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Im Gerangel um den CHP-Vorsitz hat Ekrem İmamoğlu erklärt, er werde im kommenden Frühjahr erneut für das Amt des Oberbürgermeisters von Istanbul kandidieren. Damit scheidet er als Kandidat für den CHP-Vorsitz aus, erklärt jedoch seine Unterstützung für Özgür Özel, dem aktuellen Fraktionschef. Eine Umfrage der türkischen Zentralbank hat einen steilen Anstieg der Inflationserwartung ergeben. Solche Erwartungen haben häufig den Charakter einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Denn wer eine hohe Inflation erwartet, passt seine Preise – wenn möglich – an diese Erwartung an.
Es war wieder der Jahrestag des schweren Marmara Erdbebens von 1999. Die Aufmerksamkeit wurde vielleicht angesichts des Erdbebens vom 6. Februar 2023 noch gesteigert, bei dem in elf Provinzen mehr als 50.000 Menschen starben.
Anlässlich des Jahrestages wurden auch neue Forschungsergebnisse vorgestellt. Der türkische Dienst der Deutschen Welle sprach mit Dirk Becker und Marco Bohnhoff vom Geoforschungszentrum Potsdam, das seit Jahren im Marmara Meer forscht. Sie geben an, dass von 2006-2020 etwa 14.000 Erdbeben im Marmara Meer gemessen wurden. Die meisten von ihnen ereigneten sich im westlichen Abschnitt der seismischen Bruchspalte. Der Abschnitt vor Istanbul dagegen ist ruhig. Dies führt zu der Besorgnis, dass zwar im Westen die geologische Spannung abgebaut wird, sie sich jedoch im östlichen Abschnitt aufbaut. Zudem gibt es noch am Ausgang des Marmara Meeres auf der Halbinsel Galipoli eine potenzielle weitere Erdbebenzone. Die Schätzung läuft auf ein Erdbeben mit einer Stärke von 7,4 hinaus, doch sollte auch die westliche Bruchstelle brechen, könnte die Schwere auch darüber liegen.
Die Tageszeitung Sözcü griff das Thema mit einem Gespräch mit dem Geologen Prof. Naci Görür auf. Dieser lenkte das Augenmerk insbesondere auf die Folgen eines Istanbul Erdbebens. Das es komme, stellte er nicht in Frage, jedoch schon ob die Metropole darauf vorbereitet sei. Die planlose Entwicklung der Stadt und die hohe Bevölkerungsdichte werden Rettungsarbeiten und die Versorgung der Bevölkerung erschweren. Schon ein schwerer Regen oder Schneefall reichen aus, um die Stadt ins Chaos zu stürzen. Hilfe müsse darum von außen, d.h. von anderen Großstädten und internationalen Kräften kommen. Es wäre gut, dies bereits jetzt zu planen. Auch hegt er eine Skepsis hinsichtlich des neuen Istanbul Flughafens. Aufgrund der Bodenbeschaffenheit könnte auch er – ganz so wie der Flughafen Hatay im Februar – Schaden nehmen. Er erklärt, dass bei der Vorbereitung auf das bevorstehende Erdbeben mehr unterlassen als gelöst wurde. Doch er ist zuverlässig, dass bei konsequenter Vorbereitung das ganze Land in einem Zeitraum von zwanzig Jahren erdbebensicher gemacht werden könnte.
Ein trockenes Frühjahr hat dazu geführt, dass die Stauseen, die Istanbul mit Wasser versorgen, bereits zu Beginn des Sommers zu weniger als der Hälfte gefüllt waren. Nun hat zunächst der kommunale Wasserversorger ISKI und dann auch der Oberbürgermeister İmamoğlu die Bevölkerung zu Wassereinsparungen aufgerufen. Noch stehen Wassersperren nicht auf der Tagesordnung, doch wer sich an die 1990er Jahre und davor erinnert, weiß wie es ist, immer mal wieder einen Tag ohne Wasser auskommen zu müssen.
Zur Sicherung der Wasserversorgung von Istanbul wird Wasser aus dem ganzen Umland in die Metropole geleitet. Ein Problem bereitet dabei das missglückte Projekt des Melen Staudamms. Aufgrund einer fehlerhaften Bodenanalyse sackte die Staumauer ab und bekam Risse. Das Projekt, das eigentlich längst fertiggestellt sein sollte, wartet auf eine Neuausschreibung. Wann mit den Bauarbeiten begonnen oder wann es gar fertig gestellt werden könnte, bleibt offen.
Aber selbst wenn weitere Stauseen errichtet werden, liegt auf der Hand, dass Istanbul an die Grenzen seiner Wachstumsmöglichkeiten stößt. Projekte wie der Kanal Istanbul und die darum geplante Nord-Stadt bringen nicht nur neue Bevölkerung mit sich, sondern zerstören außerdem die noch vorhandenen Wasserreserven.
Die Stadtverwaltung versucht, sich auf den Wassermangel langfristig einzustellen. So sollen beispielsweise Neubauten mit Zisternen versehen werden. Doch es wird einige Zeit vergehen, bis diese einen nennenswerten Beitrag zur Wasserversorgung leisten können. Ergiebiger Regen ist auf jeden Fall nicht vor Oktober zu erwarten. Bleibt zu hoffen, dass das Wasser bei sparsamerem Verbrauch bis dahin reicht. In einem Gespräch mit der Tageszeitung Karar gibt sich der Vizegeschäftsführer von ISKI Bülent Solmaz optimistisch. Er rechnet damit, dass die Wasserreservoire der Stadt zwar bis auf ein Niveau von 15-20 Prozent zurückgehen, bis der Herbst beginnt. Doch sollten keine außergewöhnlichen Ereignisse eintreten, seien Wassersperren zurzeit nicht geplant.
