Jahrgang 2 Nr. 0 vom 1.11.2001
 

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Von den Liberalen ist eine schwere Last abgefallen

Die "heilige Allianz" zwischen Liberalen und Islamisten ist aufgehoben - Volldampf für die Diskussion

(Sefa Kaplan im Gespräch mit Cüneyt Ülsever. Erschienen in der Sonntagsbeilage der Tageszeitung "Hürriyet" vom 28.10.2001. Wir danken dem Autoren für die freundliche Genehmigung. Übersetzung: Dr. Stefan Hibbeler)

Die "Yeni Safak", eine Tageszeitung, die sich selbst als intellektuelle Sammlung der islamischen Kreise versteht, ist nach dem 11. September sowohl Anlaß als auch Austragungsort des Streits zwischen liberalen und islamistischen Intellektuellen. Cengiz Candar und Mehmet Barlas, beide liberale Autoren, schrieben in rascher Folge, daß der 11. September richtig verstanden werden müsse. Autoren wie Fehmi Koru, Ahmet Tasgetiren und Akif Emre bezogen die Gegenposition. Jedoch geriet die Diskussion durch die heftige Kritik an Cengiz Candar und Mehrmet Barlas, die sogar Morddrohungen erhielten, aus dem Gleis. Die Diskussion und die gegenseitigen Beschuldigungen halten an. Cüneyt Ülsever, der zusammen mit Cengiz Candar zum Hauptziel islamistischer Intellektueller wurde, sagt, daß der Bruch für ihn begann, als der seinerzeitige Generalsekretär der Refah- (Wohlfahrts-)Partei begann, ihn "zu verkaufen".

 

Sie haben in einer ziemlich heftigen ERklärung gesagt: "Unser Bündnis mit islamistischen Schriftstellern, Intellektuellen und Journalisten ist mit dem 11. September zuende gegangen." Ist die 'Heilige Allianz' tatsächlich beendet?

Was ich persönlich klar und offen gesagt habe, ist folgendes: Zwischen mir und den am 28. Februar 1997 ihrer Rechte beraubten und unter dem Oberbegriff 'politische Islamisten' gefaßten Gruppe bestand ein auf den Schutz ihrer Recht beruhendes Bündnis. Dieses Bündnis ist mit der Zeit erschüttert worden und hat Risse erhalten. Schließlich ist es seit dem 11. September meinerseits beendet.

Was hat dazu geführt, daß sie sich zu einer solchen Entscheidung genötigt sahen?

Dieses Bündnis beruhte auf dem Schutz der Rechte der Islamisten und dazu war erforderlich, daß ich selbst Demokrat bin.

Wann hat der Bruch begonnen?

Ertugrul Özkük hat einen Artikel geschrieben. Er erklärte, daß die Existenz der Hizbullah ein weiteres Mal bewiese, wie richtig die Entscheidungen vom 28. Februar gewesen seien. Ich habe ihm wiedersprochen. Mein Artikel wurde von Recai Kutan im Parlament verlesen und beklatscht. Einen Tag später hat zum ersten Mal in der Republikgeschichte das Oberkommando der Armee eine Denkschrift gegen eine Partei verfaßt. Am gleichen Abend hat mich Recai Kutan verkauft und erklärt: "Das habe nicht ich, daß hat Cüneyt geschrieben." Der Bruch hat da angefangen.

Und wie ist es weitergegangen?

Der zweite Wendepunkt war die Bestätigung der Schließung der Refah Partei durch den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof (EMGH). Ab dem Tag sind diejenigen, die zuvor Parteigänger des EMGH waren und es gelobt hatten, soweit gegangen zu erklären, das Gericht bewege sich nach dem Geist des 28. Februar. Das war gegen die Spielregeln. Der letzte Sprung bzw. Bruch trat mit dem Tod von 6000 Menschen am 11. September ein. Der Streit war, wie dieses Gemetzel einzuordnen war. Das war ein Riß von solchem Ausmaß, daß ich nicht glaube, ihn reparieren zu können.

Was haben sie gesagt oder getan, daß sich solche ein Abgrund auftun konnte?

Die politischen Islamisten und die sie unterstützenden islamistischen Theoretiker sind angesichts des Themas, welche Haltung gegenüber solch einem schwerwiegenden Terroranschlag einzunehmen ist, vollkommen auf der Strecke geblieben.

Aber Ali Bulac hat sich entschieden distanziert.

Ja, Ali Bulac, die Tageszeitung Zaman und das Umfeld von Fetullah Gülen sah sic zu solch einer Haltung gezwungen. Mein Wort galt den politischen Islamisten. Mit einem Mal veränderte sich das Reden von Menschenrechten, persönlichen Freiheiten und Demokratie. Man begann, eine amerikafeindliche Haltung einzunehmen. Aber nicht vor langem, erst vor ein paar Monaten, waren sie in Ankara dem US-Botschafter auf den Fersen.

