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Die Zahl der registrierten Toten des Erdbebens mit Zentrum Kahmaranmaraş vom 6. Februar liegt jetzt über 38.000. Hinzu kommen noch die Toten in Syrien, so dass mehr als 45.000 Menschen gestorben sind. Und noch immer werden Überlebende geborgen. In den am stärksten betroffenen Gebieten ist die Strom und Wasserversorgung noch nicht wieder hergestellt. Angesichts der äußerst schwierigen Lebensbedingungen sind Tausende geflohen.
Noch am zehnten Tag werden Überlebende aus den Trümmern geborgen. Eine Reporterin von Habertürk berichtet am selben Tag, dass in Kahramanmaraş vor dem Gebäude der Provinzverwaltung nicht nur eine Essensausgabe bereitsteht, sondern gerade auch Mobiltoiletten installiert wurden. Wie viele Toiletten es zurzeit in der Stadt gibt, wird nicht mitgeteilt. Auch ist nicht bekannt, in welchem Maße die Strom- und Wasserversorgung wiederhergestellt ist.
In einem Interview mit Berna Abik vom Nachrichtenportal T24 erklärte der frühere Vorsitzende der Ingenieurkammer Istanbul Cemal Gökçe, dass über Jahrzehnte in die Erdbebengebiete in der Türkei gereist sei und zu dem Schluss gekommen ist, dass Gebäude, die vorschriftsmäßig errichtet wurden, zwar Schäden aufweisen können, aber nicht einstürzen. Angesichts der tausenden eingestürzten Gebäude im aktuellen Erdbebengebiet wirft dies natürlich die Frage nach der Verantwortung auf. Tatsächlich wird über zahlreiche Festnahmen von Bauunternehmern berichtet. Doch über Ermittlungen aufgrund unzureichender Bauaufsicht wird nicht berichtet. Hinzu kommt, dass bei früheren Erdbeben kritisiert wurde, dass Bebauungshöhen in Bebauungsplänen zugelassen wurden, die für die Bodenbeschaffenheit nicht zulässig sein dürften.
Angesichts der Nachbeben und der schwierigen Lebensbedingungen haben Tausende das Erdbebengebiet verlassen. Wer nicht bei Freunden oder Verwandten unterkommt, ist mit hohen Mieten konfrontiert.
Die Solidarität in allen Teilen der Türkei war beeindruckend. Aber es gab auch Berichte über Plünderungen und Wucher. Doch die eigentlichen Verbrechen sind viel früher begangen worden: mit Bauamnestien, mangelnder Kontrolle von Bauten und schlechtem Baumaterial. In der Tageszeitung Karar findet sich ein Bericht über die Arbeit eines Teams, das eingestürzte Gebäude in Diyarbakır untersucht. Eine erste Analyse hat ergeben, dass der verwendete Beton nur ein Achtel der vorgeschriebenen Festigkeit hat. Auf Fotos ist zu sehen, dass manche Betonsäulen mit Plastikschaum aufgefüllt wurden. Nun soll gegen einzelne Bauunternehmer vorgegangen werden. Doch die Erfahrung mit solchen Verfahren aus früheren Erdbeben zeigen, dass das Risiko, für mangelhaften Bau bestraft zu werden, äußerst gering ist.
Politisch wird das Erdbeben Folgen haben. Wie lang die Wut der Menschen in der Erdbebenregion über die Pannen bei der Erdbebenhilfe anhängt, bleibt abzuwarten. Auch ob sich diese Wut auf die Regierung oder eher auf die syrischen Flüchtlinge richten wird. Der frühere AKP-Spitzenpolitiker Bülent Arınç hat zu einer Verschiebung der Parlaments- und Präsidentenwahl aufgerufen. Seine Partei äußert sich bisher nicht, führende Oppositionspolitiker sprechen sich gegen eine Verschiebung aus. Es werden Vermutungen angestellt, dass der Hohe Wahlrat eine Verschiebung der Wahlen anordnen könnte. Die Befugnis dazu hat er zwar nicht, aber er kann auf die praktischen Probleme im Hinblick auf die Erneuerung der Wählerverzeichnisse verweisen.
Wirtschaftlich wird das Erdbeben lange nachwirken. Eine erste Wirkung zeigte sich beim Export. Die LKW-Fahrten in die EU sind in der Woche nach dem Erdbeben um 30 Prozent zurückgegangen, weil mehr als 3.000 LKW, die eigentlich im Export im Einsatz waren, für die Erdbebenhilfe eingesetzt wurden. Ein mögliches Problem, das sich für die Bekleidungsindustrie abzeichnet, liegt in der Spezialisierung der betroffenen Region. Rund die Hälfte der Baumwollgarne wird hier hergestellt. Selbst Fabriken, die nur gering oder gar nicht beschädigt sind, können nicht arbeiten, weil viele Mitarbeiter fehlen. Für die Landwirtschaft hat eine wirkliche Schadensbilanz bisher wohl noch nicht begonnen. Bei der Viehwirtschaft stellt sich das Problem, dass viele Ställe und Scheunen zusammengebrochen sind. Bei der Feldwirtschaft bleibt offen, in welchem Maße landwirtschaftliche Maschinen beschädigt wurden. Auch das Ausmaß der Gebäudeschäden in den Dörfern ist weitgehend offen – es ist naheliegend, dass mit der Gebäudeprüfung in den Städten begonnen wurde.