Selbst im Nordwesten der Türkei ist der Höhepunkt der Ernte im Gartenbau eingetreten. Tomaten, Gurken, Paprika und grüne Bohnen müssen nicht mehr über hunderte Kilometer herangeschafft werden, sondern lassen sich auch im Umland finden. Man sollte meinen, dass sich dies auf die Preise auswirkt.
Und in genau diese Zeit fallen Berichte, dass grüne Bohnen in Supermärkten für 100 TL/kg und mehr verkauft werden. Der Landwirtschaftskolumnist von ekonomim Ali Ekber Yılıdırım ist den Ursachen nachgegangen. Die vordergründigste ist schnell gefunden: erst war es zu feucht, dann zu heiß und darum hat es Ernteausfälle gegeben. Doch reicht dies allein als Ursache nicht aus.
In den vergangenen zehn Jahren ist die Anbaumenge kontinuierlich gesunken. Waren es 2013 noch 632.301 Tonnen, so wurden 2022 noch 519.713 Tonnen geerntet. Für dieses Jahr werden 510.477 Tonnen erwartet. Nun sind grüne Bohnen ein recht arbeitsintensives Produkt. Sie werden vor allem in kleineren Betrieben angebaut. Doch genau bei diesem Segment der Landwirtschaft stellt sich seit Jahren eine Verringerung ein. Die Sozialversicherung der Selbständigen, bei der auch die Landwirte versichert sind, zeigt, dass in den vergangenen zehn Jahren die Zahl der Versicherten von einer Million auf 477.000 zurückging.
Bei der monatlichen Umfrage der türkischen Zentralbank zu den Erwartungen zu Inflation, Zinsen und Devisenkursen hat sich im August eine starke Veränderung ergeben. Lag der durchschnittliche Schätzwert für die Inflation zum Jahresende im Juli noch bei 43,82 Prozent, so liegt er im August bei 59,46 Prozent. Es ist der höchste Anstieg der Inflationserwartungen seit Jahren. Zugleich gehen die Befragten auch nicht davon aus, dass sich die Lage kurzfristig ändert. Die Inflationserwartung im Zeitraum von zwölf Monaten stieg von 33,21 Prozent auf 42,01 Prozent. Für den Zeitraum von 24 Monaten stieg der Schätzwert von 19,04 Prozent auf 22,54 Prozent.
Auch die Schätzung des Dollar-Kurses zum Jahreswechsel zeigte eine deutliche Steigerung. Lag sie im Juli noch bei 28,46 TL/Dollar, so liegt sie nun bei 29,82 TL/Dollar.
Das Vorstandsmitglied mit Zuständigkeit für Berufsorganisationen und Zivilgesellschaft Hasan Efe Uyar hat auf die Probleme der Saisonarbeiter in der Landwirtschaft aufmerksam gemacht. Es ist jedes Jahr im März, wenn die Saisonarbeiter von den ärmeren Provinzen im Südosten der Türkei zu den landwirtschaftlichen Zentren im Westen aufbrechen. Ihre Arbeitskraft ist billig, die Unterbringung vielfach fragwürdig, Frauen werden häufig schlechter bezahlt und jedes Jahr sterben viele von ihnen aufgrund fehlenden Arbeitsschutzes, unzureichender Hygiene und Verkehrsunfällen. Im vergangenen Jahr starben 359, in diesem Jahr waren es bisher 179. Ein besonders tragischer Fall ist der Tod eines elfjährigen Jungen, der bei der Haselnussernte an einem Hitzschlag starb.
Die CHP fordert, die Saisonarbeiter in das reguläre Arbeitsrecht einzubeziehen. Die informellen Vermittler sollen abgeschafft werden, wobei die CHP offen lässt, was an ihre Stelle treten soll. Die Unterkünfte sollen kontrolliert und Möglichkeiten für die Kinder geschaffen werden. Dabei werden Kindergärten und Sommerschulen genannt. Den Saisonarbeitern soll ein Mindestlohn gezahlt werden, der es ihnen ermöglicht, in Würde zu leben. Vor Ort sollen Inspektionen zu Arbeitssicherheit und Arbeitsgesundheit durchgeführt werden.
Die Landwirtschaft ist auf die Saisonarbeiter angewiesen. Doch viele landwirtschaftliche Bertriebe stehen unter enormen Kostendruck. Und dieser Druck wird an das schwächste Glied der Wertschöpfungskette – die Saisonarbeiter – weitergegeben. Um dieser Ausbeutung ein Ende zu setzen bedarf es vermutlich zuerst fairer Abnahmepreise der Produkte.
Am 20. Januar 2020 richtete ein Erdbeben in der Provinz Elazığ beträchtliche Schäden an. Seit November 2021 werden nun an die Erdbebenopfer im ländlichen Gebiet von der staatlichen Wohnungsbaugesellschaft TOKI errichtete Häuser vergeben. Es handelt sich um einstöckige Gebäude, die nahe beieinanderstehen. Die in Gazete Duvar veröffentlichten Fotos vermitteln den Eindruck einer Vorstadtsiedlung.
TOKI hat bei der Planung der Häuser wohl kaum an ihre späteren Nutzer gedacht. Diese ernähren sich von der Landwirtschaft. Dazu brauchen sie Platz für ihre Geräte und Ställe, wenn sie Viehzucht betreiben. Die neuen Häuser haben weder das eine noch das andere, nicht einmal Gärten, die groß genug wären, um etwas in ihnen anzubauen.
Natürlich müssen Ställe und Geräte nicht unbedingt am Haus angesiedelt sein. Doch es erleichtert beträchtlich das Leben. Zwei Zimmer, Küche, Bad-Häuser mögen für städtische Siedlungen geeignet sein, auf dem Land dürften sie jedoch kaum ausreichen.