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Das neue Gesicht des Islam V. Dunkle Anfänge?von Walter Reichel Aus den bisherigen Ausführungen dürfte unter anderem zweierlei deutlich geworden sein. Zum einen bestehen in der islamische Theologie nach wie vor große Differenzen darüber, wie der Koran einzuordnen sei. Ist es ein Buch von einzigartigem, göttlichem Ursprung und mit einem einzigartigen Inhalt? Oder ist es dies, zugleich aber auch ein Buch, das eingebettet ist in die arabische bzw. spätantike Literatur des Vorderen Orient und in dieser Perspektive so zu behandeln wie jedes andere schriftliche Zeugnis aus dieser Zeit? Zum zweiten hat sich gezeigt, dass die islamische Koranexegese ihr Hauptinteresse auf die ethischen Aussagen des Koran legt und theologische Fragen im engeren Sinne eine untergeordnete Rolle spielen – vielleicht, weil sie als geklärt gelten. Vor allem aber fällt auf, dass das Problem der Historizität sowohl der im Koran selbst berichteten Sachverhalte, Vorgänge usw., als auch der Umstände der Entstehung und Überlieferung des Koran wenig diskutiert werden – vielleicht auch hier deswegen, weil man kein Problem sieht. So ist es sicher kein Zufall, dass die, diese beiden Gebiete betreffenden neuen Fragestellungen und Forschungsansätze nicht aus dem islamischen Raum kommen, sondern von außen, vor allem aus Deutschland, an die islamische Theologie herangetragen werden. Im Grunde ist es erstaunlich und (zumindest aus „westlicher“ Sicht) mit dem Interesse, dass der Islam an einer einwandfreien Textgrundlage des eigenen Glaubens haben sollte, nicht ohne weiteres vereinbar, dass der Koranexegese bis heute der in Kairo 1924 von der Al-Azhar-Universität edierte Korantext als allgemein verbindliche Grundlage dient, obwohl diese Ausgabe modernen textkritischen Ansprüchen nicht genügt. Sie bietet z.B. nur eine Lesart und fällt damit hinter den bereits im Mittelalter erreichten Stand der Textkritik zurück. Dem versucht nun seit kurzem das von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften betriebene Projekt „Corpus Coranicum“ abzuhelfen, das sich selbst so darstellt: „Das Vorhaben "Corpus Coranicum" beinhaltet zwei weitgehend unbearbeitete Felder der Koranforschung: (1) die Dokumentation des Korantextes in seiner handschriftlichen und mündlichen Überlieferungsgestalt und (2) einen umfassenden Kommentar, der den Text im Rahmen seines historischen Entstehungskontextes auslegt. ... Der geplante Kommentar wird den Koran aus diachroner Perspektive in den Blick nehmen, als ein im Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren gewachsenes Textkorpus, das formale und inhaltliche Differenzen aufweist und in dem frühere Texte durch spätere Rückbezüge und Ergänzungen aus- und umgedeutet werden. Der Kommentar beruht darüber hinaus auf einer umfassenden Heranziehung jüdisch-christlicher Intertexte und betrachtet den Text des Korans als ein Dokument der spätantiken Welt.“ Es bleibt abzuwarten, wie die islamische Welt auf dieses Projekt reagiert, vor allem, ob akzeptiert wird, dass der Koran hier ausschließlich mit dem klassischen Instrumentarium einer kritischen Textedition bearbeitet wird, was wohlwollend ja auch als eine Art Arbeitsteilung verstanden werden kann, zumal in diesem Projekt keine der islamischen Grunddogmen in Frage gestellt werden. Zu ganz anderen, tatsächlich umstürzenden Ergebnissen kommt eine lose um Karl-Heinz Ohlig gruppierte Forschungsgruppe. Hier geht es sozusagen „ans Eingemachte“ – mit vorprogrammierten Konflikten, weswegen einige der beteiligten Wissenschaftler es für angeraten hielten, ihre Beiträge nur unter Pseudonym zu veröffentlichen. Ohlig und seine Kollegen haben nämlich nichts anderes vor, als das Selbstbild, das der Islam bisher von sich, d.h. von der Offenbarung des Koran und der Frühgeschichte der neuen Religion im 7. und 8. Jahrhundert, gezeichnet hat, vollkommen auf den Kopf zu stellen. Dabei knüpfen sie an die – richtige – Beobachtung an, dass es für die Frühzeit des Islam einschließlich der Person Mohammeds praktisch keine zeitgleichen Quellen gibt. Diese setzen erst mit dem späten 8. Jahrhundert ein, seien aber, da es sich um islamisches, also parteiisches Material handelt, mit Vorsicht zu genießen. Das traditionelle Selbstbild des Islam (das bislang übrigens im wesentlichen von der westlichen Islamwissenschaft geteilt wurde) geht davon aus, dass der Prophet Mohammed von ca. 570 bis 632 n.Chr. auf der arabischen Halbinsel gelebt hat, erst in Mekka, dann seit der „hidschra“ ab 622 in Medina. Seit ca. 612 ist ihm innerhalb von etwa 20 Jahren der Koran nach und nach geoffenbart worden. Veranlasst durch den dritten Kalifen Osman, sind diese einzelnen Fragmente bereits 20 Jahre nach seinem Tod im wesentlichen in der Form zusammengestellt worden, wie sie uns heute als Koran vorliegen. Sehr bald setzte dann die bekannt rasche und weiträumige