Istanbul Post

Kurzmeldungen: Alle Kurzmeldungen

Die Woche vom 6. bis zum 13. August 2021

In Ankara eskalierte die neu entbrannte Migrationsdebatte in einem Straßenkrawall gegen syrische Flüchtlinge. Mehr als 27 Menschen starben bei einer Flut, die viele Fragen offen lässt. Die Wirtschaftsdaten wirken günstig: steigende Exporte, verbesserte Handelsbilanz, verbesserte Zahlungsbilanz und ein unerwarteter Fall der Arbeitslosigkeit. Bleibt zu hoffen, dass die Daten stimmen und es sich nicht um die Ruhe vor einem Sturm handelt.

Unruhe in Ankara-Altındağ

Bei einem Streit in einem Park zwischen jungen Männern wurde ein Türke erstochen. Der Täter wurde festgenommen, doch werden bisher zu seiner Person keine Angaben gemacht. Danach kam es zu verschiedenen Vorfällen: Autos und Geschäfte von Syrer wurden mit Steinen beworfen, einige Autos sollen auch angezündet worden sein. Die Polizei jedoch erklärt, dass dies nicht passiert sei. Gegen Mitternacht soll die Lage nach Auskunft der Polizei unter Kontrolle gewesen sein. Es kam zu 76 Festnahmen. Unter ihnen sollen sich auch Personen befinden, die sich in sozialen Medien geäußert haben sollen.

Altındağ ist ein zentrales Wohnquartier in Ankara. Wegen einer vorgesehenen Stadtsanierung sind dort die Mieten gesunken. Dies wiederum hat insbesondere Syrer angezogen, die in einem nahegelegenen Zentrum für Möbelindustrie arbeiten. Ein großer Teil der in Ankara gemeldeten Syrer soll in diesem Stadtbezirk wohnen.

Es ist nicht der erste Vorfall dieser Art und vermutlich auch nicht der letzte. Er beweist jedoch, dass Migration insbesondere eine Herausforderung für die Kommunalpolitik ist. Konfrontationen dieser Art entstehen insbesondere an Orten, an denen Zuwanderer besonders konzentriert leben. Sie sind zwar keine Ghettos, denn niemand zwingt die Zuwanderer dort zu leben und eine physische Mauer existiert auch nicht. Aber es entsteht ein sozialer Ausschluss, der Konflikte fördert und zu kollektiven Konfrontationen führen kann.

Weitere Katastrophen

Die Überschwemmungen in Van waren bei der Berichterstattung über die Brände an Mittelmeer und Ägäis weitgehend untergegangen. Nun hat es das mittlere Schwarzmeer erwischt. Bei Überschwemmungen und Erdrutschen in Kastamonu, Bartın, Sinop und Karabük sind nach bisherigen Angaben 27 Menschen getötet worden. Mehrere Häuser wurden durch die Fluten weggerissen.

Sowohl bei den Feuern als auch bei den Fluten wird auf den Klimawandel hingewiesen. Dies ist sicher, denn extreme Wetterereignisse häufen sich. Doch ebenso wie der Klimawandel Menschenwerk ist, so tragen unzureichende Vorbereitungen und Bausünden zur Schwere der Katastrophen bei. Die Besiedlung von Überflutungsgebieten entlang von Flussbetten gehört dazu. In Rize, das in diesem Jahr mehrfach von Überschwemmungen heimgesucht wurde, spielt nach Aussagen eines Landwirtschaftsingenieurs zudem die Landwirtschaft eine Rolle. Rize ist Zentrum der türkischen Teeproduktion. Der Tee wird auf Terrassen angebaut, die nach Aussagen des Ingenieurs häufig zu steil seien. Auch bietet das Wurzelwerk keinen ausreichenden Halt, um die Erde bei Starkregen zu halten.

Bei der aktuellen Flut wurde die Ortschaft Bozkurt in der Provinz Kastamonu am stärksten betroffen. Zur Flutursache gibt es zwei Annahmen, denn zum jetzigen Zeitpunkt scheint eine wirkliche Untersuchung nicht möglich. Eine Hypothese bezieht sich auf ein Wasserkraftwerk, das unkontrolliert Wasserabgelassen habe bzw. dessen Ablass geplatzt sei. Über einen größeren Stausee verfügt es nicht, so dass dies vermutlich nur eine Teil-Hypothese ist. Die zweite Annahme ist, dass sich Baumstämme an einer Brücke verfangen haben und so eine Art Staumauer errichteten. In diesem Falle wäre also die Brückenkonstruktion zu überdenken. Vermutlich gibt es noch weitere beeinflussbare Faktoren, die eine Wiederholung andernorts verhindern könnten.

Mehrere Todesopfer ereigneten sich beim Einsturz eines Appartementhauses in der Nähe des Bachbettes. In Medienberichten heißt es, das Gebäude sei erst drei Jahre zuvor errichtet worden. Wie ein neues Gebäude zum Anlass einer solchen Katastrophe werden konnte, bedarf ebenfalls der Aufklärung.

Wie weiter mit der Pandemie?