Wer war hinter dem US-Botschafter her?

Natürlich die Anhänger der Refah Partei. "Laßt sie unsere Partei nicht schließen. Unterstüzen Sie uns", sagten sie und hätten bald vor der Botschaftstür übernachtet. Da waren die USA gut und jetzt auf einmal sind sie schlecht geworden.

Es sieht so aus, als gäbe es gegenüber dem Terrorismus einen Konsens. Die eigentliche Differenz scheint sich auf das amerikanische Vorgehen gegen Afganistan zu konzentrieren.

Aydin Engin hat eine Stellungnahme abgegeben, die die linken Intellektuellen repräsentiert: "Wir sind sowohl gegen Krieg als auch gegen Terror." Das ist eine absolut humanistische Haltung, nur ist sie leider in der Praxis nicht zu verwirklichen. Jemand, der gegen den Krieg eintritt, muß mir und allen erklären, wie er sonst gegen den Terrorismus vorgehen will. Da man sich mit Terroristen nicht an einen Tisch setzen kann, gibt es keinen anderen Weg als Krieg.

Wird die zwischen Ihnen und den politischen Islamisten gezogene Linie auch von anderen liberalen Intellektuellen geteilt?

Ich habe meine eigenen Gedanken ausgesprochen. Danach kamen die Beiträge von Cengiz Candar und Mehmet Barlas. Dabei wird deutlich, daß die Islamisten auf den liberalen Intellektuellen ohnehin wie eine Last ruhten. Von einigen Namen abgesehen, verfügen diese Kreise über eine äußerst seichte Kultur. Sie wissen nicht, was auf der Welt vorgeht.

Nach Ihren Ausführungen haben die Islamisten ihrerseits begonnen, Sie zu beschuldigen. Sie fragten sogar: "Wer hat Sie zu diesem Bündnis aufgefordert?"

Vielleicht weiß es dieser Autor nicht, aber sie haben uns zu diesem Bündnis aufgefordert. Damals sagten sie: "Komm und verteidige uns" und erhofften Beistand. Aber nach meienr Erklärung haben sie solch ein verständnisvoller und demokratisches Verhalten an den Tag gelegt, daß ich beschämt war. "Gut, daß ich diese Erklärung abgegeben habe," sage ich mir selbst. Weil jeder Tag, der seitdem vergangen ist, mich und meine ebenso denkenden Freunde bestätigt. Schauen sie sich an, wie sich die Leute, für die sich Cengiz Candar eignesetzt hat, jetzt ihm gegenüber verhalten. Das Problem der Türkei ist nicht das Schariat. Das Problem der Türkei ist, daß diejenigen, die den politischen Islam zu vertreten vorgeben, sich etwas von Bauernschläue erhoffen.

Ahmet Tasgetiren hat in der Yeni Safak geschrieben, daß die lib eralen Intellektuellen in gewissen Sinne ein Blutgeld erwarten. Wollen Sie tatsächlich Blutgeld von den Islamisten?

Ich will kein Blutgeld, sondern Vernunft. Ich will globale Lösungsvorschläge. Ich sage, daß - allem voran der Terror - insoweit alle Probleme der Welt auf den Muslimen lasten, es vor allem zuerst die Muslime sein müssen, die auf Lösung sinnen. "Die USA sagen dies, laßt uns dazu 'nein' sagen", bedeutet gar nichts. Was wird, wenn unsere Islamisten auf Seiten der USA in den Krieg ziehen? Was wird, wenn sie das nicht tun?

Gibt es einen Islam, den Sie verordnen wollen?

Um Himmels willen. Alles was ich vorgeschlagen habe, ist, daß Muslime universell denken. Aber beachten sie: Ich spreche nicht vom Islam oder von Muslimen im universellem Sinne. Zum Islam zu sprechen oder Wege zu weisen, habe ich überhaupt nicht die Absicht.

Dossier Islamdiskussion

 

Zur Erläuterung:

28. Februar 1997: An diesem Tag fand eine Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates statt, die von einer militärischen Machtdemonstration in einem Ankaraner Vorort eingeleitet wurde. Das Ergebnis der Sitzung war ein Maßnahmepaket gegen die 'Infiltration des Staates' durch islamistische Kreise sowie der Beschluß, diese stärker zu überwachen. Bedeutsamer vielleicht noch als die unmittelbaren Maßnahmen selbst war der eingetretene Klimawechsel. Die damals amtierende Regierung Erbakan, Vorsitzender der islamistischen Refah (Wohlfahrts-)Partei überstand diese Sitzung nur kurz. Bald darauf zerbrach die Koalition mit der Partei des Richtigen Weges. 1997 wurde die Refah Partei verboten, ihr Vorsitzender Erbakan mit einem Politikverbot belegt.

 

Blutgeld: Ein MIttel die Blutrache durch eine Buße abzuwenden.

 

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