islamische Expansion ein, gelenkt durch die Kalifen, Mohammeds politische Nachfolger, die innerhalb weniger Jahrzehnte große Teile des Vorderen Orients, Nordafrikas und sogar Spaniens unter islamische Herrschaft brachten. Ausgehend von einer in der Tat überraschend großen Zahl von schwer verständlichen Wörtern im arabischen Koran kommt Christoph Luxenberg vor allem aufgrund sprachlicher Untersuchungen zu dem Schluss, dass der Koran nicht auf die Weise und nicht innerhalb des Zeitraumes entstanden sein könne, wie bisher allgemein angenommen. Es müsse vielmehr eine sog. syrisch-aramäische Urschrift gegeben haben, die im Ost-Iran in einem christlichen (!) Umfeld entstanden sei mit dem Zweck, Thora und Evangelium auszulegen und deren Übereinstimmung nachzuweisen. In einem längeren, bis ins 9. Jahrhundert andauernden Prozess sei diese Grundschrift dann nach Westen gewandert und dabei arabisiert und islamisch interpretiert worden. Gehe man von der Existenz dieser syrisch-aramäischen Vorlage aus, biete sich für viele der bisher nicht deutbaren Wörter des Korantextes ein befriedigende Lesung an. Diese hier gegebene Skizze wird genauer verständlich, wenn man sie in das neue Bild von der Entstehung des Islam einfügt. Danach habe der Islam als christliche Sekte mit einer spezifischen, vornicaenischen Christologie begonnen, wonach Christus nicht Gott ist, sondern sein Gesandter, Knecht, Prophet und Messias – ganz so, wie der Koran ihn auch sieht. Diese Theologie habe sich in Ostsyrien im Herrschaftsbereich des persischen Sassanidenreiches herausgebildet und gehalten, also außerhalb des Einflussbereiches des byzantinischen Reiches, das bekanntlich im Konzil von Nicaea 325 die Wesenseinheit des Sohnes (also seine Gottheit) mit dem Vater dogmatisiert hat. Es sei sogar zweifelhaft, ob Mohammed als die Gestalt, wie sie von den islamischen Propheten-Biographien, z.B. von Ibn Ishaq, gezeichnet wird, überhaupt gelebt habe, oder ob des Wort Mohammed nicht ursprünglich ein auf den Messias Jesus bezogener Hoheitstitel mit der Bedeutung „der Erwählte“ oder „der Gelobte“, und zwar im vornicaenischen Verständnis, gewesen sei, der erst im 8. Jahrhundert historisiert und noch später mit einer Biographie verbunden worden sei. Auch in der bekannten, 692 entstandenen Inschrift im Jerusalemer Felsendom beziehe sich das Wort „Mohammed“ nicht auf den Propheten, sondern auf Jesus, was den Schluss zulasse, dass es um diese Zeit den Islam als eigene, vom Christentum getrennte Religion noch nicht gegeben habe, wovon übrigens auch in den in dieser Zeit entstanden griechischen Quellen keine Spur zu finden sei. Von einer solchen eigenen Religion könne man erst im 9. Jahrhundert sprechen, und zwar als Ergebnis eines Arabisierungsprozesses, verbunden mit der Notwendigkeit, sich vor allem gegenüber dem byzantinischen Christentum, aber auch dem Judentum abzugrenzen. Mehr als überraschend in diesem Zusammenhang ist übrigens die von Ohlig und seinen Kollegen gegebene Erklärung für die Bedeutung des Jahres 622 n.Chr. Dieses habe ursprünglich den Beginn der auf eine Reihe von Siegen des byzantinischen Kaisers Heraklius über die Sassaniden zurückgehenden Unabhängigkeit der in Persien lebenden, christlichen Araber markiert. Die aus diesem Ereignis abgeleitete Zeitrechnung „nach den Arabern“ sei erst später mit der Biographie Mohammeds verbunden worden, indem seine Flucht (hidschra) von Mekka nach Medina auf dieses Jahr gelegt worden sei. Überblickt man die Diskussion, die diese Forschungsansätze in der Fachwissenschaft ausgelöst haben, so zeigt sich, dass es sich hier durchweg um interessante (von den meisten Fachkollegen und -kolleginnen bisher übrigens nicht geteilten) Hypothesen handelt, um mehr aber (noch) nicht. Das dies so ist, wird von den betreffenden Forschern auch nicht geleugnet. Sie nehmen für sich aber in Anspruch, dass diese Hypothesen überzeugendere Antworten auf viele offene Fragen der islamischen Frühgeschichte geben könnten als das bisher gültige traditionelle Paradigma. Unabhängig davon, in welchem Maße es gelingt, diese Hypothesen zu verifizieren bzw. zu falsifizieren, ist durch die entstandene Diskussion Bewegung in die Erforschung der islamischen Frühgeschichte gekommen, der sich auf Dauer auch die islamische Islam- und Koranwissenschaft nicht wird entziehen können, und zwar nicht wegen der bereits gegebenen Antworten, sondern wegen der offenen und bisher wenig beachteten und bearbeiteten Fragen, auf die diese Antworten hinweisen. Die beteiligten Forscher sind jedenfalls davon überzeugt, dass „ein Verstehen der historischen Anfänge – für die Islamwissenschaft ohnehin ein selbstverständliches Postulat – auch den Islam und seine Theologie nicht [wird] beschädigen, sondern einen Dienst leisten können für den notwendigen Schritt in die Moderne und eine pluralistische Welt“. (Ohlig) |
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