen Dank für dieses Gespräch und alles Gute für Ýhre weitere Arbeit.


 

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