Der Erdbebenforscher Prof. Dr. Naci Görür erklärt, dass es bei einem Erdbeben zur Verlagerung von Spannungen von den gebrochenen seismischen Spalten auf angrenzende kommen könne. In diesem Fall könnte der Druck auf die seismischen Spalten von Malatya und Hatay gestiegen sein. Diese müssten in den nächsten Monaten intensiv beobachtet werden.
Das vergangene Erdbeben hat zugleich auch die Diskussion über das in Istanbul bevorstehende wiederbelebt. In einem Interview mit der Tageszeitung Birgün gab der Abteilungsleiter für Bau der Metropolverwaltung Gürkan Akgün einen Überblick über den Stand der Vorbereitungen. Mit Stand 2022 verfügt Istanbul über 1,02 Mio. Gebäude. 73 Prozent von ihnen wurden vor 1999 errichtet. Die Großstadtverwaltung geht davon aus, dass von einem Erdbeben in der Stadt 5 Mio. Menschen Schaden erleiden werden. 90.000 Gebäude werden voraussichtlich zerstört oder müssen abgerissen werden. Es wurden umfangreiche Maßnahmen zur Bodenuntersuchung sowie zur Prüfung von Gebäuden ergriffen. Gleichwohl geht Akgün davon aus, dass beim jetzigen Tempo die Erneuerung der gefährdeten Gebäude 80 Jahre in Anspruch nehmen würde.
‚Die Technische Universität Istanbul hat einen vorläufigen Bericht zum Erdbeben veröffentlicht. Der ausführliche Bericht soll in einigen Tagen folgen. Es handelt sich um einen interdisziplinären Bericht, der sowohl Details zu den beiden Erdbeben enthält als auch eine Analyse der Gebäudeschäden, Schlussfolgerungen für den Wiederaufbau und Anmerkungen zum Management der enormen Mengen Bauschutt enthält. Einen Eindruck von der Wucht der Beben gibt die Angabe, dass es zu Geländeverschiebungen von bis zu 8-10 Metern gekommen ist. Zu den Gebäudeschäden wird angemerkt, dass vorschriftsmäßig auf sicherem Baugrund errichtete Gebäude in der Regel nur geringe Schäden aufwiesen. Ungeeigneter Baugrund führte bei Gebäuden zum Absacken des Fundaments. Bei anderen Gebäuden war das Tragesystem unzureichend oder auch das verwendete Baumaterial von geringer Qualität. Durch die Beben haben zudem auch die Wasserversorgung und die Kanalisation Schaden genommen. Es wird vor der Ausbreitung von Infektionen aufgrund unzureichender Wasserversorgung gewarnt. Als Schlussfolgerung für den Wiederaufbau wird empfohlen, dass abgesehen von historischen Stätten neue Standorte für die am schwersten betroffenen Städte gesucht werden müssen. Es wird mit 50-110 Mio. Tonnen Bauschutt gerechnet und die Wissenschaftler weisen darauf hin, dass ein bedeutender Teil wiederverwendet werden kann.
Es handelt sich um das fünftgrößte Süßwassergewässer der Türkei. Doch inzwischen hat sich der Wasserspiegel 400 Meter vom Ufer zurückgezogen. Nach Einschätzung der staatlichen Wasserverwaltung DSI ist der Wasserspiegel unter eine kritische Grenze gesunken. Normalerweise läuft ein Teil des Seewassers im Frühjahr über einen Bach in das Marmara Meer ab und sorgt damit für eine Verringerung der Schadstoffbelastung. Doch nun reicht das Wasser nicht mehr.
In einem Bericht von ekonomim.com wird darauf hingewiesen, dass der größte Wasserverlust durch Verdunstung erfolgt. Es sind 80 Mio. Kubikmeter im Jahr. An zweiter Stelle liegen die Entnahmen der Landwirtschaft mit 55 Mio. Kubikmetern. Industrielle Entnahmen von zwei Düngemittelfabriken sind vergleichsweise geringfügig, doch über die Entnahme durch privat angelegte Brunnen im Einzugsbereich des Sees liegen keine Daten vor.
Zur Rettung des Sees dürfte es von großer Bedeutung sein, die landwirtschaftliche Bewässerung zu verbessern und zum Tropfenbewässerungsverfahren überzugehen. Zudem müsste geprüft werden, ob andere Wasserquellen in den See geleitet werden können, um den Wasserspiegel wieder anzuheben.
Die Politik der US-Zentralbank hat weltweit zu einer Stärkung des Dollar geführt. Das internationale Finanzinstitut IIF geht davon aus, dass eine faire Parität von Dollar und Türkischer Lira bei 21 TL/$ läge. Derzeit wird der Dollar jedoch mit 18,85 TL gehandelt. Hintergrund sind die verdeckten Stützkäufe der türkischen Zentralbank, die zwar kein Kursziel angibt, doch eine freie Kursentwicklung nicht zulässt. Die Folge ist ein schnelles Anwachsen des Leistungsbilanzdefizits durch eine Schwächung des Exports und Verbilligung von Importen.