Mit kleinen Pausen klettern die Infektionszahlen weiter. Am 11. August lagen sie bei 27.500 Neuinfektionen an einem Tag. Die Faktoren für den Anstieg sind vielfältig. Das Virus ist ansteckender geworden. Die Impfbereitschaft ist regional recht unterschiedlich. Nach den Reisewellen zum Opferfest stellt auch der Tourismus ein beträchtliches Risiko dar. Und dann kommt noch das Problem der Wanderarbeiter in der Landwirtschaft hinzu. Am Schwarzen Meer hat die Haselnussernte begonnen und Tausende von Arbeitern angezogen.

Derzeit scheint die Regierung entschlossen, keine neuen Vorkehrungen zu verhängen. In einzelnen Sektoren, wie z.B. dem Gaststättengewerbe, gibt es Diskussionen darüber, eigene Vorkehrungen zu treffen. Beispielsweise könnte Ungeimpften der Zugang zu Lokalen und Restaurants verboten werden. In der breiten Bevölkerung wiederum scheint die Bereitschaft Masken zu tragen und auf Abstand zu achten, nachzulassen. Gab es bisher in den meisten Geschäften und im öffentlichen Nahverkehr die Möglichkeit, die Hände zu desinfizieren, sind auch diese Vorkehrungen weitgehend verschwunden.

Aus Urfa meldete sich die Ärztekammer und wies auf eine erneute Auslastung der Krankenhäuser hin. Die Impfquote in dieser Provinz ist vergleichsweise niedrig. Doch zugleich ist Urfa auch eine Provinz, in der ein bedeutender Teil der Bevölkerung eine andere Muttersprache als Türkisch hat. Versuche, diese Gruppen durch Informationen in Muttersprache zu erreichen, gibt es bisher nicht.

Erklärungsbedürftige Arbeitsmarktdaten

Im Juni ist den Umfrageergebnissen des Staatlichen Statistikinstituts zufolge die Arbeitslosigkeit um 2,5 Prozentpunkte auf 10,6 Prozent zurückgegangen. Im Juni war mit der Lockerung der Pandemie-Maßnahmen begonnen worden, gleichwohl kam ein solcher Rückgang der Arbeitslosigkeit überraschend. Überraschend ist zudem, dass die Erwerbsbeteiligung deutlich zurückging. Die Erklärung für die Unstimmigkeit, dass bei steigender Zahl von Menschen im arbeitsfähigen Alter die Erwerbsbeteiligung sinkt und die Arbeitslosigkeit fällt, vermutlich durch die Definition, nach der arbeitslos nur ist, wer in den letzten vier Wochen aktiv nach Arbeit gesucht hat.

Die hohen monatlichen Schwankungen verschiedener Kerndaten sowie unwahrscheinliche Daten wie beispielsweise ein hoher Anstieg der Industriebeschäftigung bei nur geringfügig steigender Produktion und Auslastung führen zu einem Verlust der Aussagekraft dieser Statistik.

Zwickmühle Wohnungsbau

Die Baupreise zeigen mit einem Anstieg von 42,48 Prozent das schnellste Anstiegstempo seit Einführung des Indexes. Während auf der einen Seite kritisiert wird, dass die Türkei ihr Kapital im Beton versenkt habe, herrscht in vielen Städten Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Die gestiegenen Erstellungskosten wiederum führen zu steigenden Immobilienpreisen und Mieten.

Manche Kritiker erklären, dass die verfahrene Lage auf dem Wohnungsmarkt nicht zuletzt darin begründet liege, dass im großen Stil gehobener Wohnraum geschaffen wurde, für den sich nur wenige Abnehmer finden. Aus der Sicht der Bauwirtschaft wiederum stellt sich das Problem, dass angesichts der Bodenpreise in vielen Städten es nicht lohnt, auf diesen Grundstücken preisgünstige Wohnungen zu errichten.

Eine Verbesserung der Zentralbankreserven

Ein Swap-Abkommen (vorübergehender Austausch von Geldern zwischen Zentralbanken oder Banken) zwischen der Türkei und Süd-Korea erhöht die Zentralbankreserven um geschätzte 2 Mrd. Dollar. Zugleich werden Gelder des IMF erwartet, die im Zuge eines Covid-Programmes bewilligt wurden. Zudem hat sich die Zahlungsbilanz im Juni deutlich gegenüber dem Vorjahresmonat verbessert. Einen wichtigen Beitrag leisteten zum einen das rückläufige Außenhandelsdefizit und zum anderen deutlich höhere Tourismuseinnahmen als im Vorjahresmonat.

Mit der erneuten Reisebeschränkung durch Deutschland könnte jedoch das Herbstgeschäft im Tourismus Einbußen erleiden. Wie sich die Senkung der besonderen Mehrwertsteuer auf PKW auf den Markt auswirken wird, bleibt offen. Immerhin erreichen die Nachlässe ein Sechstel des vorherigen Kaufpreises. Angesichts des hohen Marktanteils importierter Autos könnte dies wieder zur Verschlechterung der Außenhandelsbilanz beitragen. Es ist also zwar eine populäre Entscheidung, die jedoch mit Risiken behaftet ist.